Die Abwesenheit von Problemen garantiert kein Glück

17. Januar 2020
Glücklich zu sein, hängt nicht von einem problemlosen Leben ab. Es hängt jedoch davon ab, wie du darüber nachdenkst, was mit dir passiert. Siehst du die Dinge als Bedrohungen oder Herausforderungen? Als Fehler oder Lernmöglichkeiten?

Die Abwesenheit von Problemen führt nicht automatisch zu Glück. Wichtiger ist die Bereitschaft, die Unsicherheit, die Angst erzeugen kann, zu ändern und zu tolerieren. Dies in die Praxis umzusetzen, kann jedoch schwierig sein. Wie Albert Camus sagte, sind die Menschen besessen davon, das Glück zu finden, als wäre es der Heilige Gral. Wohlbefinden ist jedoch kein Ziel, sondern eine tägliche Übung, die adaptive Strategien und neue Perspektiven erfordert.

Es ist bereits viel Zeit verstrichen, seit Martin Seligman, Psychologe an der Universität von Pennsylvania, die Notwendigkeit hervorgehoben hat, mehr als nur Pathologien zu betrachten. Er argumentierte, dass es auch wichtig sei, über die Verbesserung unserer Stimmungen und unseres Wohlbefindens nachzudenken. Die positive Psychologie trat erstmals im Jahr 1990 in Erscheinung. Seitdem gibt es unzählige Theorien und gut gemeinten Ratschläge zum Thema Glück.

Jedes Jahr erscheinen Tausende Bücher über Glück. Universitäten bieten Hunderte von Kursen zu diesem Thema an und Menschen wie Tal Ben-Shahar betrachten sich heute als echte Gurus auf diesem Gebiet.

Darüber hinaus leisten auch die Neurowissenschaften einen Beitrag in diesem Bereich. Experten erforschen, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir glücklich sind und was wir tun können, um das Glück zu steigern.

Diese Trends, Ansätze und Perspektiven sind alle interessant und inspirierend. Einige Leute weisen jedoch darauf hin, dass dies alles auch einen problematischen Aspekt hat: Wir haben das Konzept des Glücks zu einem Marketing-Gimmick gemacht. Wir „unterrichten“ die Bevölkerung zunehmend darüber, was es braucht, um glücklich zu sein. Gleichzeitig machen wir die Menschen jedoch intolerant gegenüber Trauer, Angst, Unsicherheit und Unbehagen.

Die Realitäten des Lebens sind nicht immer einfach. Manchmal, und egal wie sehr wir uns auch bemühen, glücklich zu sein, steht unsere Situation nur im Weg. Deshalb ist es wichtig, dass wir das Konzept des Glücks überdenken. Lass uns nachfolgend untersuchen, wie wir diesbezüglich vorgehen können.

Der Umgang mit Widrigkeiten und diesen komplexen emotionalen Zuständen hat auch viel mit deiner Chance zu tun, glücklich zu sein.

Glück ist nicht nur die Abwesenheit von Problemen

Es ist leicht zu glauben, dass wir glücklich wären, wenn wir einfach alle unsere Probleme lösen könnten und die Abwesenheit von Problemen unser Glück garantieren würden. Aber, wenn dies der Fall wäre, wäre Glück etwas, das nur äußerst selten vorkommt. Die Welt, in der wir leben, ist unvorhersehbar. Wir interagieren jeden Tag mit vielen Menschen, sodass es nur natürlich ist, dass Konflikte und Missverständnisse entstehen können. Es spielt keine Rolle, wer du bist oder wo du wohnst. Probleme entstehen nun einmmal und niemand ist immun gegen das, was um sie herum passiert oder was in ihnen vor sich geht.

In den letzten Jahren sind in der akademischen Welt neue Stimmen aufgetaucht, die eine andere Perspektive auf das Glück bieten. Psychologen wie Jermone Wakefield (von der University of New York) und Allan Horwitz (von der Rutgers University) haben Bücher wie The Loss of Sadness: How Psychiatry Transformed Normal Sorrow in Depressive Disorder geschrieben, die darüber sprechen, wie wir versuchen, Emotionen, wie Traurigkeit und Frustration, zu verbannen.

Wenn du diese Emotionen jedoch nicht erkennst und nur auf positive Emotionen Wert legst, entwickelst du dich im Grunde genommen zu einer emotional ungebildeten Person. Heute sind so viele Menschen ratlos darüber, was sie mit ihrer Angst tun sollen. Sie wissen nicht, warum sie einen Knoten im Magen haben oder warum ihre Angst sie manchmal lähmt. Der Umgang mit Widrigkeiten und diesen komplexen emotionalen Zuständen hat auch viel mit deiner Chance zu tun, glücklich zu sein.

Menschen erreichen ein Gleichgewicht und Selbstverwirklichung, wenn sie sich mit sich selbst zufrieden fühlen. Die Abwesenheit von Problemen ist nicht gleich Glück.

Das Glück wagt es, trotz Angst und Unsicherheit, zu handeln

Ich möchte gerne eine Definition von Glück retten, die sowohl inspirierend als auch angemessen ist und von Neurowissenschaftlern, Psychologen, Psychiatern, Ökonomen und sogar buddhistischen Mönchen gebilligt wird.

Es geht darum, deinem Leben einen Sinn zu geben, einen Zweck zu haben und proaktiv zu sein. Es geht darum, bereit zu sein, zu wachsen und Widrigkeiten und die Herausforderungen des täglichen Lebens anzunehmen. Denn laut dieser alternativen Perspektive sind dies die wahren Schlüssel zum Glück.

Eduard Punset hat einmal gesagt, dass Glück die Abwesenheit von Angst ist. Wenn diese Idee jedoch falsch interpretiert wird, ist sie ein bisschen pervers, da die Menschen nicht einfach aufhören können, Angst zu empfinden. Diese Emotion ist dem Menschen angeboren, der wir sind und sie erfüllt einen Zweck. In der Tat sogar mehr als nur einen.

Dies ist ein gutes Beispiel: „Ich habe Angst, in eine neue Stadt zu ziehen und ein neues Leben zu beginnen, aber ich weiß, dass ich es tun sollte. Wenn ich diesen Schritt mache, werde ich wachsen. Deshalb muss ich mutig sein und es trotz meiner Angst tun.“

Ich bin mir bewusst, dass Probleme auftreten können, aber ich fühle mich in der Lage, damit umzugehen

Auch hier ist Glück nicht gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Problemen. Die Wahrheit ist vielmehr die, dass das Glück erst dann greift, wenn du Herausforderungen meistern kannst. Sonja Lyubomirsky, Psychologieprofessorin an der University of California, gehört zu den Experten, die die Mythen über positive Psychologie und Glücksgefühle entlarven. Etwas, worüber sie häufig spricht, ist, dass das Wohlbefinden nicht durch das Erreichen von Zielen oder durch materielle Besitztümer definiert wird.

Menschen erreichen ein Gleichgewicht und Selbstverwirklichung, wenn sie sich mit sich selbst zufrieden fühlen. Wenn du dich in der Lage fühlst, mit dem fertig zu werden, was als Nächstes auf dich zukommt, wenn dein Selbstwertgefühl stark ist und wenn du mit deinen Ängsten, deinem Stress und deinen Sorgen umgehen kannst. Wenn du diese Stärke spürst, fließt alles viel besser.

Denke daran, dass das Leben nicht immer einfach ist. Du wirst auf deinem Weg viele Beulen und blaue Flecken davontragen. Dies ist eine Realität, der du nicht entkommen kannst. Versuche daher also, die Dinge zu akzeptieren.

Anstatt gegen deine Probleme anzukämpfen, arbeite daher an deinem persönlichen Wachstum und deinen psychischen Stärken, die es dir ermöglichen, in dein eigenes Wohlbefinden zu investieren. Die Abwesenheit von Problemen ist nicht mit Glück gleichzusetzen.

Niemand ist immun gegen Probleme und gegen Dinge, die auf den Kopf gestellt werden, wenn man es am wenigsten erwartet. Anstatt gegen deine Probleme anzukämpfen, arbeite daher an deinem persönlichen Wachstum und deinen psychischen Stärken, die es dir ermöglichen, in dein eigenes Wohlbefinden zu investieren.