Der Zuschauereffekt: Wenn bei Not niemand hilft

22. August 2019

Vor einigen Jahren wurde eine junge Frau in New York, USA, mitten in einem Wohngebiet auf offener Straße erstochen. Die junge Frau verstarb an ihren Wunden. Obwohl dies nicht sehr oft geschieht, fand diese Nachricht im Nachhinein besondere Beachtung. Was die Aufmerksamkeit der Presse auf sich zog, war der sogenannte Zuschauereffekt, auch Bystander-Effekt oder Genovese-Syndrom genannt.

Was ist passiert? Nun, die Kehrseite des Falls ist, dass mindestens 38 Zeugen den Mord beobachtet hatten und keiner von ihnen intervenierte, um ihn zu verhindern. Der Mörder brauchte mehr als eine halbe Stunde, um diese junge Frau namens Kitty Genovese zu töten. Das wirklich Unglaubliche an diesem Fall ist also, dass niemand der jungen Frau geholfen hat. Keiner der 38 Zeugen rief die Polizei. Sie alle beobachteten, aber niemand half.

Als die Menschen anfingen, nach Gründen zu suchen, warum sie nicht geholfen hatten, wurden Ausdrücke wie „dekadente Moral“, „Entmenschlichung in städtischer Umgebung“, „Entfremdung“ und „existenzielle Verzweiflung“ verwendet. Dabei wurden andere Faktoren übersehen.

Dieser Fall veranschaulicht deutlich das Phänomen, das als Zuschauereffekt bezeichnet wird. Der Zuschauereffekt oder die Verteilung der Verantwortung bezieht sich auf Fälle, in denen Personen, die Zeugen einer Straftat werden, den Opfern keine Unterstützung anbieten, weil auch andere anwesend sind, die dies tun könnten.

Die Sozialpsychologie hat dieses Phänomen ausführlich untersucht. Es ist ein psychologisches Phänomen, das zeigt, dass es weniger wahrscheinlich ist, dass jemand in einer Notfallsituation eingreift, wenn mehr Menschen anwesend sind.

Menschenmenge

Warum hat Kitty Genovese niemand geholfen?

Eine Person, die Zeuge einer Notsituation wie einer Messerstecherei oder eines Mordversuchs wird, befindet sich in einem Konflikt. Sie kennt ethische und moralische Regeln, die besagen, dass sie dem Opfer helfen solle. Sie hegt jedoch auch rationale und irrationale Befürchtungen, was ihr passieren könnte, wenn sie helfen würde.

Hinter all dem steht die Angst vor Körperverletzung, der Teilnahme an polizeilichen Ermittlungsverfahren und Gerichtsverfahren, Verlegenheit bei Beobachtung durch andere, und andere, unbekannte Gefahren. Alle diese Faktoren tragen zur Erhöhung der Wahrscheinlichkeit bei, dass niemand hilft.

Im Falle der jungen Kitty Genovese wussten alle Zeugen, dass auch andere das schreckliche Verbrechen beobachteten. Niemand wusste jedoch, wie die anderen reagieren würden. Auf diese Weise verteilte sich die Verantwortung auf alle Betrachter. Sie alle teilen die Schuld, weil sie nicht interveniert haben, und einige haben sicher auch angenommen, dass jemand anders schon die Polizei gerufen oder versucht hätte, einzugreifen.

Suizidversuch - und eine Gruppe von Menschen schaut dabei zu

Der Zuschauereffekt tritt nicht auf, wenn es nur einen Beobachter gibt

Wenn ein Notfall vorliegt und nur ein Zeuge anwesend ist, kann nur diese Person helfen. Ja, sie könnte sich entscheiden, nicht zu helfen, aber der Interventionsdruck liegt ausschließlich auf ihr. Wenn jedoch mehrere Menschen anwesend sind, verspüren sie alle diesen Druck, aber in geringerem Maß. Das ist normalerweise der Fall, wenn niemand hilft.

Die potenzielle Schuld wird ebenfalls von allen Beobachtern geteilt und wiegt deshalb weniger schwer. Es gibt Belege dafür, dass das moralische Verhalten einer Person von ihren Gedanken hinsichtlich Bestrafung oder Belohnung abhängig ist, und es ist anzunehmen, dass unter Umständen, in denen eine Gruppe von Personen die Verantwortung trägt, die Bestrafung oder die individuelle Schuld klein oder nicht vorhanden ist. Die Logik lautet: Jeder hätte handeln können, also bin nicht ich schuld, dass ich nicht geholfen habe.

Eine Frau bettelt auf der Straße und mehrere Menschen gehen vorbei.

Vielleicht hat bereits jemand geholfen

Wenn sich Menschen in einer Notfallsituation befinden, kann das Verhalten und die Reaktion der Zeugen nicht immer beobachtet werden. Wenn dies der Fall ist, könnte also jeder von ihnen annehmen, dass einer der anderen bereits Maßnahmen ergriffen hätte. Denn man muss ja irgendwie helfen.

Dies schwächt die persönliche Verantwortung und stärkt die Annahme, dass die eigene Hilfe unnötig oder sogar schädlich wäre. In einer Situation, in der es Zeugen gibt, deren Verhalten nicht beobachtet werden kann, kann jeder seine mangelnde Handlung rationalisieren, weil ja „jemand anderes das Problem besser lösen kann“.

Wie können wir diese Annahme beweisen? Zunächst muss künstlich eine Notfallsituation geschaffen werden. Die Beteiligten dürfen nicht miteinander kommunizieren, damit sie ihr Verhalten nicht aufeinander abstimmen können. Schließlich soll das Experiment es uns ermöglichen, die Geschwindigkeit der Reaktionen der Menschen während des Notfalls zu bewerten.

Die Ergebnisse solcher Experimente führen uns zu der Schlussfolgerung, je mehr Zeugen es gibt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass einer von ihnen Unterstützung leistet. Und wenn sich jemand dazu entscheidet, wird er eher langsam zur Hilfe eilen. Der Zuschauereffekt ist eine traurige, grausame Lebensrealität.

Zwei Jungs rangeln miteinander.

Der Zuschauereffekt in unserer Gesellschaft

Wir können den Zuschauereffekt in vielen Situationen unseres täglichen Lebens beobachten. Leider steht das Phänomen des Mobbings in der Schule zurzeit im Rampenlicht. Warum helfen die Umstehenden nicht der Person, die gemobbt wird? Der Zuschauereffekt könnte diese Situation zumindest teilweise erklären, da einer der Faktoren darin besteht, dass die Beobachter still sind.

In vielen Unternehmen oder Organisationen können wir den Zuschauereffekt ebenfalls sehen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es eine unfaire Lohnstruktur oder Arbeitsbedingungen gibt. In dieser Situation könnte der Zuschauereffekt erklären, warum niemand etwas dagegen unternimmt. Wie wir gesehen haben, erhob der Zuschauereffekt auch beim Mord an Kitty Genovese sein hässliches Haupt.

Menschen helfen in Notsituationen eher nicht, wenn mehrere Personen das Ereignis miterleben. Sie tragen dann alle eine gemeinsame Verantwortung. Und wenn wir nur als Teil einer sozialen Gruppe und nicht als Einzelperson auftreten, ist es für uns schwieriger, jemanden zu helfen. Wir sollten dann selbst aktiv werden und die Menschen um uns herum zum Handeln auffordern, anstatt uns von den Menschen um uns herum beeinflussen zu lassen.