Der Umgang mit hochsensiblen Menschen

· 24. Juli 2017

Hochsensibilität ist eine Gabe, aber auch eine Herausforderung – für den hochsensiblen Menschen und für sein Umfeld. Manche Menschen achten sehr auf ihre Worte und Taten, sodass sie hochsensible Menschen nicht verletzen. Aber wenn du Sätze wie „Es tut mir leid“  oder „Sei mir nicht böse“  allzu häufig aussprichst, dann setzt du vielleicht zu viele Nadelstiche in die Seelen deiner Mitmenschen.

Stellen wir uns vor, wir wären Kreisel, die sich auf sehr engem Raum drehen: Manchmal stoßen wir uns gegenseitig an, das ist normal. Aber im nervösen Tanz der Beziehungen treffen wir zuweilen auf Menschen mit einer extrem dünnen Haut. Sie sind so sensibel, dass es ihnen schwerfällt, nach einem Zusammenstoß wieder in Bewegung zu kommen.

„Jeder kann wütend werden – das ist leicht. Aber auf die richtige Person wütend zu sein, im richtigen Maße, zur richtigen Zeit und aus dem richtigen Grund – das liegt nicht in jedermanns Macht und ist sehr schwer.“

Aristoteles

Natürlich sprechen wir von hochsensiblen Menschen. Sie sind Experten, was Leid angeht, und verbreiten es häufig auch. Sie neigen dazu, die Opferrolle einzunehmen, sind charakterisiert durch Unsicherheit und fehlendes Selbstbewusstsein. Deshalb sind sie nicht selten von der Bestätigung anderer abhängig.

Du musst darauf vorbereitet sein, wenn du eine emotionale Beziehung mit dieser Art von Mensch beginnst, denn du wirst auf jedes kleinste Detail achten und die richtigen Worte, Gesten und Taten wählen müssen, wenn du nicht willst, dass sie sich beleidigt oder betroffen fühlen. Wenn ihr kein Gleichgewicht findet, nagen die ständigen Konflikte schließlich auch an deinem Selbstbewusstsein und zerstören es. Vermeide solche Dynamiken.

Wenn du dich wegen ihrer Wut schuldig fühlst

„Sei nicht böse, es wird nicht wieder vorkommen“, „beruhige dich, es war nicht dein Schuld“,  und ähnliche Sätze lassen dich immer tiefer in ein kompliziertes psychologisches Labyrinth eindringen, aus dem nur schwer wieder herauszufinden ist. Es ist nicht in Ordnung, dass du dich ungerechtfertigterweise für deine „Vergehen“ entschuldigen musst, die keine sind. Du magst denken, dass es besser sei, wenn du die Schuld auf dich nimmst, wenn das nur ihre Wut abebben lässt. Denn mit all diesem Gewicht auf deinen Schultern zu leben, wird dir nach und nach deine emotionale Integrität nehmen.

Dieser Umstand wird auch „defensive Schuld“ genannt. Es handelt sich hierbei um einen Mechanismus, den Opfer von emotionaler Erpressung oft einsetzen, um sich vor ihrer eigenen Machtlosigkeit zu beschützen. Das ist sicherlich ein sehr komplexes Thema. Denke aber immer daran, dass hochsensible Menschen sehr verletzlich sind. Obwohl ihr geringes Selbstbewusstsein sie dazu veranlasst, ihre Umwelt durch die Augen eines Opfers zu interpretieren, ist Aggressivität niemals gerechtfertigt.

Der Umgang mit dieser Art hochsensibler Menschen gleicht nahezu einem Ritual: Alles geht gut, solange du nachgibst, deinen Kopf senkst und sie mit deinen Worten und Taten ehrst. So vermeidest du, dass der Dämon der Sensibilität seinen Kopf emporreckt.

Wenn du bereits in diesem Teufelskreis feststeckst und nicht reagierst, verhältst du dich wie die Motte, die um eine Kerze kreist, bis sie sich langsam die Flügel verbrennt.

Wie man mit einem hochsensiblen Menschen leben kann

Du musst nicht davonlaufen oder dich dieser Person trennen, ohne zu kämpfen. Du wirst es bereuen, wenn du dich von ihr distanzierst, ohne ihr eine Chance gegeben zu haben. Es ist immer besser, sämtliche Alternativen zu betrachten, bevor man eine solch radikale Entscheidung trifft. Wenn du sie liebst, dann kämpfe um sie. Wenn du allerdings gegen Mauern anrennst, dann gibt es keine andere Option, als dich zu distanzieren, um deine persönliche und emotionale Integrität zu schützen.

Interessanterweise hat in den 90ern eine Reihe von Studien über Hochsensibilität gezeigt, dass es diese keine Störung ist – wie so mancher Experte vermutete -, sondern ein Merkmal der Persönlichkeit. Um das besser zu verstehen, musst du zwischen den verschiedenen Arten von Sensibilität zu unterscheiden lernen:

  • Die gewöhnliche Sensibilität ist auf die Gefühle anderer ausgerichtet. Die sensible Person kann die Gefühle anderer nachvollziehen, ist empathisch.
  • Die Hochsensibilität dagegen betrifft die eigene Person und deren Reaktion auf die Umwelt. Hochsensible Menschen sind häufig sehr defensiv.

Strategien für den Umgang mit hochsensiblen Menschen

  • Passe dich niemals den Manien, Obsessionen oder Sorgen anderer an. Wenn du davon besessen bist, darauf zu achten, sie nicht wütend zu machen – und zwar bis zu dem Punkt, an dem du jedes noch so kleine Detail kontrollierst – wirst du alles verlieren.
  • Denke nach, bevor du ein Urteil fällst oder ihnen deine Meinung mitteilst. Denke darüber nach, wie wenig Lust du darauf hast, weiterhin ihre Zielscheibe zu sein, immer die Schuld auf dich zu nehmen und die Vogelscheuche zu sein, die sie beschützt und beruhigt.
  • Gib ihnen zu verstehen, dass sie sich und andere unglücklich machen, wenn sie sich stets angegriffen fühlen.
  • Hilf ihnen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Allerdings müssen sie auch deines schätzen. Ihre Haut ist sehr dünn, aber du hast ebenfalls Schmerz erlitten und Narben davongetragen.
  • Frage vor allem nach Anerkennung und Respekt. Denn am Ende hast du keine Lust mehr darauf, durch ein Minenfeld zu laufen, in dem jeder Schritt zu einem Wutanfall führen könnte. Niemand kann den ganzen Tag in einem Zustand endlosen Stresses verbringen. Das Leben ist zu kurz, um in Angst zu leben.