Der Traumjäger – eine schöne Legende der Lakota

· 3. Dezember 2018

Die Legende vom Traumjäger stammt aus der Lakota-Gemeinschaft, einer ethnischen Gruppe, die zu den Sioux gehört und am Ufer des Missouri River in den USA lebt. Es sind dieselben Menschen, die in dem berühmten Film Der mit dem Wolf tanzt  die Hauptrolle spielten, einem Film, der einen Teil ihrer Bräuche und Rituale zeigt.

Die Lakota haben eine Gottheit, die sie Iktomi nennen. Iktomi ist der Gott der höchsten Weisheit, derjenige, der wesentliche Lehren für die Gemeinschaft vermittelt. Er kennt viele Geschichten und von Zeit zu Zeit teilt er sie mit den Sterblichen, so die Überzeugung der Lakota. Sie glauben, dass Iktomi sich dafür zuweilen menschlicher Form zeige. Er sei dann ein großer Mann, dessen Gesicht rot und gelb gefärbt sei. Meistens präsentiere er sich den Indianern jedoch in Form einer Spinne. Einer weisen Spinne, die manchmal rätselhafte Worte ausspreche und manchmal gar scherzhaft werde. Und es war Iktomi, der den Lakota die Legende vom Traumjäger vermachte.

„Jeder von uns wurde in diese Zeit und an diesen Ort platziert, um über die Zukunft der Menschheit mitzuentscheiden. Dachtest du, du wärst wegen etwas weniger Wichtigem hier?“

Arvol Looking Horse, Leiter der Lakota Nation

Ein magischer Berg

Man sagt, dass vor vielen Jahren, als die Welt noch jung gewesen sei, ein alter Lakota einen Berg bestiegen und eine fabelhafte Vision gehabt hätte. Darin sei Iktomi erschienen, der große Meister der Welt, in Form einer Spinne. Er habe begonnen, in einer heiligen Sprache zu reden, da er der Auserwählte gewesen sei, um wichtige Themen anzusprechen.

Während er gesprochen habe, habe Iktomi von der ältesten Weide des Ortes einen Zweig abgebrochen und einen Ring daraus gemacht. Dann habe er ein kleines Rosshaar angebracht, auch schöne Federn von bunten Vögeln, Perlen und andere kleine, herrliche Gegenstände. Als er damit fertig gewesen sei, habe er begonnen, zu weben.

Gleichzeitig habe er einem alten Mann gesagt, dass das Leben der Kreislauf sei. Anfang und Ende würden Hand in Hand gehen. Wir würden uns nicht auf einer geraden Linie bewegen, wie man vielleicht meinen könnte. Eigentlich würden wir einen Zyklus beginnen, nur um am Anfang eines neuen zu enden und so weiter, für immer und ewig.

Spinnenfrau

Das Leben und die Altersstufen des Menschen

Die Legende vom Traumjäger erzählt, dass Iktomi dem alten Mann gesagt habee, dass die Altersstufen der Menschen auch Zyklen folgten. Wir würden mit einem Leben beginnen, das sehr empfindlich und abhängig sei. Nach und nach werden wir stärker. Wir gehen auf eigenen Füßen, laufen und werden dann erwachsen. Das mache uns leistungsfähiger und freier.

Aber wir werden bald alt. Wir werden wieder zu zerbrechlichen Wesen, die andere brauchen. Dann schließe sich der letzte Kreis und der Tod komme. Das Ende sei dem Anfang ähnlich und der Kreislauf wiederhole sich immer wieder, mit dem Leben eines jeden Menschen, der auf die Erde komme.

Iktomi habe weiterhin im Inneren des Weidenrings gewebt, während der alte Lakota ihm begeistert zugehört habe. Die Offenbarung sei ihm außergewöhnlich erschienen. Er habe verstanden, dass man nicht vorwärts, sondern zum Ende hin gehe. Und dass jedes Ende auch ein Anfang sei. Dies ist der ultimative Sinn des Traumjägers.

Traumfänger am Morgengrauen

Der Traumjäger

Iktomi habe seine Lehren fortgeführt. Er habe dem alten Mann gesagt, dass es in jeder Lebensphase viele Kräfte gebe, die in verschiedene Richtungen wirkten. Einige seien positiv und andere negativ. Diese Kräfte können die natürliche Harmonie des Schicksals verändern. Deshalb sei es notwendig, ihnen viel Aufmerksamkeit zu schenken und zu wissen, wie man sie identifiziere, denn das Gute scheine nicht immer gut und das Schlechte werde zuweilen nicht als schlecht verstanden.

Iktomi habe das Spinnennetz von der Außenseite des Weidenrings nach innen gewebt. Doch irgendwann habe er innergehalten – und ein Loch in der Mitte hinterlassen. Dann habe er dem alten Mann gesagt, dass er ihm dieses Kunstwerk überreichen würde, damit alle Lakota lernen können, ihre Träume und Visionen gut zu nutzen. Gute Ideen und vielversprechende Projekte müssten im Spinnennetz eingefangen werden. Die schlechten müssten durch das Loch in der Mitte des Gewebes entkommen können.

Der alte Mann habe die Legende vom Traumjäger an die nächsten Generationen weitergegeben. Seitdem verwenden die Lakota das Gewebe des Itkomi als Grundlage für den Aufbau ihrer Zukunft. Die Westler nennen es „Traumfänger“. Bei guter Anwendung dient es dazu, Träume und Träumereien zu erforschen, auf der Suche nach den Wahrheiten, die das Leben bestimmen.