In diesem Leben gibt es keine Antworten, es gibt nur Geschichten

· 12. April 2016

Wir Menschen verfügen über Logik und Verstand und deshalb suchen wir nach einem Sinn in den Dingen und fragen uns, warum wir sind, was wir sind. Oft führen wir diese Analyse unter Einbeziehung der Situation der Menschen, die uns umgeben, durch. Wir ernähren uns von den Geschichten der anderen, wir kämpfen dafür, eine minimale Ähnlichkeit zu entdecken, damit das, was uns passiert, nicht mehr ganz so seltsam scheint.

Einige Geisteskranke zum Beispiel fühlen sich manchmal wie in einem Delirium, sie nehmen wahr, dass die Welt sich verändert hat und unheilvoll für sie geworden ist. Doch die Linie zwischen dem, was wir Normalität nennen und was nicht, ist sehr fein und verschwindet, wenn wir sie nur mit einer Stecknadel anstoßen.

Deshalb ist es logisch, dass wir nicht nur nach Geschichten in unserer Umgebung suchen, sondern auch bei bestimmten Denkrichtungen und sozialen Gruppen nach Lösungen für unsere Dilemmata suchen. Wir machen uns auf die Suche nach Antworten auf unsere Fragen, nach Lösungen für unsere Probleme und versuchen, Gemeinsamkeiten mit den Geschichten der anderen zu finden.

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Unsere Geschichte und unsere Umstände

Wir können nicht die Antwort auf die Frage nach dem, was wir sind, in anderen suchen. Alles, was in unserem Leben passiert, hat eine bestimmte Form und einen bestimmten Sinn, weil es eben uns und nicht jemand anderem passiert. Ortega y Gasset hat das bereits  1914 in seinem wunderbaren Buch Meditationen über Don Quijote  untersucht, und sich dabei auf das Konzept des Umstands bezogen (das, was uns umgibt, und wie es mit unserem Körper und unserem Verstand in Beziehung steht).

Wir sind auf diese Welt mit einem Körper und unter bestimmten historischen Umständen gekommen und all dies bildet den Kontext dafür, die Version von uns selbst zu werden, die uns am besten gefällt. Dies hat seinen Ursprung in unserem Unterbewusstsein, und dies wiederum führt dazu, dass wir uns für manche Dinge entscheiden und gegen andere.

„Ich bin ich und meine Umstände, wenn ich diese berücksichtige, dann rette ich mich selbst.“
 
José Ortega y Gasset
 
Wenn wir alle die gleichen Charakterzüge hätten und unter den gleichen Umständen lebten, dann würde es vielleicht weniger Ungerechtigkeiten geben, aber es würde auch weniger Geschichten geben: Diese, die sich in Büchern wiederfinden und die uns von Generation zu Generation zum Träumen und Nachdenken bringen. Ich habe meine Umwelt und meine Umstände: Meine Art, darin einen Sinn zu finden, sie zu nutzen oder ihnen aus dem Weg zu gehen, sorgt dafür, dass mein Leben an Form gewinnt.

Das Wunder der echten Geschichten und der falschen Antworten

Es gibt ohne Zweifel klare Antworten für bestimmte Dinge. Eine mathematische Gleichung oder die Tatsache, dass die Erde sich um die Sonne dreht, sind Erklärungen, die jeden von uns zu überzeugen scheinen. Es ist jedoch eher absurd und gefährlich als logisch und sinnvoll, für alle Menschen gültige Antworten finden zu wollen, wenn es um Fragen des Lebens und um persönliche Entscheidungen geht.

Umstände schaffen einzigartige Geschichten und keine universellen Antworten.

Die Menschen sind aus Geschichten gemacht, die aus ihrem Zusammentreffen mit der Welt entstehen. Was ein Mensch im Vergleich zu einem anderen erlebt hat, kann sich in einer gewissen Weise ähneln, aber nicht in der Tiefe und in der Bedeutung, die dieses Ereignis für jeden Einzelnen von ihnen gehabt hat.

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Für einige kann der Abschluss der Universität ein Ereignis voller Freiheit und Befriedigung bedeuten, während es für andere etwas sehr Unangenehmes ist, da es Ungewissheit und Melancholie erzeugt. Anhand dieses Beispiels und an vielen anderen sehen wir, dass die einzige Gemeinsamkeit aller Menschen darin besteht, sich wohlfühlen zu wollen, aber wohlfühlen bedeutet für jeden von uns etwas ganz anderes.

Deshalb gibt es keine Antworten, nur Geschichten. Es stehen nur ein paar Hinweisschilder auf dem Weg der anderen, die wir für unseren eigenen verwenden könnten, aber sie sind nicht mehr als das. Manchmal liegen wir richtig und manchmal falsch und manchmal verraten wir sogar unsere eigenen inneren Bedürfnisse, um die anderen zufriedenzustellen.

Unsere Geschichte ist eine für uns selbst gültige Antwort

Hör deshalb damit auf, dein Leben im Vergleich mit anderen zu analysieren. Vergleiche es nicht mit dem, was anderen passiert ist, ob es gut oder schlecht für den anderen war, eine bestimmte Entscheidung getroffen zu haben. Jedesmal wenn du das tust, verzichtest du auf deine eigene Individualität, auf deine eigenen Kriterien und auch auf die kleine Revolution, einfach du selbst zu sein.

Wenn man alle Fälle mit der gleichen Messlatte misst, dann heißt das, dass man die Umstände jedes Einzelnen ignoriert, und dies hat durchaus eine direkte Folge für unsere Gesellschaft: Fehlende Empathie und Dominanz einer einzigen Denkweise, die unsere Gedanken gleichförmig und unser Leben weniger farbenfroh macht.

Gegen Ungerechtigkeit und fehlende Chancengleichheit zu kämpfen ist eine soziale Pflicht, und geht oft mit der Art und Weise einher, mit der du deine eigenen widrigen Umstände auflöst: Manchmal muss du einfach nur du selbst sein, egal wie deine Umstände sind, um etwas in der Welt zu verändern.