Wenn dir die Liebe die Flügel stutzt, ist es keine Liebe, sondern Abhängigkeit

· 21. Dezember 2017

„­Ich kann nicht ohne dich leben“ – ein Satz, den wir in unzähligen Liedern, Gedichten oder in alltäglichen Konversationen hören. Ganz zu schweigen von Radiosendungen, in denen davon gesprochen wird, oder von TV-Soaps, Melodramen und vielen weiteren Unterhaltungsmedien. Im Grunde genommen merken wir nicht, dass das der Inbegriff einer Abhängigkeit ist.

Man spricht auch von „der besseren Hälfte“, davon „ohne den anderen nichts zu sein“ und „mit dir gehe ich ans Ende der Welt“. Die grausame Realität zeigt uns jedoch, dass hinter solchen, und vielleicht harmlosen, wörtlichen Liebesbekundungen, noch mehr stecken kann. Vielleicht verbirgt sich dahinter ein gemeiner Feind: die Abhängigkeit.

„Er sagte ihr, dass die Liebe ein Gefühl wäre, das gegen die Natur sei, das zwei Unbekannte durch eine gemeine und ungesunde Abhängigkeit bestrafe, je kürzer sie andauere, desto intensiver sei sie.“

Gabriel García Márquez

Wie wir sehen ist es die gleiche Gesellschaft, die Botschaften wiederholt, die ganz im Sinne der romantischen Liebe sind, die diese emotionale Abhängigkeit nährt. Gerade in diesen Botschaften verliert die Liebe ihre Bedeutung, um zu einem stillen Kampf zu werden, der nach und nach die Beziehung zerstört. Das führt nie zu etwas Gutem.

Fällt es uns auf, wenn wir aus Liebe Abhängigkeit wird? Das ist keinesfalls leicht, vor allem, weil der Stolz und die Angst davor, allein zu sein, verantwortlich dafür sind, dass wir unsere Augen vor der Realität verschließen. Aber wenn es ein sicheres Warnsignal dafür gibt, dann ist es das Folgende: Solltest du in deiner Beziehung leiden, du sie aber nicht beenden kannst, ist es gut möglich, dass aus Liebe Abhängigkeit geworden ist.

Das Bedürfnis, den anderen zu kontrollieren und kontrolliert zu werden: ein Anzeichen für Abhängigkeit

Wer von seinem Partner abhängig ist, hängt die ganze Zeit an seinem Handy, um zu sehen, ob der andere online ist; und wenn er es ist, aber nicht sofort antwortet, kommen sofort Zweifel, Ängste, Wut und Mutmaßungen auf. Sie oder er kann dem Partner nicht antworten, weil sie/er in mitten eines Meetings, im Unterricht oder sonst wo ist. Es besteht auch die Möglichkeit, dass sie/er zu diesem Zeitpunkt einfach nicht antworten will, was aber kein Zeichen dafür ist, dass sie/er den anderen weniger liebt.

Gefesselter Mann mit Flügeln

Aus diesem Grund sind schon viele Beziehungen in die Brüche gegangen oder beide Partner haben mit großen Problemen in der Partnerschaft zu kämpfen. Wissen zu wollen, wo der andere ist, was er macht oder was er denkt, ist ein eindeutiges Anzeichen für eine emotionale Abhängigkeit. Soziale Netzwerke werden zu Sammelplätzen für Missverständnisse. Der Status „online“ in Facebook oder WhatsApp reicht schon aus, damit der abhängige Partner seine bessere Hälfte verdächtigt.

Auch das Gefühl, dass man für den anderen nicht wichtig ist, ist ein Hauptproblem: „Was ist nur mit dir, dass du nicht einmal mehr eifersüchtig bist?“ oder „Ist es dir egal, bei wem ich bin?“ Aus einer Mücke wird ein Elefant gemacht. Die Liebe wird dann nicht genutzt, um zusammen zu wachsen, sondern zeigt eine ihrer schlimmsten Gesichter und die Unsicherheit des abhängigen Partners kommt zum Vorschein.

Manipulation und Abhängigkeit

Der abhängige Part will die Beziehung um jeden Preis retten. Es ist fast so, als würde er sich am letzten Stück Holz festklammern, das nach einem Schiffbruch auf der Meeresoberfläche schwimmt. Ihn interessiert nicht, dass der Schmerz dadurch nur noch größer wird. Das einzige, was ihm wichtig ist, ist, keinesfalls zuzulassen, dass sich der Partner distanziert und sich irgendwann trennt.

Er isst nicht, schläft nicht. Das Immunsystem ist angeknackst und der abhängige Partner wird krank. Dann greift er auf manipulative Maßnahmen zurück. Sie oder er ist der Verursacher des Unglücks. Wenn sie/er geht, macht es keinen Sinn mehr, zu kämpfen: „Ich brauche dich an meiner Seite, weil ich ohne dich nichts bin.”

Frau durch Stricke gefangen

Der Partner fühlt sich unter Druck gesetzt und sogar schuldig wegen der Situation. Auch wenn er den anderen nicht mehr liebt, bleibt er dennoch an seiner Seite. Er möchte sich nicht sein ganzes Leben mit der Verantwortung belasten, den anderen ernsthaft verletzt zu haben. Das könnte sie/er sich nicht verzeihen. An diesem Punkt angekommen können wir nicht mehr von Liebe sprechen. Obwohl die Beziehung bestehen bleibt, bringt sie nun nur noch Schmerz, und nichts anderes mehr.

Was kann ich tun, wenn ich emotional abhängig bin?

Wie bei allem im Leben, ist es der erste Schritt, zu erkennen, dass wir vor einem Problem stehen. Wir müssen akzeptieren, dass von dieser wunderbaren Beziehung nur eine Verpflichtung dem anderen gegenüber übrigbleibt, die wir vielleicht wegen der Macht der Gewohnheit oder aus Angst aufrechterhalten. Wir müssen der Realität entschlossen und mutig in die Augen sehen.

Häufig idealisieren wir den Ex-Partner und halten in einer neuen Beziehung nicht länger als die ersten Monaten der Verliebtheit durch. Deshalb ist es sehr schwierig, eine neue Beziehung einzugehen, weil wir aller Männer oder Frauen mit unserem früheren Partner vergleichen. Die Abhängigkeit bringt mit sich, alles abzulehnen, was nicht ideal ist.

Direkt und ohne große Umschweife miteinander zu sprechen ist fundamental. Es geht nicht darum, dem anderen unseren Standpunkt aufzuzwingen oder manipulativ zu werden. Es ist immer am besten, ehrlich zu sein, die Wahrheit zu sagen und den anderen von einer Liebe zu befreien, die nicht mehr am leben, sondern nur noch giftig ist.

Segel aus Flügeln

Eine Trennung von einem Menschen, den wir immer noch lieben, führt zwangsläufig dazu, dass wir trauern. Es ist ein Gefühl, das dem ähnelt, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Zuerst wollen wir nicht akzeptieren, dass diese Person nicht mehr an unserer Seite ist. Danach trauern wir all den Erinnerungen hinterher, die uns durch den Kopf gehen. Nach dem wir gelitten haben, akzeptieren wir den Verlust. In unserem Inneren macht etwas „klick“ und wir sind bereit für einen Neuanfang.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von M. Lafontan und Zemael