„Der Gott des Gemetzels“: Eine Karikatur des Alltags

· 10. September 2018

Ein Film, der fast vollständig in einem Raum spielt und für den nur vier Schauspieler gecastet wurden, klingt im ersten Moment nicht sehr ansprechend. Doch Der Gott des Gemetzels  erweist sich überraschenderweise als eine großartige Parodie auf den Alltag. Roman Polanskis Film ist eine Adaption des Theaterstücks Le Dieu du Carnage  von Yasmina Reza.

Es besteht kein Zweifel, dass der Film eine außergewöhnliche Besetzung hat. Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz und John C. Reilly verkörpern als Schauspieler die vier Protagonisten des Streifens. Es ist ein kurzer Film, statisch in Bezug auf die Kulissen und begrenzt in seinen Rollen, aber einem sehr starken Skript folgend. Der Eindruck, den der Film hinterlässt, ist der ausgezeichneten Schauspielerei und dem hervorragenden Drehbuch zu verdanken.

„Der Ursprung des Gesetzes ist die rohe Gewalt.“

Der Gott des Gemetzels

Der Gott des Gemetzels  – ein Konflikt um Kinder?

Alles beginnt mit einem Streit zwischen zwei Kindern in einem Park, der einzigen Szene, die außerhalb des genannten Raumes gedreht wurde. Der Konflikt endet, als das eine Kind das andere mit einem Stock schlägt. Als Zuschauer betreten  wir dann ein Haus, das den Longstreets gehört. Es ist die Familie des Kindes, welches getroffen wurde und das sich dabei am Mund verletzt hat. Die Eltern treffen sich in der Wohnung, um eine Lösung für das Problem zu finden. Die beiden Familien sind:

  • Die Cowans: Eltern des „Aggressors“. Sie sind ein elegantes, vornehmes Paar. Der Vater Alan ist ein bekannter Anwalt, jedoch ohne Skrupel. Die Mutter Nancy ist eine Finanzinvestorin von zweifelhafter Moral. Sie scheinen eine gute, wohlhabende Familie zu sein, die einen hohen sozialen Status genießt. Es dauert jedoch nicht allzu lange, bis wir die Lügen und Heuchelei hinter ihrem Erscheinen durchschauen können.
  • Die Longstreets: Eltern des „Opfers“. Bei ihnen handelt es sich um ein Paar, das stets bemüht ist, gut und friedliebend zu sein und jeden Konflikt höflich zu lösen. Michael, der Vater, scheint ein ruhiger, gelassener, gutmütiger Mann zu sein und er versucht, die angespannte Situation zu beruhigen. Penelope, seine Frau, ist eine überzeugte Pazifistin und Schriftstellerin. Es sei angemerkt, dass wir sofort eine gewisse Feindseligkeit darin sehen, wie sie sich ihren „Gästen“ gegenüber verhält.

Messer werden fliegen

Im weiteren Verlauf des Films lösen sich die Masken und die Charaktere wechseln von politisch korrekt zu aggressiv. Selbst Michael, welcher eher ein Friedensstifter zu sein scheint, wird seine dunkle, boshafte Seite zeigen.

Die Unterhaltung wird zu einem verbalen Gemetzel, und es fliegen Messer in alle Richtungen. Was am Anfang der Auflösung eines Konflikts und dem guten Beispiel für ihre Kinder dienen sollte, wird zu einem wahren Chaos. Jeder der Protagonisten zeigt bald sein wahres Ich.

Argumentationen und Kohärenz verschwinden. Alle werden aggressiver. Wir sind dabei, das Boshafteste jedes Charakters zu sehen, während sie sich gegenseitig verspotten. Diese scheinbar ernste Situation wird schon bald zu einem absurden, fast kindlichen Streit.

Der Film und die Egozentrik

Der Gott des Gemetzels  erkundet die primitivsten Impulse des Menschen. Unsere intensivere, dunklere Seite kommt in einer immer klaustrophobischeren Atmosphäre zum Vorschein. Jeder Versuch der Cowans, die Wohnung zu verlassen, scheitert daran, dass auf jedes Argument unmittelbar mit einem Gegenargument gekontert wird.

Doch die Argumente drehen sich häufig im Kreis und erscheinen uns wie eine Einbahnstraße, aus der kein Entkommen möglich ist. Gerade wenn es sich andeutet, dass der Konflikt gelöst werden könnte, wird ein weiterer Einwand erhoben, der die Falle wieder öffnet und uns erneut in sie hineinzwingt.

So geht es im Film immer weiter und die Figuren sind zwischen den vier Wänden jenes einen Raumes gefangen. Es gibt keine Möglichkeit zur Flucht. An einem Punkt des Films nähern sie sich dann doch dem Aufzug, um zu gehen. Es scheint, dass die gegenseitigen Anschuldigungen ein Ende gefunden haben, aber dann beginnt plötzlich eine neue Welle der Widersprüche und sie landen doch wieder im Wohnzimmer.

Der Kampf zwischen den Eltern wächst an, bis der Krieg zwischen den zwei Familien in einen Kampf der Männer gegen die Frauen umschlägt. Dann wird er zu einem Krieg der Individuen. Jeder der vier Beteiligten verteidigt sich selbst und die menschliche Sturheit erhebt ihren hässlichen Kopf über das Geschehen. Jeder denkt von sich, dass er recht habe. Jeder denkt, dass, wenn jeder so denken würde wie er selbst, die Welt ein besserer Ort wäre.

Der Gott des Gemetzels  ist eine sehr ergreifende Parodie auf die menschliche Natur. Wir sehen Charaktere, die alle Arten der gängigen Selbstverteidigungsmechanismen nutzen, das Ziel verfehlen und sich gegenseitig mit Worten in den Rücken stechen.

Das Wohnzimmer als Hauptschauplatz in "Der Gott des Gemetzels"Sozialkritik

Sobald die Protagonisten die gesellschaftlich akzeptierten Konventionen übergehen und ihren wahren Charakter zeigen, sehen wir die Realität hinter ihren Masken. Wir sehen auch die Heuchelei und den Mangel an Moral in unserer wirklichen Welt. Polanski vermittelt uns eine pessimistische Sicht auf unser tägliches Leben, da die Charaktere nur allzu bekannt sind. Es ist leicht, sich mit einem von ihnen zu identifizieren.

Der Film kritisiert die Bedeutung, die wir dem Geld und dem Status beimessen. Dargestellt insbesondere durch den Charakter von Alan Cowan, der sich mehr um seine Arbeit sorgt als um seine familiären Beziehungen. Er zeigt beispielsweise kaum Interesse an seinem Sohn. Wir erleben ihn als einen unmoralischen Charakter, zum Beispiel als wir erfahren, dass er als Anwalt ein pharmazeutisches Unternehmen verteidigt, dessen Medizin ernste gesundheitliche Probleme verursacht. Außerdem klebt er an seinem Handy und arbeitet nahezu in jeder Sekunde seines Lebens. Seine Haltung erlaubt ihm zwar, potenziell starken Argumenten der Gegenseite zu entfliehen, aber sie wird letzten Endes zu noch mehr Konflikten beitragen, weil sie die Kommunikation zwischen den beiden Familien verhindert.

Penelope steht im krassen Gegensatz zu Alan. Sie scheint sich eher auf humanitäre Anliegen zu konzentrieren und sich der Probleme der Dritten Welt sehr bewusst zu sein. Sie glaubt jedoch alles, was sie sieht, und erkennt beispielsweise nicht die wahren Interessen hinter der Hilfe, die der Sudan vom Westen erhält.

Das Ehepaar Cowan aus "Der Gott des Gemetzels"Konflikt, Comedy und Realismus

Diese chaotische, bedeutungslose Situation endet ohne jeglichen Erfolg. Der einzige wirklich große Erfolg des Films besteht in der Szene, in der die Kinder ihren Eltern eine Lektion erteilen. Es ist eine kurze Szene in dem Park, wo alles begann und wo – so macht es jedenfalls den Anschein – die Kinder später ihre Differenzen begleichen werden.

Er bringt uns dazu, nachzudenken und zu dem Schluss zu kommen, dass wir uns die Dinge vielleicht zu kompliziert machen und dass alles auf eine einfache Aussprache und einen Handschlag zwischen den Kindern hinauslaufen könnte.

Konflikt, Comedy und Realismus kommen in Der Gott des Gemetzels  wunderbar zusammen. Der Film zeigt uns eine alltägliche Situation, geht aber weit über ein gespieltes Lächeln hinaus und offenbart die Menschheit als das, was sie ist: nichts anderes, als ein eingesperrtes Tier, das durch die Gitterstäbe auszubrechen versucht. Eine gewalttätige, selbstsüchtige Kreatur. Der Gott des Gemetzels  ist eine kunstvolle Karikatur der gegenwärtigen Gesellschaft, ein Blick auf die volle Breite menschlicher Dummheit.

„Ich glaube an den wilden Gott. Einen Gott, dessen Regeln seit endlosen Zeiten nicht infrage gestellt werden.“

Der Gott des Gemetzels