Der Teufelskreis der Depression

· 24. März 2016

Depressiv zu sein bedeutet viel mehr als sich einfach nur traurig und niedergeschlagen zu fühlen und weinen zu wollen. Oft sagen wir, dass wir bedrückt sind, weil etwas Stressiges in unserem Leben passiert ist oder weil wir einer schwierigen Situation gegenüberstehen. Aber nach einer gewissen, normalen Phase von Traurigkeit geht es uns dann in der Regel wieder besser. Dann nimmt unser Leben wieder seinen gewohnten Lauf.

Wenn wir aus dieser Phase allerdings nicht mehr herauskommen, wenn wir nicht wissen, wie wir sie überwinden können oder wenn wir nicht über die nötigen Ressourcen verfügen, um mit einer Situation umzugehen – wie klein oder groß sie auch sein mag – dann können wir in die Fänge der Depression geraten.

Depression zeigt sich in einem hohen Maß an Niedergeschlagenheit und in einem Verlust von Interesse an jenen Dingen, die wir vorher noch als interessant und als für uns angenehm empfunden hatten. Dann ist plötzlich die Fähigkeit, zu genießen, nicht mehr da und es fehlt die Motivation, irgendetwas zu tun. Letztlich endet das dann in Tatenlosigkeit. Auf körperlicher Ebene fühlen wir uns dann sehr müde, wir leiden entweder an Schlaflosigkeit oder an einem gesteigerten Schlafbedürfnis und damit einhergehend an einem Verlust von jeglichem sexuellen Interesse.

Aber warum entwickeln wir dann nicht alle eine Depression? Sogar wenn Menschen Situationen gegenüberstehen, die das gleiche Maß an Stress mit sich bringen – warum reagieren wir dann trotzdem nicht alle auf dieselbe Art und Weise?

Es ist offensichtlich, dass unser Gehirn eine wichtige Rolle spielt, wenn es um diesen Unterschied geht. Die Frage, ob eine Person depressiv wird, hängt von der jeweiligen subjektiven Interpretation der Lebensumstände ab.

Für jeden Menschen gilt: Es gibt von Zeit zu Zeit sehr schwierige Situationen im Leben, die einen großen Einfluss auf den Menschen haben. Aber selbst dann sind es immer noch unsere Gedanken und unsere Glaubenssysteme, die letztlich bestimmen, ob wir depressiv werden oder ob es uns gelingt, den Kopf über Wasser zu halten.

Das sind an sich gute Neuigkeiten. Es gibt zwar genug Situationen, die sich nicht lösen oder verändern lassen, aber fast immer ist es uns möglich, unsere Denkweise zu ändern. In diesem Sinne haben wir also einen gewissen Handlungsspielraum und genügend Kontrolle.

Wie wird man depressiv?

Vor einigen Jahren noch dachte man, dass Depression eine physische Krankheit sei, deren Wurzel in einem Mangel an bestimmten Neurotransmittern in unserem Gehirn, die für unsere Stimmung zuständig sind, liege. Es ist wahr, dass chemische Substanzen wie Serotonin einen bestimmten Einfluss ausüben, aber das ist bei Weitem nicht der einzige Faktor, der eine Rolle spielt. Das ist auch der Grund, warum eine medikamentöse Behandlung oftmals misslingt.

Damit es in einer Person zu einer Depression kommt, muss es in ihrem Umfeld zu starken Veränderungen kommen, die als äußerst unangenehm empfunden werden. Auf diese Weise kommt es zu einem Verlust von Motivatoren, d.h. die Person erlebt den Verlust von jemandem oder etwas, der oder das ihr sehr wichtig und wertvoll erschien, wie zum Beispiel ein Partner, ein Job, eine Heimat oder auch das eigene Selbstwertgefühl.

Wenn die Person dann diese Situation nicht konfrontiert, beginnt sie, sich überfordert und unsagbar traurig zu fühlen. Ihr Denken wird dann von negativen Gedanken ausgefüllt – Gedanken über sich selbst, über die Welt und über die Zukunft. Und wenn man sich so schlecht fühlt, ist logischerweise das Letzte, was man möchte, rauszugehen, mit Menschen zu interagieren, Dinge zu genießen oder den Kopf frei zu bekommen. Dann zieht man sich nach Hause zurück, ohne irgendetwas zu tun und legt sich zum Beispiel einfach nur ins Bett.

Und genau an dieser Stelle entfaltet die Depression ihre volle Wirkung und zieht uns in eine Abwärtsspirale, aus der es sehr schwer wird, wieder zu entkommen – es sei denn, wir sind uns der Wichtigkeit unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen bewusst.

Dieser Teufelskreis kann wie folgt zusammengefasst werden:

  • Eine Person denkt über sich: „Ich bin zu nichts zu gebrauchen.“
  • Sie denkt über die Welt: „Menschen sind gemein und man kann niemandem vertrauen.“
  • Über die Zukunft denkt diese Person: „Ich werde niemals einen guten Job finden oder es zu irgendetwas bringen.“

Und diese Gedanken sorgen dann dafür, dass sie sich schlecht, hoffnungslos und traurig fühlt und das führt dann dazu, dass sie jegliches Interesse an so gut wie allem verliert.

Und indem wir nichts tun, nicht das Haus verlassen, keinen Job suchen, keine Termine machen oder mit irgendjemandem in Verbindung treten, bestätigen wir auch noch unsere negativen Gedanken. „Ich tauge zu nichts“,  und ich bestätige mir das, wenn ich mich in mein Bett verkrieche und keine Lust auf irgendetwas habe. Entscheidend ist dabei: Diese Haltung bringt letztlich einen größeren Verlust von Motivatoren, der sich noch zusätzlich zu dem ursprünglichen Verlust hinzugesellt.

Wenn ein Mensch zum Beispiel seinen Partner verliert, dann verliert er auch seinen Haupt-Motivator. Der Verlust bezieht sich nicht nur auf die Person selbst, sondern auch auf gemeinsame Aktivitäten, wie das Ausgehen miteinander, liebevolle Umarmungen etc., was ebenfalls als Motivator gedient hat. Das Maß an Traurigkeit wird dann so groß, dass das Letzte, was diese Person tun möchte, etwas Angenehmes ist, wie zum Beispiel auszugehen, neue Leute kennenzulernen, ihre Zeit mit etwas Sinnvollem zu verbringen.

Und genau hier liegt der Knackpunkt: Nicht nur verliert die Person ihren Partner, sondern gleichzeitig auch ihre Chance, andere Menschen zu treffen, neue Aktivitäten auszuprobieren, sich einen Job zu suchen… und das bedeutet: Mehr und mehr Verluste.

Dieser Teufelskreis muss irgendwann unterbrochen werden, damit ein Mensch in der Lage ist, diesen depressiven Status hinter sich zu lassen. Die Art und Weise, wie das geschehen kann, ist, dass die Person aktiv wird und Dinge tut, die keinen großen Aufwand benötigen, die für die Person jedoch angenehm sind. Und genau an diesem Punkt kommen Aussagen wie „Ich fühle mich aber nicht danach“  oder „Ich kann das einfach nicht“  in uns hoch. Es mag sein, dass du dich nicht danach fühlst, aber man muss sich nicht immer nach etwas fühlen, um es überhaupt machen zu können. Manchmal muss man sich selbst einfach einen Ruck geben.

Um eine bestimmte Handlung auszuführen, bedarf es nicht unbedingt der entsprechenden Motivation. Es ist vielmehr so, dass sich die Motivation erst nach der Handlung einstellt. Dann wird das Verlangen, bestimmte Dinge zu tun, mehr und mehr zurückkehren.

Natürlich spielt auch die kognitive Arbeit eine wichtige Rolle, aber diese kommt erst in einer späteren Phase zum Tragen – nämlich erst, wenn es daran geht, wieder bestimmte Handlungsweisen zu aktivieren. Menschen mit Depressionen sehen die Welt ganz in Schwarz und interpretieren die Realität auf ungesunde Weise.

Eine kognitive Umstrukturierung wird dann die passende Methode sein, die der unter Depressionen leidenden Person ermöglicht, die eigenen, automatisch negativen Gedanken zu identifizieren, sie einzuschätzen und zu bewerten und sie schließlich in realistischere und positivere Gedanken umzuwandeln. Diese Methode wird umgesetzt, indem man sich verschiedene Fragen stellt, mit dem Ziel, herauszufinden, ob die eigenen Gedanken objektiv die Realität widerspiegeln oder ob diese durch die eigene subjektive Interpretation verzerrt wird.

Die Lösung liegt in unserer Hand. Lass nicht zu, dass dein Glück von den Umständen abhängt, die dich umgeben – egal wie negativ die Situation auch aussehen mag, du hast die Fähigkeit, daraus als Sieger hervorzugehen. Und selbst wenn du denkst, dass du am absoluten Tiefpunkt angekommen bist und dass du überhaupt nichts mehr tun kannst – du kannst etwas tun. Mach dich an die Arbeit und zeige dir selbst, dass das Leben schon mit offenen Armen auf dich wartet.

„Zu einem großen Teil konstruieren wir unsere Depressionen selbst. Sie wurden uns nicht gegeben. Und aus diesem Grund können wir sie ebenso auch wieder dekonstruieren.“

Albert Ellis