Der Ritter, den es nicht gab: eine Geschichte, die die Liebe entschlüsselt

29. Mai 2018 en Bücher 0 Geteilt
Der Ritter, den es nicht gab - Karl der Große verliebt

Der Ritter, den es nicht gab  ist eine der interessantesten Geschichten von Italo Calvino. Der in Kuba geborene Schriftsteller italienischer Eltern hinterließ in dieser Geschichte ein eindrucksvolles Zeugnis seiner Feinfühligkeit und Intelligenz.

Calvino bewegte sich immer zwischen einem radikalen Realismus und einer grenzenlosen Fantasie. Der Ritter, den es nicht gab  ist ein gutes Beispiel dafür. Ausgehend von einer fantastischen und fast unglaubwürdigen Geschichte gelingt es ihm, eine tiefgründige und analytische Vision von leidenschaftlicher Liebe darzustellen.

Viele von Calvinos Werken haben einen Fabelton. Der Ritter, den es nicht gab  kann ebenfalls dieser Gruppe zugeordnet werden. Hier geht das Vorhaben jedoch weit über die Vermittlung einer Moral hinaus: Die Geschichte offenbart etwas Beeindruckendes über die Liebes eines Paares. Italo Calvino nimmt dabei den Standpunkt der zeitgenössischen Psychoanalytiker ein.

„Wir lieben diejenige Person, die beschützt, oder ein narzisstisches Selbstbild.“

Jacques Alain Miller

Der Ritter, des es nicht gab  und eine leidenschaftliche Liebe

Der Ritter, den es nicht gab  beginnt folgendermaßen: Kaiser Karl der Große verliebte sich, hochbetagt, in ein deutsches Mädchen. Die Adligen des Hofes waren sehr besorgt. Ihr Herrscher, besessen von der Glut der Liebe, vergaß jeglichen Anstand und vernachlässigte die Angelegenheiten seines Reiches.“

Es ist interessant, dass Italo Calvino einen älteren und mächtigen Mann als Hauptfigur gewählt hat. Offenbar ist es die Antithese zu dieser jugendlichen Illusion, in der die Liebe alle Grenzen überschreitet. Aber ganz gleich, ob er der Kaiser war, die Verliebtheit lässt ihn seine Augen verschließen.

Karl der Große und seine Ehefrau

Deshalb sorgen sich die Adligen so sehr. Macht und Liebe sind nicht besonders kompatibel, obwohl sie manchmal Hand in Hand gehen. In diesem Fall dominiert die Liebe die Macht, wodurch das gesamte Reich des Kaisers in Gefahr gerät. Doch dies ist nur der Anfang einer überraschenden Geschichte.

Die Liebe, eine Täuschung und ein Zauberspruch

Nachdem er sich so sehr verliebt hat, geschieht das Undenkbare. Die junge Geliebte stirbt plötzlich. Der Legende nach stirbt die Liebe nicht mit ihr. Der Kaiser, in tiefer Trauer, ließ ihren einbalsamierten Körper in sein Zimmer bringen. Nicht für einen Moment wollte er sich von der Geliebten trennen.

Die Geschichte geht weiter und beschreibt, wie der Erzbischof Turpin sich vor der makaberen Hingabe ekelte und einen Zauber vermutete. Er wollte die Leiche untersuchen lassen. Unter der Zunge der Toten fand er einen Ring mit einem Edelstein versteckt.

Man fand also heraus, dass der Kaiser so verliebt in das Mädchen war, weil er mit einem Zauberspruch belegt wurde. Was mit ihm geschah, entsprang keinem echten Gefühl, sondern reiner Magie.

Italo Calvino beginnt an dieser Stelle, die wahre Natur der Liebe zu offenbaren. Der Liebhaber verliebt sich lediglich in etwas, dass der andere verkörpert, aber nicht wirklich ist. In Bezug auf den Psychismus würden wir sagen, dass Liebe die Aktivierung eines magischen Elements sei. Nicht etwa im poetischen, sondern im buchstäblichen Sinne. In der Liebe setzt die Logik aus und beginnt, das Unmögliche zu streicheln, mit der Illusion, es wahr werden zu lassen.

Ring aus "Der Ritter, den es nicht gab"

Die Liebe: ein Ring mit einem Edelstein

Das Ende der Geschichte könnte überraschender und überwältigender nicht sein: „Nachdem der Ring in den Händen des Erzbischofs lag, beerdigte Karl der Große die Leiche seiner Geliebten in Windeseile und verfiel der Liebe zum Erzbischof. Um der peinlichen Situation zu entkommen, warf Turpin den Ring in den Bodensee. Karl der Große verliebte sich daraufhin in den Bodensee und wollte dessen Ufer nie mehr verlassen.“

In diesem letzten Teil wird definitiv offenbart, was die Natur dieser feurigen Liebe ist, die der Vernunft keine Gelegenheit gegeben hat. Schließlich ist es Karl dem Großen egal, wer oder was der Gegenstand seiner Liebe ist. Aus diesem Grund verliebt er sich erst in den Erzbischof und später in einen See, mit dem er in ewiger Liebe verbunden bleibt. Das Geheimnis lag nur in diesem magischen Ring.

Der Ring ist eine Figur, die zwar einen Rand, aber keine Mitte hat. Es ist ein Kreis, der lediglich die Leere begrenzt. Aber er hat einen Edelstein. Etwas, das glänzt, anzieht und blendet. Letztendlich wird die Liebe von vielen so beschrieben. Als ein Versuch, die Leere zu begrenzen. Trotzdem ist sie für die Menschen etwas Wirkliches und kommt, um über ihr Leben zu bestimmen. Eine leidenschaftliche Liebe wird geboren, wächst und stirbt in der Fantasie.

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