Der Fischer und die Schildkröte – eine tugendhafte japanische Legende

8. Juni 2019

Legenden sind Erzählungen, die über die Zeit weitergegeben werden, nicht nur um zu unterhalten, sondern auch um Werte und Lektionen zu vermitteln. Sie sind Geschichten, die Emotionen wecken und uns dazu bringen, über unser tägliches Leben nachzudenken. Der Fischer und die Schildkröte  ist eine von ihnen.

Obwohl es sich um eine kurze Geschichte handelt, ist ihre Botschaft klar und deutlich. Sie lädt uns dazu ein, den Rhythmus unseres Lebens, das, wofür wir unsere Zeit nutzen, und vor allem die Bedeutung unserer Entscheidungen und Handlungen zu hinterfragen – wir hoffen, dass sie dir gefällt!

Der Fischer und die Schildkröte – eine japanische Legende, an die wir ab und zu denken sollten

Vor vielen Jahren lebte ein bescheidener Fischer namens Urashima in einem kleinen Küstendorf. Eines Tages, auf dem Heimweg nach einem langen Tag auf See, bemerkte er eine Gruppe von Kindern, die eine Schildkröte am Ufer misshandelten. Ohne zu zögern kritisierte er ihr Verhalten und um sicherzustellen, dass sie die Schildkröte wirklich in Ruhe ließen, gab er ihnen ein paar Münzen.

Als das Tier frei war, half Urashima ihm, ins Meer zurückzukehren. Am nächsten Tag, als er wieder auf See fischte, hörte er eine Stimme, die seinen Namen nannte. Als er nach der Quelle dieser Stimme suchte, identifizierte er sie als jene Schildkröte, die er am Vortag freigelassen hatte.

Sie erzählte ihm, dass sie die Magd der Königin der Meere sei, die im Drachenpalast wohne, wohin er als Dank für seine Tat eingeladen sei. So kletterte der Fischer auf den Rücken der Schildkröte und reiste mit ihr über den Meeresboden, bis sie den Ort erreichten, an dem die Königin lebte.

Dort angekommen, war er erstaunt über die Pracht des Palastes und die Schönheit der Königin. Sie unterhielt ihn und schenkte ihm Aufmerksamkeit. Aber als der Fischer drei Tage lang dort gewesen war, sagte er der Herrscherin, dass er nach Hause zurückkehren wolle, da er geträumt habe, dass seine betagten Eltern ihn brauchen.

Fischer mit Netz

Die japanische Legende geht weiter …

Die Königin hatte nichts gegen seine Heimkehr einzuwenden, aber bevor er aufbrechen sollte, gab sie ihm eine mit Perlen besetztes, wunderschön bemaltes Kästchen. Und sie gab ihm auch eine wichtige Warnung: Das Kästchen sollte unter keinen Umständen geöffnet werden. Wenn er sich daran hielt, könne er glücklich werden.

Nach dem Auftauchen machte sich Urashima auf den Heimweg. Je weiter kam, desto mehr überraschte es ihn, dass er sein Volk gar nicht mehr wiedererkannte. Als er an dem Ort ankam, an dem sein Zuhause sein sollte, stand dort ein anderes Gebäude, und als er die Leute, die dort zu wohnen schienen, nach seinen Eltern fragte, wussten diese nicht, wie sie ihm antworten sollten.

Als er seinen Namen nannte, wendete sich ein sehr alter Mann an ihn, räusperte sich und erklärte, dass er in seiner Kindheit die Geschichte eines Fischers gehört habe, der den gleichen Namen gehabt hätte und im Meer verschwunden wäre. Das sei vor vielen, vielen Jahren geschehen; aber für Urashima waren nur drei Tage vergangen.

Allein, traurig und verzweifelt ging er zurück ans ufer. Dann fiel ihm das Kästchen ein, das ihm die Königin gegeben hatte. Wenn er es öffnete, könnte er vielleicht in den Drachenpalast zurückkehren, überlegt er. Als er es öffnete, brach jedoch nur weißer Rauch aus seinem Inneren heraus.

Im Rauch wurde Urashima älter und älter. Sein Gesicht wurde immer runzliger, sein Körper wurde schwerer und sein Haar wurde weiß. In diesem Moment erkannte er, was in dieser Kiste steckte: die Jahre, die vergangen waren, als er sich im Palast aufhielt, und die nun in seinen Körper zurückkehrten. Am nächsten Tag lag Urashima tot am Ufer.

Japanische Architektur in einem See

Lehren aus der japanischen Legende Der Fischer und die Schildkröte

Die japanische Legende vom Fischer und der Schildkröte lädt uns ein, über die Qualität unserer Zeit und unseres Handelns nachzudenken, sowie über die Wichtigkeit, uns der Folgen unseres Handelns bewusst zu sein.

  • Wenn wir uns wohlfühlen und glücklich sind, nehmen wir den Lauf der Zeit gar nicht wahr. Sie vergeht wie im Flug. Es geht darum, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und immer im Hinterkopf zu behalten, was wichtig ist: die Menschen um uns herum und unser Lebensentwurf. Denn wir dürfen weder Freude und Begehren mit Wohlbefinden verwechseln, noch dürfen wir die sofortige Befriedigung unserer Bedürfnisse mit der Zufriedenheit verwechseln, die sich daraus ergibt, dass wir durch unsere Mühe und Arbeit langfristige Ziele erreichen.
  • Wir dürfen auch nicht die Auswirkungen unserer Entscheidungen und Handlungen vergessen. Alles hat Konsequenzen, im Guten wie im Schlechten. Die Legende Der Fischer und die Schildkröte  veranschaulicht dies sehr gut, als Urashima die Box öffnet, obwohl er davor gewarnt wurde, es nicht zu tun.

„Das beste Leben ist nicht das längste, sondern das reichste an guten Taten.“

Marie Curie

Zweifellos hinterlässt uns diese japanische Legende wertvolle Lektionen, die uns zur Reflexion einladen und die uns in unserem täglichen Leben helfen können.

  • Quartucci, G. (2000). Grandes obras de la literatura japonesa. UNAM.
  • Serra, I. S. (2006). Leyendas y cuentos del Japón (Vol. 29). Ediciones AKAL.
  • Wakatsuki, F. (1966). Tradiciones japonesas (No. 895.6-34). Espasa-Calpe,.