Der Exorzist: Hat sich unsere Wahrnehmung von Horror verändert?

16. Juni 2019
Kritiker haben für Horrorfilme in der Regel nur wenig gute Worte übrig. Und tatsächlich erreichen diese Filme selten das, was sie so sehr versprechen: uns Angst zu machen. Doch in den 1970er Jahren gab es einen Film, der dies erreichte: Der Exorzist. Doch wie gut ist Friedkins Film gealtert? Was muss ein Film haben, um wirklich furchterregend zu sein?

Es war 1973, als Der Exorzist seine Premiere feierte. Seitdem hat sich das Horrorkino für immer verändert. Das Publikum hatte gerade den furchterregendsten Film aller Zeiten gesehen.

Die Mundpropaganda steigerte den Erfolg und die Geheimnisse, die die Dreharbeiten umgaben, katapultierten ihn in die Katalogisierung als „verfluchten Film“. Gleichzeitig wurde er zum Blockbuster-Horrorfilm der Geschichte bis 2017, als er von Es übertroffen wurde.

Der Exorzist nimmt einen besonderen Platz in der kollektiven Vorstellung ein. Mehr als 40 Jahre sind seit seiner Veröffentlichung vergangen und bis heute gilt er als der beste Horrorfilm,

Er war auch der erste seiner Art, der für einen Oscar für den besten Film nominiert wurde, obwohl er sich mit dem besten Drehbuch und dem besten Sound begnügen musste. William Peter Blatty war der Autor des gleichnamigen Romans, der den Film inspirierte, und schrieb auch das Drehbuch, das den Oscar bekam.

Doch trotz des unbestreitbaren Erfolgs dieses Films, hatten die daran beteiligten weniger Glück. Nach dem Erfolg hätte man sich zahlreiche Chancen für die Schauspieler erwartet, doch viele mussten sich mit B-Movies vergnügen.

So auch Linda Blair, die Hauptdarstellerin in der Rolle des kleinen Mädchens Regan. Andere, wie der Schwede Max von Sydow, hatten etwas mehr Glück und wurden dank Serien wie Game of Thrones und Filmen wie Star Wars oder Shutter Island zu vertrauten Gesichtern.

Der Exorzist löste so viel Furore aus, dass sich riesige Warteschlangen bildeten, um den Film zu sehen. Die Leute erbrachen sich beim Verlassen des Kinos und es gab sogar einige Ohnmachtsanfälle.

Doch ist dieser Film wirklich so beängstigend? Die Reaktionen sind heute nicht mehr dieselben wie bei der damaligen Premiere. Die meisten haben danach keine Probleme damit, einen ruhigen Schlaf zu finden. Deshalb stellt sich die Frage: Ist der beste Horrorfilm aller Zeiten schlecht gealtert? Oder bewahrt er immer noch sein Wesen?

Haben wir unsere Furcht verloren?

Spezialeffekte, Make-up und die Dekoration des Films Der Exorzist verursachten in den 1970er Jahren Schrecken, sind inzwischen jedoch nicht mehr zeitgerecht. Die Special Effects haben sich durch neue Technologien verändert und auch das Make-up ist heutzutage weitaus realistischer.

Deshalb jagt uns Der Exorzist als Horrorfilm kaum noch Schrecken ein. Andere Filme des Genres, mit weniger Effekten und übernatürlichen Ereignissen, haben den Lauf der Zeit etwas besser überlebt.

Ein gutes Beispiel dafür ist Psycho, der zwar heute eher als Thriller und nicht als Horrorfilm eingestuft wird, doch trotzdem einige Szenen enthält, die uns erschrecken oder verstören können.

Das Problem des Exorzisten besteht darin, dass er trotz der Auseinandersetzung mit einem kontroversen Thema nicht mehr neu ist. Nach der Premiere haben unzählige teuflische Kinder unsere Kinos gefüllt, wodurch unsere Toleranz zugenommen hat.

Wenn wir einen Horrorfilm sehen, wissen wir, was wir vorfinden werden, und wir wissen, dass der Film beabsichtigt, uns Angst und Schrecken einzujagen.

Aus diesem Grund werden wir, wenn wir Der Exorzist aus heutiger Sicht betrachten, einen Film vorfinden, der eher für Gelächter als für Angst sorgen kann. Dieses grüne Erbrochene, die Obszönitäten, die die kleine Regan sagt, und die unmöglichen Bewegungen sind nicht mehr glaubwürdig.

Dies geschieht nicht nur in Der Exorzist, sondern auch in anderen Horrorfilmen. Wir sind so sehr daran gewöhnt, dass wir es als einen Witz betrachten; es ist ein Film und deshalb nicht real.

Unglaublich aber wahr: Exorzismen werden auch heute noch durchgeführt; und zwar nicht nur im Katholizismus, sondern auch in anderen Kulturen. Meist handelt es sich allerdings um psychiatrische Probleme. Dazu kommt, dass der medizinische, technologische und wissenschaftliche Fortschritt die Skepsis in der Bevölkerung verstärkt hat.

Zu diesen Fortschritten gehört auch das Internet, das uns unzählige Informationen bereitstellt.  Informationen sind nur einen Klick entfernt und wir können sie entmystifizieren oder kontrastieren.

Auf diese Weise sehen wir uns einer Welt gegenüber, in der es kaum Platz für das Paranormale, für das Geheimnis und die Fantasie gibt. Sind wir rationaler? Vielleicht. Es ist auch wahr, dass logische Antworten in unserer Reichweite sind. 

Exorzismus

Der Exorzist: Jenseits von Besessenheit

Obwohl Der Exorzist uns keine Angst mehr macht, ist es wahr, dass er in den meisten Rankings weiterhin als der ewig beste Horrorfilm gilt, auch wenn danach unzählige Horrorfilme gedreht wurden.

Eine unendliche Anzahl von Geheimnissen umgab seine Dreharbeiten: Feuer am Set, Unfälle, William Friedkins Besessenheit, weshalb ein Priester das Team segnete, unterschwellige Botschaften und unzählige Verschwörungstheorien.

Einige dieser Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer und erhöhten die Aura des Schreckens und des „verfluchten Films“. Aber die Wahrheit ist, dass viele Ereignisse erfunden waren, doch es gab tatsächlich auch verschiedene Unfälle und Zufälle.

All dies trug dazu bei, die Atmosphäre zu schaffen, die der Film suchte. Die Zuschauer waren bereit, Angst zu haben und ihre Fantasie anregen zu lassen.

Der Exorzist taucht uns in ein Spiel mit einer ständigen Dichotomie ein, die ihn der Realität näher bringt: Gut und Böse. Indem er uns das Böse präsentiert, lässt er uns indirekt an das Gute glauben.

Beide werden von Anfang an gezeigt, lange bevor die Besessenheit beginnt. Das Böse reist durch die Stadt, verfolgt Pater Merrin und nimmt von der unschuldigen Regan Besitz. Es ist wichtig, dass sich das Horrorkino mit dem Geist des Zuschauers verbindet, dass es ihn einem psychologischen Spiel aussetzt und ihn an das glauben lässt, was er gerade sieht.

Besessene Regan

Regan ist ein einsames Mädchen, von dem wir keine Freunde kennen. Ihr fehlt eine Vaterfigur und ihre Mutter ist sehr beschäftigt.

Das Mädchen steht für die Unschuld, aber sie wird vom Bösen umhüllt sein: vom Bösen der Erwachsenen, der Welt und schließlich vom Teufel. Pater Karras verkörpert zwei Dichotomien: Glaube vs. Wissenschaft, Gut und Böse. Er ist Psychiater und Priester und trägt die Schuld am Tod seiner Mutter.

Diese Ähnlichkeiten mit Realität, Empathie und dem bekannten Raum (der heutigen Stadt) ermutigen den Zuschauer, sich der Angst zu nähern. Angst ist eine physiologische Reaktion, eine Erinnerung an unser Überleben. Wenn wir uns einen Horrorfilm ansehen, kann er unsere Herzfrequenz beschleunigen und den Adrenalinspiegel erhöhen. Aber es ist eine kontrollierte Angst.

Die schrecklichsten Szenen des Exorzisten sind diejenigen, in denen nicht zu viel gezeigt wird, wie das dämonische Gesicht, das für ein paar Sekunden erscheint, oder die Szenen mit Karras‘ Mutter. Auch die Musik spielt eine wesentliche Rolle bei der Schaffung einer idealen Atmosphäre.

Der Exorzist bringt uns ins Hier und Jetzt, wir sind in den 70ern und das ist Angst in den 70ern. Paul J. Patterson von der University of San Diego warnt davor, dass sich die Angst verändert. Früher waren Monster wie Frankenstein beängstigend, aber heute geht das Schreckliche andere Wege. Angst ist etwas Kulturelles, charakteristisch für eine Zeit und einen Ort; sie erzeugt nahezu gleichzeitig Ablehnung und Faszination.

Es ist auch heute noch schwierig, einen guten Horrorfilm zu machen. Die Zuschauer wollen Angst haben, dochy ein paar Schrecken und Spezialeffekte reichen nicht aus. Deshalb wird Der Exorzist immer einen privilegierten Platz im Genre haben, denn es ist ein Film, der zumindest zu seiner Zeit erreichte, was wir alle suchten.