Adrenalin, das Hormon der Aktivierung und Leistung

· 24. März 2018

Adrenalin ist, was uns in einen Zustand der Euphorie versetzt, wenn wir Sport treiben. Es ist ebenfalls, was uns zittern lässt, wenn wir uns einem Menschen nähern, den wir attraktiv finden. Und natürlich wird dieses Hormon auch ausgeschüttet, wenn wir uns in einer Gefahrensituation wähnen. In all diesen Situationen geht es darum, uns zu aktivieren und unsere Leistung zu fördern, aber das Adrenalin hat auch seine Schattenseite. Auf diese Seite werden wir gezogen, wenn wir die Konsequenzen einer verstärkten Ausschüttung dieses Hormons erleben müssen.

Hormon und Neurotransmitter erfüllen zahlreiche Funktionen, das wissen wir bereits aus Beiträgen zum Oxytocin oder Dopamin. Heute möchten wir uns dem Adrenalin widmen, das sowohl als Hormon als auch als Neurotransmitter fungiert und wohl wie kein andere Mediator Einfluss auf unser Verhalten nimmt. Wie wir bereits erwähnt haben, kommt es in Situationen, die unser Leben bedrohen, zu einer Ausschüttung von Adrenalin, um unseren Körper in einen Alarmzustand zu versetzen, in dem wir unser Überleben sichern können. Was wir dann spüren, ist der so genannte Adrenalinkick – und der kann süchtig machen. Das trifft vor allem auf Menschen zu, die an chronischem Stress oder Angstzuständen leiden.

Immer mehr Menschen brauchen diese tägliche Dosis Adrenalin, um mit der Monotonie ihres Lebens zu brechen, verspüren das unstillbare Bedürfnis, am Limit zu leben und sich selbst in Situationen zu bringen, die ihr Leben bedrohen, weil nichts anderes ihre Leeren fühlen kann.

Die Relevanz des Adrenalins für unser Verhalten lässt sich unter anderem daran erkennen, dass Psychologen, die mit ihren Patienten an der Prävention von Krisen arbeiten, diese darin schulen, eine unkontrollierte Adrenalinausschüttung zu vermeiden. Trainingsmaßnahmen bestehen darin, eine Reihe von Situationen zu erleben, die mit großem physischen und emotionalen Stress einhergehen. Die Patienten müssen lernen, im Angesicht derartiger Anforderungen angemessen zu reagieren. Das dient einem ganz einfachen Zweck: Sie sollen in die Lage versetzt werden, ihre Beherrschung zu wahren und aus dem Adrenalin einen Verbündeten zu machen, nicht einen Feind.

Sprinter

Die wahre Bedeutung dieses Ziels kann nur demjenigen klar werden, der weiß, was Adrenalin in unserem Körper und unserem Geist alles bewirken kann. Wir laden dich deshalb auf eine Entdeckungsreise ein, die uns an zahlreichen Adrenalinrezeptoren vorbeiführen wird.

Was ist Adrenalin und welche Funktionen hat es?

1982 war Angela Cavallo aus Lawrenceville (Georgia, USA) ohne Zweifel die Mutter des Jahres. So jedenfalls hat die Presse getitelt, die ihre unglaubliche Geschichte in der ganzen Welt erzählt hat. Wahrscheinlich hätte ihr sie niemand geglaubt, hätte es nicht Zeugen für ihre Tat gegeben. Ihr Sohn Tony befand sich in der Garage des Hauses und hat unter seinem alten Chevrolet getüftelt, als plötzlich der Wagenheber nachgab und das Auto mit seinem ganzen Gewicht auf den Jungen fiel. Die Last drohte, ihn zu erdrücken, und noch viel weniger war Tony dazu in der Lage, sich allein aus dieser Situation befreien …

Seine Mutter Angela war zuhause; sie war zu diesem Zeitpunkt 51 Jahre alt und wog etwas mehr als 65 kg. Sie befand sich weder in einem ausgesprochen athletischen Zustand, noch hat sie sich je zuvor im Gewichtheben oder in ähnlichen Sportarten geübt. Ihr blieb nichts anderes, als lautstark um Hilfe zu rufen, als sie wegen des Lärms in die Garage kam und ihren Jungen unter dem Auto liegen sah. Aber keiner der Nachbarn schien sie zu hören. Sie ging selbst auf das Auto zu, das wohl mehr als 1 t wog, und hob es an. Als würde es sich dabei nicht um ein Auto, sondern um einen Einkaufskorb handeln. Sie hielt es für ein paar Sekunden und jetzt kamen auch die Nachbarn hinzu, die ihren bewusstlosen Sohn unter dem Auto vorziehen konnten.

Wenn wir die Situation analysieren, dann fallen uns zwei Elemente auf, die die unglaubliche Leistung der Mutter möglich gemacht haben: die Liebe einer Mutter für ihr Kind und Adrenalin, jede Menge Adrenalin. So viel Adrenalin, dass es uns in einer gegebenen Situation tun lässt, was zu tun ist, um unser Überleben und das unserer Familie zu gewährleisten.

Das Hormon, das uns aktiviert

Adrenalin gehört zur Gruppe der Katecholamine, wie Noradrenalin und Dopamin. Es wird hauptsächlich in den Nebennieren produziert, wobei die Nebennieren kleine Organe sind, die in der Nähe des oberen Nierenpols gelegen sind. Darüber hinaus wird es auch im zentralen Nervensystem in andrenergen Neuronen gebildet. Und schließlich gibt es noch synthetisches Adrenalin, das zur besseren Unterscheidung oft als Epinephrin bezeichnet wird. Tatsächlich bestehen mit Ausnahme des Produktionsortes keinerlei Unterschiede zwischen Adrenalin und Epinephrin – beide Termini beschreiben das gleiche Molekül. Zum Einsatz kommt das synthetische Adrenalin vor allem in der Notfallmedizin, z. B. im Rahmen von Wiederbelebungsmaßnahmen nach Herzstillstand.

Strukturformel Adrenalin

Um zu verstehen, wie Adrenalin wirkt, möchten wir noch einmal kurz zum Beispiel von Angela Cavallo und ihrem Sohn zurückkommen:

  • Wenn wir eine Bedrohung oder Gefahr identifizieren – Angela hat erkannt, dass das Auto auf ihren Sohn gefallen ist – geht vom Hypothalamus ein Alarmsignal aus, dass zu einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems führt. Konkret kommt es zur Ausschüttung des Corticotropin-releasing-Hormons.
  • Dieses Hormon bewirkt in der Hypophyse eine Freisetzung von ACTH, das auch als Corticotropin, Kortikotropin oder adrenokortikotropes Hormon bezeichnet wird. Dieses wirkt auf die Nebennieren.
  • Im Nebennierenmark schließlich wird Adrenalin freigesetzt, das zahlreiche Gewebe und Organe im Körper in einen Zustand versetzt, der es möglich macht, sich der Gefahr zu stellen oder zu fliehen.

Es ist schon erstaunlich, in welcher Geschwindigkeit die zuvor genannten Schritte ausgeführt werden. Stellen wir uns mal vor, wie lange (oder wie kurz) es dauert, bis wir den Adrenalinkick spüren, nachdem wir eine Gefahr erkannt haben.

Wirkmechanismus des Adrenalins

Manchmal bedarf es nur eines kurzen Adrenalinschubes, um jede Menge mit sauerstoffbeladener roter Blutkörperchen in Richtung unserer Muskeln zu schicken und uns stärker denn je fühlen zu lassen.

Wir haben bereits erwähnt, dass es unzählige Strukturen im menschlichen Körper gibt, die auf einen Anstieg der Adrenalinkonzentration im Blut reagieren können. Was passiert aber in den einzelnen Organen?

  • Unsere Aufmerksamkeit gilt ganz der identifizierten Bedrohung. Unser Gehirn versucht, so viele Details wie möglich aufzunehmen, und deshalb erscheint es uns zuweilen so, als würden wir in Zeitlupe sehen. Was um uns herum geschieht, verschwimmt, weil keine Kapazitäten auf so etwas Unwichtiges verschwendet werden können.
  • Unsere Pupillen weiten sich. Diese Reaktion verfolgt dasselbe Ziel, das wie im vorherigen Punkt beschrieben haben: Weit aufgerissene Augen können besser sehen, was geschieht, als verengte Pupillen.
  • Interessant ist, dass dem Gehörten meist wesentlich weniger Bedeutung zugeschrieben wird, was daran erkennbar ist, dass wir zwar mit Adleraugen beobachten, aber kaum vernehmen, was akustisch um uns herum geschieht.
  • An den Blutgefäßen finden sich zwei unterschiedliche Arten von Adrenalinrezeptoren. Die einen vermitteln eine Vasodilatation, als eine Erweiterung der Blutgefäße, die anderen eine Vasokonstriktion, sprich deren Verengung. Im Angesicht der Gefahr ist es sinnvoll, dass jene Gewebe und Organe besser durchblutet werden, die wir für unser Überleben brauchen, vor allem die Muskulatur. Im Gegensatz dazu ist es nebensächlich, ob unsere Verdauung gerade optimal    funktioniert. Deshalb kommt es in der Muskulatur zu einer Vasodilatation und im Verdauungstrakt zu einer Vasokonstriktion. Auch die Durchblutung der Haut wird auf Sparstufe geschalten – wer eine Gefahr wittert, wird blass.

Es soll nicht ungesagt bleiben, dass eine vermehrte Adrenalinfreisetzung auch mit einer verstärkten Ausschüttung von Dopamin und Endorphinen einhergeht, die analgetisch wirken. Hohe Adrenalinkonzentrationen im Blut wirken deshalb, dass wir keinen Schmerz empfinden, selbst wenn wir schwer verletzt sind. Das ist auch der Grund dafür, dass Angela Cavallo keine Schmerzen verspürte, als sie das viel zu schwere Auto hob.

Mann hebt Fahrzeug an

Die Sonnen- und Schattenseiten des Adrenalins

Adrenalin ist schon etwas Tolles. Wer sonst ist dazu in der Lage, und zu so unglaublichen Leistungen anzutreiben? Nicht umsonst kann der Adrenalinkick süchtig machen. Daher kommt auch die stets steigende Nachfrage nach Extremsportarten.

Adrenalin erlaubt uns, uns Situationen anzupassen, die zwar mit hohem Stress einhergehen, deren Überwindung uns aber Befriedigung verschafft. Übrigens gilt das auch für Momente, in denen wir Prüfungen ablegen müssen, auch wenn hier die Erleichterung die Befriedigung zunächst überwiegt. Und wie langweilig wäre unser Leben, wenn unsere Liebesbeziehungen nicht mit ein bisschen Adrenalin gewürzt wären … Dieses Zittern der Hände, die Schmetterlinge im Bauch und das nicht unterdrückbare Strahlen unserer Augen, wenn wir die geliebte Person erblicken. Adrenalin sorgt dafür, dass sich unsere Pupillen weiten, nicht nur wenn wir uns in Gefahr befinden, sondern auch wenn uns Amors Pfeil trifft.

Adrenalin macht uns euphorisch, wenn wir tanzen, wenn wir mit Freunden unterwegs sind und Spaß haben. Adrenalin erlaubt es uns, den Alltag völlig zu vergessen, wenn wir Achterbahn fahren oder die Geschwindigkeit spüren, ganz gleich ob wir uns auf Ski oder mit dem Motorrad bewegen oder gar einen Fallschirmsprung wagen. Diese Beispiele zeigen bereits, dass der Adrenalinkick oft ein gewisses Risiko voraussetzt. Diesen Kick verspüren wir genau dann, wenn wir die Füße wieder auf festen Boden setzen und uns entspannen können, nachdem wir die Mutprobe bestanden haben. Und es gibt Menschen, die kaum noch in der Lage sind, derartige Euphorie zu erfahren, ohne sich großen Risiken auszusetzen. Sie sind abhängig vom Adrenalin.

Sucht nach Adrenalin

Wer täglich einen Adrenalinkick braucht und für diesen sein Leben auf’s Spiel setzt, der zeigt typisches Suchtverhalten.

Es ist nicht leicht, eine Grenze zu ziehen zwischen Freizeitbeschäftigung, Risiko- und Extremsport. Aber auch wenn wir uns vielleicht uneinig darüber sind, wo genau diese Grenze verläuft, so steht doch fest, dass sie von manchen Menschen übertreten wird: Sie zeigen Verhaltensweisen, mit denen sie sich unnötigerweise in Lebensgefahr begeben. Jeder von uns kennt wohl Personen, die zumindest zu derartigem Verhalten neigen. Und oft ist es so, dass hinter ihm mehr steckt als eine simple Suche nach Abenteuer und Freude.

Free-Solo-Klettern

Tatsächlich ist der Adrenalinkick zuweilen das Einzige, was die Leeren füllen kann, die Betroffene in ihrem Inneren spüren. Darüber hinaus ist es möglich, dass sie nur im Angesicht großer Gefahr in der Lage sind, die Realität auszublenden und ihnen unangenehme Emotionen zu unterdrücken. Und zumindest in dieser Hinsicht unterscheiden sie sich gar nicht so sehr vom „Junkie“, der uns in den Sinn kommt, wenn von Süchtigen und Abhängigkeit die Rede ist. Dieser Junkie konsumiert nicht unbedingt, um Euphorie zu erreichen, sondern auch, um negative Empfindungen, wie zum Beispiel Entzugserscheinungen, abzuschwächen. Wenn der Adrenalinkick gesucht wird, um vor der Realität zu fliehen, dann trifft das auch auf denjenigen zu, der süchtig nach Adrenalin ist.

Etwas läuft falsch, wenn man sein Leben in Gefahr bringen muss, um sich lebendig zu fühlen. Wenn wir uns die Zeit nehmen, uns die Geschichte des Betroffenen anzuhören, dann werden wahrscheinlich feststellen, dass sich seine Sucht nach Adrenalin nach und nach entwickelt hat. Dass die Dosis, die er täglich braucht, anfänglich nicht so groß war, dass er sein Leben auf Spiel setzen musste. Auch darin gleicht die Abhängigkeit vom Adrenalin der von anderen Substanzen: Es werden zunehmend höhere Dosen gebraucht, um den gleichen Effekt zu erzielen, den man zu Beginn mühelos mit einer kleinen Menge erreichen konnte. In der Fachwelt spricht man von einer Toleranzentwicklung. Und wer heute die steilsten Pisten hinunterrast, hat bestimmt auch auf dem Kinderhügel angefangen, Ski zu fahren – findet dort aber keinerlei Befriedigung mehr.

Wir wollen noch einmal betonen, dass es durchaus Sportler gibt, die risikobehaftete Aktivitäten professionell und verantwortungsbewusst praktizieren. Dem entgegen stehen jedoch jene, die aufgehört haben, ihre Taten zu reflektieren und deren Konsequenzen abzuwägen. Es gibt Bergsteiger, die darauf verzichten, weiterzugehen, wenn sie erkennen, dass heute nicht der Tag dazu ist. Und es gibt solche, die nicht in der Lage sind, umzukehren – komme, was wolle. Die Grenze verläuft dort, wo sie mir mein Körper, mein Wissen und die Vernunft aufzeigen. Der Süchtige ist nicht fähig, diese Grenze zu erkennen, weil all sein Handeln nur auf die Befriedigung seines Bedürfnisses nach dem Adrenalinkick ausgerichtet ist.

Adrenalin und chronischer Stress

Wir haben gesehen, das Adrenalin eine Substanz ist, die abhängig machen kann. Aber das ist nicht die einzige Schattenseite dieses Hormons. Es ist ebenso wenig gesund, wenn wir tagtäglich einen leicht erhöhten Adrenalinspiegel haben, der sich aufgrund von zahlreichen Verpflichtungen und Sorgen einstellt, die zwar nicht unser Leben bedrohen, aber unser Herz. Wir sprechen vom chronischen Stress.

Frau sitzt im Labyrinth

Viele von uns sind die Anspannung gewohnt, die Berufs- und Familienleben scheinbar unvermeidlich mit sich bringen. Das ist an sich nichts Schlechtes, solange wir in der Lage sind, auch mal abzuschalten, unseren Kopf frei zu machen und uns um uns selbst zu kümmern. Aber genau hier liegt das Problem, denn viele Menschen haben nie gelernt, adäquat mit ihrer Belastung umzugehen. Die Folge dessen ist, wie wir bereits erwähnt haben, eine dauerhaft verstärkte Adrenalinausschüttung, die mit einer vermehrten Sekretion von Kortisol einhergeht.

Wenn wir Situationen erleben, die Unbehagen erzeugen, die uns physisch oder emotional aus dem Gleichgewicht bringen, dann interpretiert unser Gehirn diese als Gefahr. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die potenzielle Bedrohung und versucht, uns zu einer Reaktion zu bewegen. Genau so, als würde uns ein Säbelzahntiger im Wald verfolgen. Deshalb wird Adrenalin ausgeschüttet. Allerdings sind wir als denkende Wesen davon überzeugt, das die Gefahr weniger imminent sei, als die, die von jener Raubkatze ausgeht, die uns fressen wollte. Deshalb neigen wir dazu, sie zu ignorieren.

Dieses Vorgehen stellt keineswegs eine effiziente Art und Weise dar, auf Stressoren zu reagieren. Sie bewirkt nur, das Adrenalin und Kortisol über lange Zeiträume hinweg ausgeschüttet werden und so zur Tachykardie, zu Bluthochdruck und Verdauungsstörungen führen. Diese Konditionen beeinträchtigen unsere Gesundheit der Art, dass der anfänglich als „weniger wichtig“ eingestufte Reiz schließlich doch unser Überleben infrage stellt. Unser Gehirn arbeitet also richtig, aber uns scheint es die bequemere Lösung zu sein, die von ihm gesendeten Alarmsignale zu ignorieren.

Zusammenfassend können wir sagen, dass Adrenalin seine beinahe magische Wirkung dann entfalten kann, wenn es im Angesicht einer konkreten, zeitlich begrenzten Situation ausgeschüttet wird und uns zu Taten anspornt, die wir uns selbst nicht zugetraut hätten. Dann wirkt es als Hormon der Aktivierung und Leistungssteigerung, und sichert unser Überleben, in dem es uns ermöglicht, uns an widrige Umstände anzupassen. Wenn wir uns allerdings täglich auf die Suche nach dem Adrenalinkick gegeben oder zulassen, dass sich Sorgen anhäufen und deshalb unser Adrenalinspiegel dauerhaft erhöht bleibt, dann mindert dieses Hormon unsere Chancen, in dieser Welt zu bestehen.