Der emotionale Verarbeitungsstil: Wie gehst du mit deinen Gefühlen um?

Akzeptierst du deine Gefühle so wie sie sind oder hast du eher die Tendenz sie zu verdrängen oder zu blockieren?
Der emotionale Verarbeitungsstil: Wie gehst du mit deinen Gefühlen um?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 29. Dezember 2022

Jeder Mensch entwickelt im Umgang mit seinen Gefühlen individuelle Muster und Strategien, die deutlich vom Umfeld geprägt werden. Komplizierte familiäre Situationen führen häufig zu einem ungesunden emotionalen Verarbeitungsstil, wobei sich viele nicht darüber bewusst sind. Es ist jedoch sehr hilfreich, den Verarbeitungsstil zu analysieren, um komplizierte Situationen besser zu meistern. Wie gehst du mit deinen Gefühlen um?

Ein Leben im Einklang mit unseren Emotionen würde uns davor bewahren, in das schwarze Loch von Angst, Depression und anderen Formen psychischen Leidens zu fallen.

Der emotionale Verarbeitungsstil: Wie gehst du mit deinen Gefühlen um?
Emotionen sind ein komplexes Gewebe, der richtige Umgang mit unserer Gefühlswelt ist oft schwierig.

Der emotionale Verarbeitungsstil: 5 Arten

Die emotionale Verarbeitung definiert die Art und Weise, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen. Wir entwickeln verschiedene Mechanismen, um unsere Wohlbefinden zu erhalten. Dies scheint einfach zu sein, ist jedoch in der Praxis sehr komplex. Dieses Handwerk erfordert emotionale Kompetenz, doch nicht jeder ist darin geschult. Wie anfangs erwähnt, entwickeln wir diese Fähigkeiten in der Kindheit, was in einer dysfunktionalen Familie sehr schwierig ist.

Vernachlässigung, Unterdrückung oder dysfunktionale Verhaltensmuster innerhalb der Familie führen zu verzerrten emotionalen Erfahrungen, die Ängste, mangelnde Impulskontrolle oder auch psychische Störungen zur Folge haben können.

Forschungen der Universität Bern zeigen, wie wichtig es ist, den emotionalen Verarbeitungsstil zu kennen, um psychotherapeutische Prozesse zu begünstigen. Wie schaut es bei dir aus? Wie gehst du mit deinen Gefühlen um? Kennst du deinen emotionalen Verarbeitungsstil?

Wir beschreiben anschließend fünf häufige Verarbeitungsmuster.

1. Vermeidung: Du ignorierst deine Gefühle

Das Vermeidungsverhalten verstärkt viele krankhafte Muster. Du verdrängst deine Traurigkeit durch Unterhaltung oder vermeidest Angstgefühle durch ein Glas Alkohol. Wenn du deine Gefühle verdrängst, entsteht allerdings mit der Zeit chronisches Unbehagen. Dies ist der häufigste emotionale Verarbeitungsstil: Betroffene sind nicht dazu bereit, über ihre Gefühle nachzudenken und ihnen Bedeutung beizumessen. Sie flüchten vor sich selbst und beschäftigen sich mit anderen Dingen.

2. Externalisierung: Du explodierst

Auch dieser Mechanismus ist häufig zu beobachten. Bei kleinen Kindern kommt die Externalisierung durch einen Wutausbruch zum Ausdruck. Sie lassen sich von ihren Gefühlen mitreißen und keinen Filter, was jedoch ernste Konsequenzen haben kann. Auch Erwachsene lassen ihre Wut und ihre Frustration häufig an anderen aus.

Viele lassen sich von irrationalen Ängsten leiten, die ihr Leben einschränken. Dieses Verhalten zeugt ebenfalls von einer mangelhaften Emotionsregulierung, die in der Regel zu Konflikten führt und die Zielerreichung erschwert.

Wenn wir uns von unseren Gefühlen mitreißen lassen, verfallen wir oft in Verhaltensweisen, die wir später bereuen.

3. Unterdrückung: Du schluckst alles

Viele Menschen schlucken ihre Gefühle, ohne sie zu verarbeiten. Sie verinnerlichen sie, sprechen jedoch nicht darüber und bringen sie nicht zum Ausdruck. Im Gegensatz zum Vermeidungsverhalten ist hier kein Fluchtverhalten zu beobachten. Betroffene schlucken, schweigen und sammeln ihren Kummer und ihre Angst in sich an. In vielen Fällen führt dies zur Somatisierung, zu Depressionen oder Angststörungen.

4. Ich-Dystonie: Du weißt nicht, was du mit deinen Gefühlen anfangen sollst

Als Ich-Dystonie bezeichnen Experten einen Zustand, in dem eine Person ihre Gedanken, Emotionen und Impulse als fremd und störend erlebt. Betroffene empfinden ihre Emotionen oder Gedanken als aufdringlich und wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Sie entsprechen nicht ihren moralischen Vorstellungen und sind nicht in der Lage, ihre Gefühlswelt zu verstehen und zu regulieren. 

Sie spüren ihre Hoffnungslosigkeit, Melancholie und Traurigkeit, können jedoch nicht damit umgehen. Deshalb suchen sie nach Mechanismen, um ihre Emotionen abzuschwächen, allerdings sind ihre Methoden nicht immer gesund oder nützlich.

5. Positive Regulierung: Du erreichst emotionales Gleichgewicht

Wir sprechen in diesem Fall von Menschen, die gelernt haben, mit ihren Gefühlen umzugehen und dadurch Wohlbefinden zu erreichen. Sie sind fähig, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, komplexe Situationen zu lösen und resilientes Verhalten zu zeigen. Diese Personen nutzen ihre Gefühle zu ihrem Vorteil, um bessere Entscheidungen zu treffen, gesunde Beziehungen einzugehen und das Leben besser zu bewerkstelligen. Wir alle können die dafür nötigen psychologischen Werkzeuge entwickeln.

Der gesunde emotionale Verarbeitungsstil ermöglicht Wohlbefinden
Die emotionale Verarbeitung ist wie das Entwirren eines Knäuels voller Knoten. Du musst dir dabei jeden Schritt bewusst machen. 

So kannst du besser mit Emotionen umgehen

Emotionale Intelligenz kann trainiert werden. Folgende Tipps können dir auf dem Weg zum psychischen Gleichgewicht helfen.

Emotionale Aufmerksamkeit

Achte auf deine Gefühle, schenke ihnen Aufmerksamkeit, anstatt sie zu verdrängen. Was beabsichtigen sie dir mitzuteilen? Sei offen und verbinde dich mit dir selbst.

Akzeptiere deine Gefühle, ohne sie zu bewerten

Deine Gefühle sind weder gut noch schlecht und sie definieren dich nicht. Allerdings erfüllen sie eine Funktion, deshalb solltest du sie hinterfragen, jedoch ohne sie zu bewerten.

Analysiere deine Emotionen

Gib jeder Emotion einen Namen und gib ihr Raum. Du musst Verantwortung übernehmen und sie analysieren, um zu verstehen, was passiert. Warum erlebst du Wut oder Frustration? Was hat diese Gefühle ausgelöst?

Moduliere deine Gefühle und handle entsprechend

Du solltest dich von deinen Gefühlen nicht mitreißen lassen, jedoch auf sie hören. Dadurch verlieren sie an Intensität, während du dir überlegst, wie du am besten reagierst. Was kannst du tun, um dich besser zu fühlen? Welche Strategien helfen dir, um eine Lösung zu finden?

Akzeptiere deine Gefühle und höre auf sie, ohne sie zu bewerten, zu verurteilen oder zu verdrängen. 

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