Der Einfluss, den eine schwierige Kindheit auf die Beziehungen im Erwachsenenalter hat

Die Narben von Kindheitstraumata wirken sich oft auf die späteren Beziehungen der Betroffenen aus. Lies weiter, um mehr darüber zu erfahren, welche Konsequenzen eine schwierige Kindheit im Erwachsenenalter nach sich ziehen kann.
Der Einfluss, den eine schwierige Kindheit auf die Beziehungen im Erwachsenenalter hat

Letzte Aktualisierung: 12. Juni 2021

Unsicherheit, affektive Abhängigkeit, geringes Selbstwertgefühl, missbräuchliche Bindungen. Da viele Faktoren eine Rolle spielen, ist es nicht ganz einfach, die Auswirkungen zu bestimmen, die eine schwierige Kindheit auf die späteren Beziehungen der Betroffenen haben kann. Tatsächlich untersuchen Psychologen dieses Thema schon seit vielen Jahren. Jeder Mensch ist ein Individuum. Daher sind auch die Konsequenzen, die sich aus einer Kindheit voller Misshandlungen, Missbrauch oder mangelnder Zuneigung ergeben, individuell sehr verschieden.

Dennoch liegt den meisten dieser Fälle eines zugrunde: der Schatten einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Du solltest dabei bedenken, dass jede Kindheitserfahrung für die emotionale Entwicklung von enormer Bedeutung ist. Alles, was du in jungen Jahren erlebst, bildet die Grundlagen deines psychischen Wohlbefindens und deiner geistigen Verletzlichkeit.

Wie Agatha Christie einmal so treffend sagte: “Eines der glücklichsten Dinge, die einem im Leben passieren können, ist, glaube ich, eine glückliche Kindheit zu haben”. Allerdings ist dies leider nicht immer der Fall. Ob du es glaubst oder nicht, viele Menschen haben eine schwierige Kindheit erlebt. Sie tragen eine Vergangenheit voller Scherben und offener Wunden in sich, die auch weiterhin ihr gegenwärtiges Leben als Erwachsener bestimmt.

Die Auswirkungen, die eine schwierige Kindheit auf die Beziehungen im Erwachsenenalter haben kann

Kindheitstraumata sind weitaus häufiger als viele Menschen vermuten. Die Universität Zürich, die University of Vermont und die Virginia Commonwealth University haben eine gemeinsame Studie durchgeführt. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass etwa 60 Prozent der teilnehmenden Kinder ein traumatisches Ereignis in der Kindheit erlebt hatten.

Diese Zahl ist zweifelsohne sehr hoch. Allerdings ist es wichtig, die große Variabilität der traumatischen Erfahrungen zu berücksichtigen, die Kinder in den ersten Lebensjahren erleben können. Zum Beispiel das Verlassenwerden durch ein Elternteil oder der Tod eines geliebten Menschen. Einige Kinder werden Zeugen oder Opfer von Gewalt in der Familie, von Missbrauch und/oder psychischer Gewalt. Einige von ihnen erhalten nicht genügend Aufmerksamkeit und Zuwendung oder werden Opfer von Mobbing.

Darüber hinaus wurde in dieser Studie ebenfalls darauf hingewiesen, dass eine schwierige Kindheit einen langen und komplizierten Schatten auf das gesamte Leben des Menschen wirft. Daher laufen diese Menschen auch Gefahr, an verschiedenen psychischen Störungen zu leiden und viele Betroffene haben Schwierigkeiten beim Aufbau von Beziehungen zu anderen.

Wenn du wissen möchtest, welche Auswirkungen eine schwierige Kindheit und Kindheitstraumata auf die Beziehungen im Erwachsenenalter haben, dann solltest du unbedingt weiterlesen!

schwierige Kindheit - Frau mit geschlossenen Augen

Probleme bei der Identitätsentwicklung

Die Grundlagen für die Identität eines Individuums entwickeln sich in der Kindheit und Jugend. Obwohl sich diese Entwicklung bis in das Erwachsenenalter hineinzieht, ist es dennoch sehr wichtig, in der Kindheit solide Grundsäulen dafür aufzubauen und diese zu festigen. Ein entscheidender Faktor ist das Vertrauen in sich selbst und andere Menschen. Dieses Grundvertrauen erlernst du in deinem Umfeld. Insbesondere durch die Menschen, die für dich eine sichere und verlässliche Bindung darstellen.

Wenn sich ein Mensch aber permanent zurückgewiesen und bedroht fühlt, hat dies nachhaltige Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung des Betroffenen. Das liegt daran, dass Angstgefühle oftmals den Aufbau einer selbstbewussten, starken und optimistischen Identität verhindern. All dies wird es wesentlich schwieriger machen, im Erwachsenenalter qualitativ hochwertige Beziehungen aufzubauen. Denn die Betroffenen wissen häufig gar nicht genau, was sie eigentlich wollen.

Ein Gefühl der Leere, das niemand füllen kann und destruktive Beziehungen

Die Auswirkungen, die eine traumatische Kindheit auf die Beziehungen im Erwachsenenalter hat, können mit einer sehr verbreiteten Empfindung der Betroffenen beschrieben werden: einem ausgeprägten Gefühl der inneren Leere. Menschen, die eine schwierige Kindheit hatten, leiden vielfach unter dem Gefühl, dass alles irgendwie falsch sei, wenn sie erwachsen sind. Sie fühlen sich leer und wissen nicht warum. Daher suchen sie sich, fast ohne es zu merken, andere Menschen, um diese Sehnsucht zu stillen. Diese Menschen sollen die Lücken füllen, welche die eigene traumatische Kindheit hinterlassen hat.

Aufgrund dessen ist es für diese Menschen auch sehr schwierig, solide und zufriedenstellende Beziehungen aufzubauen. Sehr oft erwarten sie praktisch alles von anderen. Und am Ende sind sie frustriert und verletzt, wenn sich diese Erwartungen nicht erfüllen. Darüber hinaus bauen die Menschen, die in ihrer Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht haben, im Erwachsenenalter oftmals selber destruktive Beziehungen auf. So unwahrscheinlich sich dies vielleicht anhören mag. Viele Betroffene tolerieren Manipulation, Täuschung und toxische Beziehungen oder Freundschaften, nur um jemanden um sich zu haben. Alles, um diese emotionale Leere zu füllen, alles, um sich weniger alleine zu fühlen.

Eine schwierige Kindheit und Bindungsstörungen

Eine der Folgen, die eine traumatische und schwierige Kindheit nach sich ziehen kann, sind Veränderungen im Bindungsprozess. Du weißt bereits, dass es gesund ist, reife und sichere Bindungen aufzubauen, die es dir ermöglichen, furchtlos und frei zu lieben.

Wenn jemand in seiner Kindheit traumatische Erfahrungen durchlebt, wird er oder sie in der Folge mit großer Wahrscheinlichkeit Schwierigkeiten dabei haben, gesunde affektive Bindungen aufzubauen. Infolgedessen kommt es normalerweise zu folgenden Dynamiken:

  • Vermeidende oder unsichere Bindungen. In diesem Fall bevorzugt der Betroffene lieber die eigene Unabhängigkeit, um nicht erneut verletzt zu werden. Wenn er oder sie dennoch eine Beziehung eingeht, werden diese Bindungen stets von einem Mangel an Vertrauen, der Unfähigkeit, sich dem anderen vollkommen zu öffnen, und der Unfähigkeit, vollständig zu lieben, geprägt und beeinträchtigt sein.
  • Ängstliche Bindungen. Sie sind das Gegenteil vermeidender Bindungen. In diesem Fall besteht ein großes Bedürfnis, sich mit dem anderen zu binden. Allerdings ist hierbei die Abhängigkeit des Betreffenden vom anderen so groß, dass er oder sie, anstatt glücklich zu sein, permanent Angst empfindet. Angst davor, dass der andere ihn oder sie verlässt oder aufhört, den Partner zu lieben.
schwierige Kindheit - trauriger Mann

Wie wirkt sich eine schwierige Kindheit auf die Beziehungen im Erwachsenenalter aus?

Alle Kinder wünschen sich, dass ihre Eltern sie lieben und auf sie aufpassen. In vielen Fällen tun Kinder alles, um ihren Eltern zu gefallen, sie stolz zu machen und ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Nach und nach erschaffen sie so ein falsches Selbst, das nur geschätzt und geliebt werden möchte. Im Laufe der Zeit verinnerlichen sie diese Rolle so sehr, dass sie sie in beinahe jeder Situation einsetzen und annehmen.

Infolgedessen nehmen sie toxische Verhaltensweisen an, um Freunde zu finden, für andere sichtbar zu sein und ihren Partner dazu zu bringen, sie zu lieben, wie es ihre Eltern nicht taten. Obwohl dieses “falsche Selbst” manchmal sogar funktionieren kann, solltest du wissen, dass irgendwann der Tag kommt, an dem das “authentische Selbst” laut und unüberhörbar um Hilfe schreit. Tief im Inneren erleben die Betroffenen große Wut, Frustration, Ängste und eine tiefe Traurigkeit. Und diese unterdrückten und verborgenen Emotionen werden sich früher oder später auf die eine oder andere Weise bemerkbar machen und an die Oberfläche kommen.

“Unausgesprochene Emotionen werden niemals sterben. Sie werden lebendig begraben und werden später auf hässlichere Weise hervorkommen.”

-Sigmund Freud-

Kurz gesagt, wenn du dich fragst, wie sich eine schwierige Kindheit auf die Beziehungen von Erwachsenen auswirkt, lässt sich die Antwort in einem Wort zusammenfassen: Unglücklichsein. Es ist nicht einfach, als Erwachsener zu funktionieren, wenn man ein verwundetes Kind in sich trägt, für das nicht richtig gesorgt wurde. Daher musst du an diesem Trauma arbeiten, um voranzukommen und Ausgeglichenheit und Wohlbefinden zu erreichen.

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