Der Don-Quijote-Effekt

· 8. Oktober 2018

Don Quijote, die Figur von Miguel de Cervantes, war ein Krieger, der in der Tragödie lebte. Er hatte Probleme mit der unhöflichen und ihm feindlich gesinnten Realität, die er auszuwechseln versuchte. Er wollte sie gegen ein Ideal eintauschen, von dem er wusste, dass es unerreichbar war. Es gibt verschiedene Metaphern, die auf diesem Charakter beruhen, und wir kennen ein Phänomen, das nach seinen Abenteuern benannt ist – den Don-Quijote-Effekt.

Der Don-Quijote-Effekt tritt in verschiedenen Bereichen auf. Wir alle kennen die Analogie des Mannes, der gegen Windmühlen kämpft und sie für Riesen hält. Wir erkennen sie im Krieg zwischen zwei Ländern. Und wir können sie auch in unserem täglichen Leben ausmachen. Wenn wir annehmen, dass etwas eine bestimmte Form hat, während es in Wirklichkeit ganz anders aussieht, dann fallen wir auf diesen Effekt herein. Wir prallen mit dem Kopf voran gegen die Windmühle.

„Don Quijote bin ich. Ich bin von Beruf ein wandernder Ritter. Meine Gesetze sind: Unrecht zu berichtigen, Gutes zu verbreiten und Böses zu vermeiden. Ich habe kein Interesse an einem bequemen Leben, Ehrgeiz oder Heuchelei. Ich verfolge, zu meinem eigenen Ruhm, den engsten und schwierigsten Pfad. Ist das für die Dummen oder die Unwissenden?“

Miguel de Cervantes Saavedra

Der Don-Quijote-Effekt im Krieg

Eine der Erscheinungen des Don-Quijote-Effekts bezieht sich auf internationale Beziehungen. Konkret geht es um den Krieg zwischen Ländern verschiedener Größe. In der Geschichte finden wir verschiedene Beispiele dafür, wie z. B. den Vietnamkrieg oder den Krieg im Irak. In derartige Kriege greifen Länder ein, die keinerlei Aussicht darauf haben, die Auseinandersetzungen zu gewinnen. Aber obwohl sie die Kontrolle über das umkämpfte Territorium nicht erreichen können, setzen sie alles daran, ihr Schicksal zu kippen.

Oft werden solche Kriege unter dem Vorwand angezettelt, das jeweils andere Land „retten“ zu müssen. Leider ist die Zahl der Todesfälle, die diese Kriege mit sich bringen, durch nichts zu rechtfertigen. Dies gilt unabhängig von den Vorteilen, die die beteiligten Parteien aus dem Ergebnis des Kampfes ziehen könnten. Unabhängig davon, ob die Demokratie gestärkt oder ein Diktator gestürzt wird. Ungeachtet dessen sind dies Ideale, die auch für Don Quijote charakteristisch sind.

Windmühle als Symbol für den Don-Quijote-Effekt

Der Don Quijote-Effekt als Hysterese

Aus soziologischer Sicht entspricht der Don-Quijote-Effekt in Kriegen der „Hysterese„. Von Hysterese wird gesprochen, wenn Ursache und Wirkung verzögert auftreten. Das heißt, der Auslöser, der die Veränderung einleiten soll, ist gegeben, aber es dauert länger als erwartet, bis sich etwas ändert. Die Änderung könnte auch ausbleiben.

Die Geschichte lehrt uns, wie die Ereignisse ablaufen, vermittelt uns Erfahrung. Doch so sehr wir auch warten mögen, die Vergangenheit wiederholt sich nicht immer. Wenn wir zum Beispiel umziehen, erwarten wir, dass wir uns nach kurzer Zeit an einen neuen Lebensstil anpassen. Manchmal geschieht das jedoch nicht.

Ideen aus Literatur und Geschichte zum Nachteil anderer Wissenschaften können dazu führen, dass wir falsche Vorstellungen davon entwickeln, was passieren werde. Unser Gehirn nutzt mentale Abkürzungen, sogenannte Heuristiken, die uns dazu verleiten können, dass wir unseren Hoffnungen mehr als der Rationalität vertrauen.

Den Don-Quijote-Effekt kann man sich so vorstellen, als würde man Objekte im Nebel sehen. Dieser Nebel wird durch Erfahrung, Wahrsagerei und Propaganda verstärkt. In gewisser Weise sind sie die Riesen aus der Geschichte. Sie nehmen nie wirkliche Gestalt an und lösen sich am Ende auf.

„Der Wissenschaftler sucht das Gemeinsame unter den Verschiedenen. Er trennt das Wesentliche vom Überflüssigen. Und das ist es, was Sancho Panza ständig tut. Er sucht nach vernünftigen Reaktionen auf Don Quijotes unsinnige Taten.“

Jorge Wagensberg

Der Don-Quijote-Effekt im Habitus

Pierre Bourdieu hat den Don-Quijote-Effekt in seine Habitustheorie aufgenommen. Der Habitus ist ein System, durch das wir auf bestimmte Weise handeln, denken und fühlen. Unser Habitus wird von unserer sozialen Schicht bestimmt. Diese wiederum ist unter anderem durch die Wechselwirkungen zwischen Kultur, Bildung und Kapital geprägt.

Der Habitus führt dazu, dass Menschen, die in ähnlichen Umgebungen leben, einen sehr ähnlichen Lebensstil pflegen. Zum Beispiel neigen Menschen aus der gleichen Nachbarschaft dazu, einen ähnlichen Geschmack in Bezug auf Bücher, Filme, Sport, Kunst usw. zu haben. In gleicher Weise ist auch das Verhalten dieser Personen ähnlich. Aber wir können unsere Gewohnheiten ändern, wenn wir anders handeln als unser Habitus es vorsieht.

Statue von Sancho Panza

Unser Habitus setzt uns also Grenzen – er sagt uns, was möglich und was unmöglich ist. Trotzdem können wir diese Grenzen überwinden. Weil das, von dem der Habitus uns sagt, es sei unmöglich, nicht immer unerreichbar ist, können starke Veränderungen in unserer Umwelt einen Wandel des Habitus provozieren. Wenn sich der Habitus angesichts dieser Neuerungen positiv verändert, sprechen wir von einer Anpassung.

Andererseits, wenn dies nicht geschieht, tritt die „Hysterese des Habitus“ auf, der Don-Quijote-Effekt. Wenn dies geschieht, sind unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen der gegenwärtigen Situation nicht länger angemessen. Das liegt daran, dass der Habitus in der Vergangenheit geformt wurde und sich nicht ausreichend gewandelt hat. Er hat sich nicht angepasst, als Veränderungen in unserer Umwelt stattfanden.

Glücklicherweise haben wir vielleicht gute Freunde wie Sancho Panza, die uns helfen können, obwohl sie sich sehr von uns unterscheiden. Solche Freunde können uns auf unseren Abenteuern begleiten und uns eine andere Perspektive aufzeigen. Perspektiven, die der Realität vielleicht näher kommen als unsere eigene.