Die Bedeutung der Erfahrung

· 18. Mai 2018

Wir können behaupten, Experten für Schwimmtechniken zu sein. Wir können Kurse über verschiedene Schwimmstile geben. Oder wir können Tipps zum Schwimmen geben, wenn wir darum gebeten werden. Wir können auch unser Ego aufblasen, wenn wir unser Wissen mit denen teilen, die wenig über ein Thema wissen oder falsche Vorstellungen davon haben. Unser Wissen ist jedoch nicht vollständig. Denn wir waren noch nie schwimmen! Ohne das Gewicht der Erfahrung hat das, was wir sagen und behaupten, keinen Wert.

Jeden Tag stolpern wir über Menschen, die uns Ratschläge geben, die nicht aus ihrer eigenen Erfahrung stammen. Sie betrachten sich als Experten, weil sie über das Thema gelesen, einen Kurs gemacht oder eine angesehene Person gehört haben. Wenn wir ihnen Glauben schenken, unterschätzen wir, wie wertvoll Erfahrung ist. Ein Teil ihres Wertes ergibt sich aus der Empathie, die uns die Erfahrung erst ermöglicht. Nur wenn wir etwas aus erster Hand erleben, auf echte und authentische Weise, liefert es uns reales Wissen und Erfahrung in solch einer Situation.

Die große Angst vor dem Sprung ins Wasser

Warum springen wir nicht, ohne zu überlegen, ins Wasser? Warum sprechen wir, ohne selbst erfahren zu haben, was wir vermitteln wollen? Angst und Unsicherheit könnten zwei Gründe für dieses Gefühl sein. Da wir diese Dinge nicht für uns selbst ausprobiert haben, nehmen wir an, dass das, was wir wissen, ausreichend ist. Uns fehlt die Komplexität der Erfahrung. Und doch bleiben diese Ängste in unserem Leben, dank unseres Mangels an Erfahrung.

Sturm in einer Tasse

Wir sind mit der Idee aufgewachsen, dass wir andere richten und beschuldigen sollten, weil wir glauben, wir seien die Kenner, die im Besitz der absoluten Wahrheit sind. Uns wurde beigebracht, dass theoretische Kenntnisse mitunter mehr Einfluss haben als tatsächliche Erfahrungen. Worte jedoch verlieren ihre Bedeutung, wenn wir ihnen keine Erfahrungen zuordnen können, die Realität nie berührt haben.

Verstehen wir wirklich?

Wie können wir sagen, dass wir etwas von wüssten, wenn wir es nie gewagt haben, es zu erleben? Vielleicht haben wir über Picasso gelesen, was uns in die Hände fiel. Wir können aus dem Leben des Autors zitieren und den Kontext seiner Arbeit beschreiben. Aber waren wir da, als der Bombenanschlag, der jetzt zu einem Kunstwerk wurde, stattfand? Können wir uns wirklich vorstellen, was die Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben, durchlebt haben?

„Du weißt nicht, wie es ist, zwei Monate lang im Krankenzimmer zu sitzen und die Hand deines Geliebten zu halten.  Du weißt nichts über wirklichen Verlust, weil du diese Erfahrung nur machen kannst, wenn du etwas mehr geliebt hast als dich selbst.“

Robin Williams

Aus dem Komfort unseres Sofas, mit einem Buch in unseren Händen, denken wir manchmal, dass wir alles wüssten, während die Wahrheit ist, dass wir sehr weit davon entfernt sind, die wahre Bedeutung eines Moments zu verstehen. Wir können die Empfindungen und Emotionen, die erlebt wurden, nicht spüren. Auch nicht das Chaos, die Angst und den Schmerz, den andere Menschen erlebt haben.

Erfahrung hat einen unschätzbaren Wert

Wir wagen es, Menschen zu kritisieren und zu beurteilen, von denen wir nichts oder nur sehr wenig wissen. Manchmal verletzen unsere Worte mehr als wir denken, weil wir reden, ohne zu wissen. Wir berücksichtigen nicht, was sie erlebt haben, weil wir nicht in ihren Schuhen stecken. Wir sind uns nicht bewusst, dass das, was wir über sie wissen, wahrscheinlich viel weniger bedeutsam ist, als wir denken.

Eine Frau schaut auf zwei Männer

Wenn wir einen Moment innehalten, werden wir uns bestimmt daran erinnern, dass wir uns irgendwann in unserem Leben in einer ähnlichen, aber doch anderen Situation befanden, wie so viele Menschen auf dieser Welt, die Leid und Schmerz ertragen mussten. Das ermöglicht uns, zu erkennen, wie wenig wir über andere und über das, was sie umgibt, wissen. Aber vor allem hilft es uns, uns bewusst zu machen, dass die Informationen, die wir haben, unvollständig sind.

Vielleicht haben wir selbst versucht, anderen eine schwierige oder wichtige Erfahrung zu vermitteln. Trotz unserer besten Versuche, unser Erlebnis zu teilen, wird es aber immer etwas geben, was unser Gegenüber nicht vollständig verstehen kann. Das liegt daran, dass unser Gesprächspartner nicht in unserer Haut gesteckt hat.

Wir können alle von den Erfahrungen anderer lernen. Sie bereichern uns und bringen uns Wissen, das wir nicht haben. Sie helfen uns, unsere Gedanken zu öffnen. Dazu müssen wir bereit sein, zuzuhören, ohne zu urteilen. Aber vor allem müssen wir den Sprung wagen und versuchen, zu erleben, was wir selbst erleben können. Das wird uns den größten Reichtum in unser Leben bringen.