Intelligente Menschen und die Neigung zur Unsicherheit

· 14. Februar 2018

Kluge Menschen neigen dazu, im alltäglichen Leben reflektierter, akribischer, zögerlicher und unsicherer zu sein. Im Gegenteil dazu sind Menschen, die arroganter sind und sich selbst überschätzen, von Natur aus selbstsicherer, da sie weder die Folgen ihrer Handlungen bewerten noch die Wirkung ihrer Worte messen können. Darüber hinaus machen sie sich auch keine Sorgen über den Schmerz, den sie anderen Personen zumuten könnten.

Oft wird behauptet, dass es kein tieferes Glück gäbe, als jenes, das der Ignoranz entstamme. Sicher sind wir uns bezüglich dieser Aussage alle einig, weil wir uns alle schon einmal der Ignoranz, die wir von Natur aus besitzen, hingegeben haben. In dieser handelt man mit emotionaler und rationaler Nachlässigkeit, ohne sich der Wirkung bestimmter Verhaltensweisen bewusst zu sein.

„Die Intelligenz eines Individuums wird an der Menge an Unsicherheiten gemessen, die es aushalten kann.“

Immanuel Kant

Obwohl wir alle wissen woran sich Ignoranz erkennen lässt – nämlich an ausgeprägtem Stolz, Anmaßung und Arroganz – stellen wir uns doch die Frage: Warum haben diese Menschen in alltäglichen Szenarien noch so viel Macht?

Der Historiker Carlo Maria Cipolla sagte, dass wir die Anzahl dummer Menschen auf der Welt schlicht unterschätzten. Psychologen und Soziologen sagen uns, dass mit dieser Art von Verhaltensprofil ein seltsamer Aspekt einhergehe: Die dümmsten Menschen neigen dazu, Sicherheit auszustrahlen, sind viel „lauter“ und haben die Fähigkeit, andere durch diese Eigenschaften zu beeinflussen. Kluge Menschen hingegen zeichnen sich durch eine Neigung zur Unsicherheit, verzögerte Reaktionen, Reflexion und Diskretion aus. All diese Dimensionen erzeugen wenig Einfluss. Darüber hinaus leben wir in einer Welt, in der Unsicherheit weiterhin als negatives Merkmal gesehen wird.

Menschen hängen in Glühbirnen

Intelligente Menschen werden oft unterschätzt

Wir haben heutzutage noch immer ein falsches Konzept von Intelligenz und vor allem von Menschen mit einem sehr hohen IQ. Wir sehen sie als kompetente Frauen und Männer, die in der Lage sind, immer die besten Entscheidungen zu treffen oder ihre Aufgaben, Verantwortlichkeiten und alltäglichen Pflichten sehr effektiv zu erledigen.

Dennoch gibt es da ein Detail, das bei vielen Gelegenheiten zutage tritt: Kluge Menschen leiden oft unter sozialen Ängsten. In seltenen Fällen fühlen sie sich in einem bestimmten Kontext voll integriert: in der Schule, Universität, am Arbeitsplatz. Aber wie der Psychiater und Neurowissenschaftler Dean Burnett erklärt, sei eine ständige Unterschätzung der Fähigkeiten ein kennzeichnendes Merkmal intelligenter Menschen. Es ist das, was wir als „Betrüger-Syndrom“ kennen, ein Zustand, in dem die Person ihre Leistungen und Fähigkeiten geringschätzt, bis hin zur vollständigen Untergrabung des Selbstvertrauens und Selbstwertgefühls.

Natürlich kann man solche Aussagen nicht verallgemeinern, denn es gibt bestimmt auch Menschen mit hohem IQ, die Sicherheit ausstrahlen und den Gipfel des Erfolges mit Ausdauer und psychologischer Wirksamkeit erklommen haben. Das oben erwähnte Muster tritt jedoch sehr häufig auf: Intelligente Menschen neigen dazu, die Realität anders wahrzunehmen, nämlich als eine Realität, die nicht immer einfach zu begreifen ist, weder angenehm, noch zuverlässig.

Angesichts einer komplexen Welt voller Widersprüche und Unvorhersehbarkeiten, verstehen sich intelligente Menschen als seltsame Figuren, die ihrer Umgebung fremd sind. So, und fast ohne es zu bemerken, ist es üblich, dass sie sich selbst unter Wert verkaufen, weil sie sich nicht in der Lage sehen, sich an die Dynamik der anderen anzupassen. 

Mädchen hängt auf einem Baumstamm

Ist Unsicherheit wirklich eine negative Eigenschaft?

Wir müssen es zugeben: Sicherheit zieht uns ans und inspiriert uns. Wir mögen diese Art von Menschen, die in der Lage sind, schnell zu entscheiden, die in jeder Situation Selbstsicherheit ausstrahlen und schnell zu reagieren. Aber … Ist es wirklich richtig oder sogar wünschenswert, immer so sicher und überzeugt von uns selbst zu sein?

Die Antwort ist nicht so leicht zu geben. Der Schlüssel liegt darin, wie wir mit unserer Realität umgehen, er liegt in der Balance. Hierzu ist eines der Bücher des Neurowissenschaftlers Dean Burnett erwähnenswert: Unser verrücktes Gehirn.  Darin erklärt er, dass die naivsten oder dümmsten Personen, in der Regel ein hohes Maß an persönlicher Sicherheit zeigen. Sie sind Menschen, die nicht in der Lage sind, zu erkennen, wenn etwas nicht in Ordnung ist, oder analytisches oder reflexives Denken anzuwenden, um die Auswirkungen bestimmter Entscheidungen, Handlungen oder Kommentare im Voraus zu beurteilen.

Dennoch, und das ist das Seltsame und Besorgniserregende, neigt die „idiotische Persönlichkeit“ dazu, größeren sozialen Erfolg zu haben. Manager, hochrangige Beamte oder Politiker, die in ihren Entscheidungen Vehemenz, Sicherheit und Entschlossenheit zeigen, erscheinen als Führungskräfte. Dies kann eine echte Gefahr darstellen, denn manchmal legen wir unsere Zukunft in die Hände von Menschen, die nicht in der Lage sind, die Folgen ihres Handelns einzuschätzen. 

Katze schwimmt im Regenschirm

Die produktive Unsicherheit

Die Unsicherheit, die uns einsperrt und lähmt, ist nicht sinnvoll. Doch die Unsicherheit, die uns sagt „Stopp, sei vorsichtig und denke darüber nach, bevor du handelst“,  kann eine große Hilfe sein, solange sie uns hilft, Entscheidungen zu treffen, und uns nicht dazu verdonnert, auf unbestimmte Zeit stecken zu bleiben.

Intelligente Menschen haben oft Schwierigkeiten dabei, diese Unsicherheit zu bewältigen, da sie, wie bereits erwähnt, auch ein geringes Selbstwertgefühl haben:

  • Sie analysieren jede Tatsache, jedes Ereignis, jedes gesprochene Wort, jede Geste oder Haltung.
  • Sie haben eine besondere Art zu denken, folgen Algorithmen. Das heißt, sie gehen von einer Idee zur nächsten, dann zu einer weiteren, bis sie in den Tiefen dieses mentalen Zustandes ohne Ausweg versunken sind.
  • Sie mögen die Logik und benötigen das Gefühl, dass alles passt und dass alles einen Sinn ergibt. Doch das Leben verlangt manchmal, das wir manche Dinge so akzeptieren, wie sie sind, mit all seinen Irrationalitäten, dem Chaos und der Fremdheit.

Deshalb, und um sicherzustellen, dass die Unsicherheit nicht zur Unbeweglichkeit führt, ist es notwendig, zu lernen, die Unvollkommenheit des menschlichen Verhaltens und die fehlende Logik mancher Ereignisse auf dieser Welt zu tolerieren. 

Zusätzlich zu all dem ist es wichtig, neben der logischen Intelligenz die emotionale Intelligenz zu schulen, bei der man aufhört, sich als seltsames Wesen zu sehen oder sich selbst geringzuschätzen. Wir brauchen es mehr als jemals zuvor, diesen Virus der menschlichen Dummheit zu überwinden.