Das Syndrom des leeren Stuhls: Abwesenheiten, die die Festtage belasten

Nach einem Trauerfall sind die Weihnachtstage ohne die geliebte Person oft besonders schmerzlich. Trotzdem ist "Normalität" wichtig, um den Schmerz in der Trauerphase zu überwinden.
Das Syndrom des leeren Stuhls: Abwesenheiten, die die Festtage belasten
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 21. Dezember 2022

Der Verlust eines geliebten Menschen wird an bestimmten Tagen besonders intensiv und schmerzhaft wahrgenommen. Zu Weihnachten kleiden wir uns festlich und versammeln uns mit der Familie um den Tisch, um eine feierliche Mahlzeit zu genießen und genau zu diesem Zeitpunkt wird das Syndrom des leeren Stuhls besonders deutlich.

Nicht selten haben Betroffene keine Lust zu feiern. Die bunten Lichter und der Weihnachtsbaum, das typische Weihnachtsessen und die Kekse erinnern sie an eine geliebte Person, die jetzt nicht mehr da ist. Zu lachen und sich zu amüsieren kommt ihnen fast wie Verrat vor, wie mangelnder Respekt vor jenem Menschen, dessen Stuhl jetzt leer ist.

Es ist sehr schwierig, zu lachen und die Gesellschaft zu genießen, wenn du dich noch in der Trauerphase befindest.

Nicht abgeholte Geschenke symbolisieren das Syndrom des leeren Stuhls
Weihnachten ist die Zeit, in der die Abwesenheit einer geliebten Person besonders schmerzhaft ist.

Das Syndrom des leeren Stuhls: Was ist das?

Die ersten Weihnachten ohne einen geliebten Menschen sind Anlass für Trauer und Schmerz. Du beobachtest das freudige Treiben anderer Menschen, die sich für die Festtage vorbereiten und fühlst dich selbst verloren. Das Syndrom des leeren Stuhls bezeichnet die Traurigkeit, die dich überkommt, wenn du an die Person denkst, die nicht mehr da ist. Nichts ist mehr so, wie es einmal war: Die Abwesenheit des geliebten Menschen weckt traurige Gedanken, wie “Wenn ich die Zeit zurückschrauben und die Person noch einmal sehen könnte…”, “Was soll ich nur ohne sie tun”, “Ich werde nie wieder Freude empfinden…”

Trauer ist wie die Wellen eines Ozeans. Manchmal sind sie sanft und erträglich, und manchmal brechen sie über uns herein, bis wir nicht mehr wissen, wie wir reagieren sollen. Wir alle müssen lernen, mit den Prozessen der Trauer umzugehen.

Das Syndrom des leeren Stuhls: Was tun?

Weihnachten ist ein Familienfest, deshalb bist du mit deinen Gefühlen vermutlich nicht allein: Auch andere Familienmitglieder leiden am Verlust der geliebten Person. Die Abwesenheit wird kollektiv erlebt, was die Situation nur noch schwieriger macht.

Der leere Stuhl ist eine Metapher für die Abwesenheit, auf die niemand vorbereitet ist, obwohl wir wissen, dass dies das Gesetz des Lebens ist. Todesfälle sind erzwungene Lektionen, die uns das Leben lehrt. Die Festtage laden dich ein, diese Situation zu akzeptieren und nach vorn zu blicken.

1. Nicht zu feiern, verstärkt die Traurigkeit

Es wäre einfacher, die Weihnachtsfeierlichkeiten zu vermeiden. Damit verstärkst du jedoch deine Traurigkeit und deinen SchmerzEs ist ratsam, die Normalität zu wahren und diese Zeit mit anderen geliebten Menschen zu verbringen.

2. Organisiere die Weihnachtstage mit deiner Familie

Nach dem Verlust eines geliebten Menschen bist du schnell überfordert. Du solltest nichts dem Zufall überlassen, sondern die Festtage mit deiner Familie organisieren und planen. Gemeinsam ist alles einfacher. 

3. Entscheide dich für ein einfaches Fest

Das Syndrom des leeren Stuhls weckt unangenehme Gefühle und konsumiert viel Kraft und Energie. Am besten entscheidest du dich deshalb für ein einfaches Fest, an dem ausschließlich die engsten Familienmitglieder teilhaben. Es ist nicht nötig, auswärts zu essen oder das Haus tagelang zu schmücken. Vergiss nicht, dass es um das Zusammensein geht, um die Gesellschaft und die gegenseitige Unterstützung.

Während der Feierlichkeiten ist es angebracht, den Raum der fehlenden Person neu zu interpretieren. Du kannst ihren Stuhl austauschen oder ihn stehen lassen, um dich in positiver Art und Weise daran zu erinnern.

4. Du solltest die Bedeutung der Emotionen nicht missachten

Forschungen der Universität von Granada zeigen, wie sich die Emotionen während der Trauer verankern. Viele verbergen oder verdrängen ihre Gefühle, damit tun sie sich jedoch nichts Gutes. Du darfst zu Weihnachten emotional werden und auch weinen, wenn dir danach ist. Jedes Familienmitglied verarbeitet die Trauer auf unterschiedliche Art und Weise. Besonders wichtig ist dabei, den Kindern ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken, damit sie diese Erfahrung verarbeiten und ihre Erinnerungen (beispielsweise anhand von Zeichnungen) festigen können.

5. Positive Erinnerungen an die vermisste Person

Das Syndrom des leeren Stuhls ist nur ein weiterer Teil des Trauerprozesses. Irgendwann kommt ein Geburtstag, ein Jubiläumstag oder ein anderes Ereignis, das dich an die Person erinnert, die nicht mehr da ist. Du wirst immer wieder an diesen Menschen denken und ihn vermissen. Auf dem Weg zur Akzeptanz musst du lernen, mit diesen Momenten umzugehen.

Versuche, dich an die positiven, magischen und wunderbaren Momente zu erinnern, die du mit dieser Person erlebt hast. Dies gemeinsam und als Familie zu tun, kann heilsam sein. Es ist ein Weg, die geliebte Person zu feiern und zu ehren.

Familie zu Weihnachten überwindet das Syndrom des leeren Stuhls
Sich an die Person zu erinnern, die nicht mehr da ist, und positive Momente heraufzubeschwören, ist kathartisch und gesund.

Die Bedeutung von emotionaler und sozialer Unterstützung

Niemand hat gesagt, dass Trauer einfach ist. Es ist auch kein schneller Prozess, der feste Standards erfüllt. Jeder braucht Zeit und jeder wird bei manchen Handlungen Erleichterung finden und bei anderen nicht. Wir müssen also verstehen, dass ein Verlust immer wehtun wird, aber der Schmerz kommt wie die Wellen des Meeres. Manche sind sanft und erträglich, andere verunsichern dich und sind sehr gewaltig.

Während der Feiertage intensivieren sich Traurigkeit und Nostalgie, das ist ganz normal und verständlich. Unterstützung und gemeinsame Erinnerungen werden dir in dieser Zeit helfen. 

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