Grübeln verlängert die Traurigkeit deutlich

Grübeln lässt die Traurigkeit länger anhalten als andere Emotionen, bis zu 120 Stunden oder sogar noch länger, so eine Studie. Wir berichten darüber.
Grübeln verlängert die Traurigkeit deutlich

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 29. Juli 2022

Grübeln verlängert die Traurigkeit deutlich: Sie dauert rund 4 Tage länger als alle anderen Gefühle. Du hast das zwar vielleicht schon selbst experimentiert, doch jetzt haben Wissenschaftler diese Tatsache bestätigt. Die Grundlagenpsychologie erforscht unter anderem die Dauer von Emotionen, was für das Verständnis von psychopathologischen Störungen von großem Wert sein kann.

Die Erziehung, das emotionale Management und die Einstellung können dich dazu verleiten, ständig über Misserfolge und Missgeschicke nachzudenken. Dieses Verhalten verzerrt und verewigt die Traurigkeit. Du machst sie zu einer moralischen, persönlichen und kognitiven Peitsche. Das Grübeln führt dich dazu, die Traurigkeit unnötig fortzusetzen, sodass sie zu einer Art Sucht wird.

Traurigkeit ist deshalb eine Emotion, die Angst macht. Viele wissen nicht, mit ihr umzugehen oder sie zu akzeptieren. Lange Zeit war sie vielleicht ein Hintergrundgeräusch, dem du wenig Aufmerksamkeit schenktest, doch das Unbehagen ist trotzdem da.

Reaktion auf traumatische Ereignisse

Frau vertieft sich in die Traurigkeit
Das Wiederkäuen von belastenden Ereignissen ist ein wichtiger Faktor bei der Sinngebung.

Viele Menschen werden mit belastenden und traumatischen Erfahrungen konfrontiert (z.B. Trauerfälle, Naturkatastrophen, Mord, Autounfälle, Scheidungen…), die oft zu schweren posttraumatischen Symptomen führen. Manche verstehen und interpretieren ihre individuellen Erfahrungen auf ihre eigene Art und Weise. Diese kognitive Bewältigung wird als Bedeutungsgebung bezeichnet (Park, 2010), die bei der Anpassung an solche Erfahrungen eine Rolle spielen kann.

Es hat sich gezeigt, dass die Bedeutungsgebung eine zentrale Rolle bei der Erholung von belastenden Erfahrungen wie Trauer, Krankheit und Terroranschlägen spielt (Gillies und Neimeyer, 2006; Kernan und Lepore, 2009; Park et al., 2012). Sie lindert posttraumatische Symptome und führt zu positiven Veränderungen nach der Erfahrung.

Park (2010) schlug das Modell der Sinnstiftung vor. In diesem theoretischen Rahmen werden zwei Bedeutungsebenen unterschieden: die globale und die situative. Globale Bedeutung bezieht sich auf das gesamte Orientierungssystem des Einzelnen, das aus Überzeugungen, Zielen und Weltanschauung besteht. Der globale Sinn, der tief in den Menschen verankert ist, beinhaltet die Überzeugung, dass die Welt wohlwollend, vorhersehbar und sinnvoll ist und dass das eigene Selbst wertvoll ist (Janoff-Bulman, 1989).

Der situative Sinn hingegen entsteht aus der Bewertung einer bestimmten Situation. Das Modell geht davon aus, dass Menschen, die eine Diskrepanz zwischen ihren globalen und situativen Bedeutungen wahrnehmen, in Bedrängnis geraten, was dazu führt, dass wir uns um die Bewältigung der Diskrepanz bemühen.

Zwei Arten des Grübelns

Nach Greenberg (1995) und Park und George (2013) ist das Grübeln über belastende Erlebnisse ein wichtiger Faktor bei der Sinnfindung, weil es die Traumaaufarbeitung oder die schematische Revision fördert.

Tedeschi und Calhoun (2004) unterscheiden zwei Arten des Grübelns, die bei der kognitiven Verarbeitung von Sinnfindung identifiziert wurden. Es handelt sich um Schritte, die bei der Anpassung und positiven Veränderung notwendig sind:

  • Intrusives Grübeln. Es handelt sich um ungewollte und unerwünschte Gedanken und Bilder, die schwer zu kontrollieren sind und deren Inhalt mit belastenden Ereignissen zu tun hat. Die Diskrepanz zwischen globalen und situativen Bedeutungen führt zu intrusivem Grübeln (Greenberg, 1995; Park, 2008).
  • Bewusstes Grübeln. Dazu gehört der freiwillige und bewusste Versuch, die Vorkommnisse und ihre Auswirkungen zu verstehen. Fargen wie “Habe ich etwas gelernt?” oder “Hat diese Erfahrung meine Überzeugungen verändert?” helfen dabei. Bewusstes Nachdenken ist für das posttraumatische Wachstum wichtig.

Das Experiment: Verlängert Grübeln die Traurigkeit?

Traurigkeit entsteht oft durch Ereignisse, die sich langfristig auf das Leben eines Menschen auswirken, wie zum Beispiel ein Todesfall. Mentales Grübeln ist die zentrale Determinante dafür, warum manche Emotionen länger anhalten als andere.

Emotionen, die mit einem hohen Grad an Grübeln verbunden sind, halten länger an. Emotionen von kürzerer Dauer werden in der Regel (aber natürlich nicht immer) durch Ereignisse von relativ geringer Bedeutung ausgelöst.

Verduyn & Lavrijsens Studie über die Dauer der Traurigkeit

Um die beeindruckenden Auswirkungen des Grübelns auf die Dauer der Traurigkeit zu beobachten, führten die Wissenschaftler eine Studie durch, die in der Zeitschrift Motivation and Emotion veröffentlicht wurde. Das Ziel war, ein detailliertes Bild der Variabilität der Dauer von Emotionen zu erhalten und diese zu erklären.

Die Teilnehmer wurden gebeten, sich an kürzliche emotionale Episoden zu erinnern, über ihre Dauer zu berichten und Fragen zu Bewertungen und Regulierungsstrategien zu beantworten. Von 27 Emotionen dauerte Traurigkeit am längsten, während Verlegenheit, Überraschung, Angst, Ekel, Langeweile, Berührtsein, Irritation und Erleichterung die kürzesten Emotionen waren.

Eine Bewertungsdimension und eine Regulierungsstrategie waren für fast die Hälfte der Schwankungen in der Dauer der Emotionen verantwortlich. Insbesondere werden anhaltende Emotionen im Vergleich zu kurzen Emotionen häufig durch Ereignisse von großer Bedeutung ausgelöst und sind mit einem hohen Maß an Grübeln verbunden.

Diese Erkenntnis gilt für alle Definitionen der Emotionsdauer und bleibt auch dann gültig, wenn die Aktualität und Intensität der Emotionen berücksichtigt werden.

die Traurigkeit und ihre Dauer
Ergebnisse aus der Studie von Verduyn & Lavrijsen (2015)

Ekel und Verlegenheit dauern in der Regel 30 Minuten, während Traurigkeit im Durchschnitt 120 Stunden anhält. Langeweile vergeht meist nach ein paar Stunden, aber wenn du sie erlebst, scheint sie eine Ewigkeit zu dauern.

Es gibt auch faszinierende Verbindungen zwischen ähnlichen Emotionen. Zum Beispiel ist Angst eher kurzlebig, während ernstere Angstzustände länger anhalten. Ähnlich verhält es sich mit Scham, die relativ schnell verschwindet, während Schuldgefühle lange nachwirken.

Die Grenzen des Grübelns

All diese Tatsachen bringen uns dazu, über den Raum nachzudenken, den wir dem Grübeln geben. Wenn wir Sorgen als eine Möglichkeit verstehen, erwachsener oder produktiver zu sein, zumindest kognitiv, sind wir wahrscheinlich auch sehr anfällig für Grübeln. Denke nicht, dass du produktiver, kreativer oder ein besserer Mensch bist, wenn du ständig grübelst.

Allerdings ist intrusives Grübeln auch notwendig, um kognitive Prozesse auf positive Veränderungen auszurichten. Es handelt sich um eine normale Reaktion, die unmittelbar auf stressige und traumatische Erfahrungen folgt. Intrusives Grübeln ist auch ein wichtiger Bewältigungsmechanismus als Überlebensstrategie, um uns schnell vor Bedrohungen zu schützen.

Es kann also genauso wichtig für die Sinnfindung sein wie bewusstes Grübeln. Nur du selbst kannst wissen, wo die Grenze des Grübelns liegt und wo die Gefahr für depressives Verhalten beginnt.

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  • Verduyn, P., & Lavrijsen, S. (2014). Which emotions last longest and why: The role of event importance and rumination. Motivation and Emotion, 39(1), 119-127.
  • Kamijo Namiko, Yukawa Shintaro. The Role of Rumination and Negative Affect in Meaning Making Following Stressful Experiences in a Japanese Sample. Frontiers in Psychology. 2018. https://www.frontiersin.org/article/10.3389/fpsyg.2018.02404