Wie reagiert das Gehirn auf die Abwesenheit eines geliebten Menschen?

16. April 2018 en Emotionen 182 Geteilt
Opponent-Process-Theorie - Frau mit Schmetterlingen an Fäden

Die Abwesenheit einer geliebten Person schmerzt einen jeden von uns gleichermaßen. Obwohl die Liebe und deren Verlust Teil des menschlichen Lebens sind, können wir uns niemals vollkommen damit abfinden. Obgleich wir wissen, dass nichts für die Ewigkeit ist, scheint es so, dass wir diese Wahrheit nur ungern akzeptieren. Dabei handelt es sich um eine Art von psychologischer Rebellion.

Wir sagen dann häufig, dass unser Herz und unser Kopf miteinander im Clinch liegen. Unser Kopf sagt uns, dass wir die Abwesenheit eines Menschen akzeptieren müssen. Etwas tief in unserem Inneren weigert sich jedoch, unsere Schutzhaltung ganz aufzugeben und den Verlust hinzunehmen.

„Jemand Bestimmtes fehlt – auch wenn es nur ein einzelner Mensch ist. Und die Welt kommt einem menschenleer vor.“

Alphonse de Lamartine

Dies geschieht, weil sowohl die An- als auch die Abwesenheit eines geliebten Menschen Reaktionen in Bereichen hervorrufen, die wir nur zu einem Bruchteil kontrollieren können. An der Liebe und an der Trauer sind physiologische Vorgänge beteiligt, d. h. bestimmte Veränderungen sind körperlicher Natur. Sie gehen über unseren Verstand und unsere Kontrolle hinaus. Dies erklärt die sogenannte „Opponent-Process-Theorie“. Im Deutschen könnte man sie als „Theorie des emotionalen Gegensatzpaars“ bezeichnen.

Die Opponent-Process-Theorie

Diese Habituationstheorie wurde 1974 von Richard L. Solomon und John D. Corbin entwickelt. Laut ihrem Ansatz trachte unser Gehirn danach, ein emotionales Gleichgewicht herzustellen. Die bevorzugte Wahl falle dabei auf die Neutralisierung unserer Gefühle. Ein periodisch wiederkehrender Vorgang werde dazu ausgeführt: Tauche ein heftiges Gefühl auf und gefährde die Stabilität, versuche das Gehirn, die genau gegensätzliche Emotion hervorzurufen. Diese bezeichne man als „berichtigenden emotionalen Stimulus.“

Querschnitt durch ein menschliches Gehirn in Leuchtfarben.

Gemäß dieser Theorie ist die Reaktion auf einen gegebenen Reiz zuerst schwach. Nach und nach gewinnt sie jedoch an Stärke. Mit diesem Prinzip können wir zumindest teilweise erklären, was bei einer Suchterkrankung und nach einem emotionalen Verlust vor sich geht: Wenn die Ursprungsemotion auftaucht, ist sie sehr stark. Sie hat keinen Gegenpol und erreicht daher ein maximales Niveau. Das passiert zum Beispiel auch, wenn wir uns neu verlieben. Schließlich erscheint jedoch der gegensätzliche Stimulus. Am Anfang wird er zwar noch nicht wahrgenommen, aber er gewinnt allmählich an Intensität – mit dem Ziel, die Ursprungsemotion zu neutralisieren.

Was besagt diese Theorie hinsichtlich des Verlustes eines geliebten Menschen?

Dem Verständnis unseres Gehirns nach hat die Abwesenheit einer geliebten Person ähnliche Auswirkungen wie Entzugserscheinungen bei einer Suchterkrankung. In beiden Fällen gibt es den ursprünglichen Reiz und den berichtigenden Reiz.

Nehmen wir Alkohol als Beispiel. Der Konsument zeigt euphorische Reaktionen. Er fühlt sich enthemmt und wie betäubt gegenüber unangenehmen Gefühlen. Am nächsten Tag geschieht das genaue Gegenteil. Er fühlt sich vielleicht deprimiert und unsicher. Um den ursprünglichen Reiz abermals zu erleben, trinkt er noch eine größere Menge Alkohol.

Frau, die eine Wolke in ihren Händen hält.

Wenn wir die Themen Zuneigung und Liebe betrachten, ist der Anfangsimpuls die Zuneigung selbst. Es entsteht Verbundenheit, ein regelrechtes Bedürfnis nach der anderen Person. Du freust dich, wenn du den geliebten Menschen siehst. Besonders bei Paaren ist der ursprüngliche Reiz sehr stark. Gleichzeitig erscheint der entgegengesetzte Reiz. Darum wird die anfängliche Intensität auf längere Sicht durch ein gewisses neutrales Gefühl abgelöst.

Wenn es jedoch zu einer Abwesenheit der geliebten Person kommt, tritt eine Dekompensation auf. Der Anfangsimpuls verschwindet und nur der berichtigende Reiz bleibt übrig und verstärkt sich. Wir fühlen uns dann traurig und gereizt. Die Gefühle in uns liegen im Widerstreit.

Eine Sache der Chemie

Alle Gefühle entstehen auf natürliche Art und Weise. Dies bedeutet, dass es für jedes Gefühl einen entsprechenden physiologischen Vorgang gibt, während dessen chemische Veränderungen im Gehirn stattfinden. Wenn wir jemanden lieben, sind also nicht nur Herz und Seele daran beteiligt, sondern auch die Elemente des Periodensystems. Das zeigt sich auf unterschiedliche Weise in unserem Körper.

Darum ist die Abwesenheit eines geliebten Menschen nicht nur ein emotionales Vakuum. In der Phase des Verliebtseins werden jede Menge Oxytocin, Dopamin und Serotonin freigesetzt. Aber so rutscht der Körper in ein Ungleichgewicht. Es dauert seine Zeit, bis ein neuer, gegenläufiger Vorgang entsteht – der berichtigende Reiz, der den Körper zurück ins Gleichgewicht bringt.

Frau hält zwei Schmetterlinge in der ausgestreckten Hand.

Was nützt uns dieses Wissen nun? Wir gewinnen schlichtweg Verständnis dafür, dass die Abwesenheit eines geliebten Menschen tiefgreifende Auswirkungen auf Körper und Geist hat. Wir verstehen auch, dass wir durch einen Anpassungsprozess hindurch müssen, um unser Gleichgewicht wieder zu erlangen. Und das kann eine Weile dauern.

Häufig geht es einfach darum, diesen Prozess einfach nur zuzulassen. Wir können darauf vertrauen, dass unser System darauf angelegt ist, das Gleichgewicht wiederherzustellen.

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