Das Bedürfnis zu idealisieren, um zu lieben

· 7. Juni 2017

Wenn wir uns verlieben, ist eine Idealisierung unseres bedeutsamen Gegenübers nicht nur unvermeidbar, sie ist sogar notwendig. Dieser unkontrollierbare und leidenschaftliche Zustand, der mit einer solchen Intensität über uns hereinbricht, liegt an unserem besonderen Blick. Dieser richtet sich auf die Person, in die wir verliebt sind, und lässt uns oft staunend zurück: Jeder positive Zug des Objekts der Liebe wird verstärkt wahrgenommen. Jeden negativen Charakterzug empfindet man als weniger bedeutend. Man ignoriert ihn oder betrachtet ihn sogar als etwas Charmantes.

Die Idealisierung ist von begrenzter Dauer, da es unvermeidlich ist, dass die anfängliche Intensität mit der Zeit abnimmt. Es ist nicht möglich, diesen Zustand dauerhaft beizubehalten, da er uns in jedem Aspekt unseres Lebens beeinflusst. Unsere Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit wird vermindert, weil unsere gebündelte Energie der geliebten Person gilt.

Was beim Idealisieren in biochemischer Hinsicht passiert

Wenn man sich im Zustand der totalen Verliebtheit befindet, läuft ein biochemischer Prozess in unserem Gehirn ab, der süchtig macht. Darum wird dieser Zustand damit verglichen, dass die Person „unter Drogen steht“, und sie ähnelt tatsächlich einer Geisteskrankheit.

Wenn wir verliebt sind, werden Mediatoren wie Noradrenalin und Dopamin in unserem Gehirn freigesetzt. Auch die Produktion anderer Neurotransmitter ändert sich. So wird ein höherer Grad an Aufregung hervorgerufen und eine Beschleunigung des Herzschlages, Hitzewallungen und Schlaflosigkeit werden ausgelöst.

Phenylethylamine, wie ein Gruppe von Neurotransmittern auch bezeichnet wird, kommen auch in Lebensmitteln wie Schokolade vor. Darum kann Schokolade auch das Gefühl der Beklemmung, das die Abwesenheit der geliebten Person erzeugt, etwas abmildern. In der Idealisierungsphase können folgende Symptome auftreten:

  • Herzklopfen, Schüttelfrost und ein Kribbeln im Magen (auch als „Schmetterlinge“ bezeichnet)
  • Starke Nervosität, Hitzewallungen, kalter Schweiß und Pupillenweitung
  • Veränderungen im Körpergeruch, lähmende Angst und ein physisches Bedürfnis nach der Anwesenheit der Zielperson
  • Fokus auf den geliebten Menschen, Abhängigkeit und Verlust der eigenen Identität
  • Wunsch nach Verschmelzung, wechselnde Zustände von Euphorie und Depression

Die fantastische Phase der Idealisierung

Unsere Fantasie bekommt Flügel, jeder Aspekt der anderen Person erscheint uns großartig. Wir erschaffen ein außergewöhnliches Wesen. Gedanklich spielen wir mit seinen individuellen Charakterzügen. Allerdings fügen wir auch ein paar Aspekte hinzu, die wir haben möchten oder uns sehnsüchtig wünschen.

“Oh, Geliebter! Die Schlussfolgerung, die du für dich selbst ziehen kannst, ist die folgende: Stell dir vor, dass alle, die deinen geliebten Menschen betrachten, ihn genauso schön finden, wie du selbst.

Muhiyuddin Muhammad ibn Arabi

Wir denken an diese Person, überall und rund um die Uhr. Wir sehen sie überall und haben das Gefühl, dass sie ein Teil von uns wäre. Während dieser Phase können sogar Halluzinationen auftreten.

Unsere Fantasien kreisen um das Ideal, das wir erschaffen haben. Das, was für uns alles zu einer romantischen Beziehung dazugehört. Abhängig davon, wie wir die Liebe erfahren, werden wir uns einen bestimmten Typ Mensch suchen oder jemanden, der diesem Ideal nahekommt. Wir suchen uns zum Beispiel unmögliche Lieben und Lieben, die man durch Schmerz erfährt. Oder eine Liebe, die auf Konflikten beruht, eine leidenschaftliche Liebe, tragische Liebe, die perfekte Liebe, usw.

Mit der Realität in Verbindung bleiben

Die Idealisierung einer Person, die wir lieben, kann eine Weile andauern. Wenn diese Phase endet, kann die Beziehung ein Ende finden oder sich wandeln. Das kommt vor allem darauf an, inwieweit die Realität mit den Erwartungen, die wir hatten, übereinstimmt. Wenn die Person, die wir idealisiert haben, unserem Ideal überhaupt nicht entspricht, ist es mit der Beziehung wahrscheinlich bald aus.

Diese Konfrontation mit der Realität kann etwas Frustrierendes und Tragisches sein. Besonders nach all den Erlebnissen in Luftschlössern, die wir in der Phase der heißen Verliebtheit erfahren haben. In die Realität zurückzukehren, ist aber ein wichtiger Schritt. Dabei verwandelt sich unsere stürmische Liebe in eine reife Liebe. Dieser Übergang bekräftigt, dass wir die Person an unserer Seite haben, mit der wir auch zusammen sein wollen, um das Leben miteinander zu teilen.

Wenn dieser Schritt zurück in die Realität getan ist, bedeutet das, dass wir nun auf eine andere Art lieben. Man gibt die eigene Individualität nicht länger auf. Die Idealisierung hat den Zweck, dass man sich aneinander bindet und miteinander verschmilzt. Sie verleiht uns die Kraft und Energie, die andere Person kennenlernen zu wollen. Und das mit der ganzen Intensität, die wir fühlen. Es kann frustrierend sein, wenn das Ideal in Stücke bricht. Und dennoch handelt es sich dabei um eine positive Frustration. Sie hilft uns in unserer Entwicklung und bei der Stabilisierung einer gerade erst aufgebauten Verbindung.

Liebe ist nur dann möglich, wenn zwei Leute aus ihrem Wesenskern heraus miteinander kommunizieren. Die menschliche Realität kann man nur in dieser grundlegenden Erfahrung finden. Darin liegt das Leben. Darin kannst du das Fundament der Liebe finden. Liebe – auf diese Weise erfahren – ist eine ständige Herausforderung, keine Bank, auf der man sich ausruhen kann. Ständige Bewegung, ständiges Wachstum und ständige Zusammenarbeit. So ist es zweitrangig, ob es gerade harmonisch oder konfliktreich, angespannt oder glücklich zugeht. Die grundlegende Tatsache ist: Zwei Wesen erfahren sich gegenseitig aus ihrem Wesenskern heraus.

“Für die Liebe gibt es nur einen Beweis: die Tiefe der Beziehung, ihre Lebendigkeit und Stärke in jedem der Liebenden. Das allein ist die Frucht, an der die Liebe zu erkennen ist.“

 Erich Fromm