Das soziale Gehirn: Inwiefern verschafft es den Menschen einen evolutionären Vorteil?

Das soziale Gehirn ist eine der wichtigsten Ressourcen, die uns Menschen zur Verfügung stehen, um Herausforderungen in unserer Umwelt bewältigen zu können. Es erlaubt dir unter anderem, in Gesellschaft anderer zu leben und dich sicher zu fühlen.
Das soziale Gehirn: Inwiefern verschafft es den Menschen einen evolutionären Vorteil?

Letzte Aktualisierung: 21. Dezember 2020

Die Neurowissenschaftler nutzen das Konzept des sozialen Gehirns, um die angeborene menschliche Fähigkeit zu beschreiben, mit anderen in Beziehung zu treten. Studien zeigen, dass einige Gehirnkreisläufe eine Rolle bei der Entwicklung von Selbstbewusstsein und Empathie spielen. Aber was genau ist das soziale Gehirn?

Wissenschaftler argumentieren, dass einige Hirnareale direkt mit sozialen Beziehungen in Verbindung stehen. Es gibt beispielsweise den Gyrus fusiformis (die Spindelwindung), dank dem du dir Gesichter merken kannst. Spiegelneuronen ermöglichen die Nachahmung und die Von-Economo-Neuronen (VENs) helfen dir dabei, dich in Konfliktsituationen zu orientieren.

Ein weiterer entscheidender Aspekt in Bezug auf das soziale Gehirn ist die Fähigkeit, Sprache zu entwickeln und zu nutzen. Das war ein entscheidender Faktor in der menschlichen Evolution und er steht in direktem Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach sozialen Kontakten. Das soziale Gehirn besteht aus zwei Systemen: Spiegelneuronen und der Theorie des Geistes (Theory of Mind).

“Große Entdeckungen und Fortschritte erfordern immer die Kooperation vieler Köpfe. Vielleicht kann mir die Ehre zugestanden werden, den Weg geebnet zu haben, aber wenn ich mir die nachfolgenden Entwicklungen ansehe, habe ich das Gefühl, dass die Verdienste eher anderen zugeschrieben werden sollten als mir selbst.”

-Alexander Graham Bell-

Das soziale Gehirn - Zeichnung mit Menschen und Gedankenblasen

Das soziale Gehirn und Spiegelneuronen

Spiegelneuronen sind eine bestimmte Art von Neuronen, die aktiviert werden, wenn du Handlungen oder emotionale Ausdrücke bei anderen Menschen beobachtest. Mit anderen Worten, wenn du jemanden dabei beobachtest, wie er etwas tut, ist das so als würdest du es selber tun. Auf die eine oder andere Weise übernehmen Menschen die Gefühle und Emotionen derer, die sie umgeben.

Spiegelneuronen befinden sich hauptsächlich im Frontallappen, einer Hirnregion, die mit Bewegung und Berührung verbunden ist. Darüber hinaus gibt es sie auch im Parietallappen, welcher für dein Körperbild und die Informationen, die du von deinen Sinnen erhältst, verantwortlich ist. Und außerdem finden sich Spiegelneuronen in der Insula und im cingulären Kortex, welche beide mit Emotionen und Schmerzen in Verbindung stehen.

Die Spiegelneuronen sind für das verantwortlich, was die Wissenschaftler als “soziale Ansteckung” bezeichnen, einer der wichtigsten Mechanismen des sozialen Gehirns.

Wie der Name bereits vermuten lässt, ist soziale Ansteckung, wenn Individuen ihre Gefühle und Emotionen über einen beinahe automatisierten Mechanismus an andere Menschen weitergeben. Infolgedessen ahmst du dann das nach, was du in deinem unmittelbaren Umfeld wahrnimmst.

Die Theorie des Geistes – Theory of Mind

Ein weiteres wichtiges System, das den sozialen Geist formt, ist die Theorie des Geistes. Hierbei handelt es sich um die Fähigkeit, dir selbst und anderen Absichten oder Gedanken zuzuschreiben. Diese Funktion erlaubt es dir, deinen eigenen mentalen Zustand und den anderer Menschen anhand ihrer Körpersprache zu reflektieren.

Diese Wahrnehmung deiner selbst und anderer Menschen beinhaltet die Fähigkeit, unter anderem Emotionen, Gefühle und Überzeugungen zuzuordnen. Darüber hinaus ermöglicht sie dir, dein Verhalten und das anderer Menschen als Reaktion auf bestimmte Ereignisse vorherzusehen. Im Allgemeinen tust du dies aber nicht bewusst oder absichtlich. Es handelt sich um ein intuitives Verhalten.

Die Spiegelneuronen und die Theorie des Geistes sind zwei der Hauptkomponenten des sozialen Gehirns und seines komplexesten Produktes: der Empathie. Die meisten Menschen wissen, dass Empathie die Fähigkeit ist, andere Menschen aus deren Sichtweise zu verstehen. Mit anderen Worten, sich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen.

Jeder Mensch wird mit dem Potenzial geboren, Empathie entwickeln zu können, aber nicht jedem gelingt dies auch. Unter “normalen” Umständen wären alle Menschen dazu in der Lage, sich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen. Aber individuelle Erfahrungen und die Erziehung (sowie das maladaptive Verhalten und die Vorurteile, die damit einhergehen) können ein ausgesprochen unempathisches Verhalten fördern.

Das soziale Gehirn - zum Gebet gefaltete Steinhände

Kooperation ist ein intelligenter Akt

Aber die Tatsache, dass der Mensch dazu ausgelegt ist, sozial zu sein, ist kein Zufall. Die Verbindung zu anderen war ein entscheidender Faktor in der menschlichen Evolution. Die Sprache ist eines der am besten entwickelten Produkte dieser Evolution. Ihre Funktion ist es letztendlich, deine Gedanken und Gefühle mit den Gedanken und Gefühlen anderer Menschen zu verbinden.

In Bezug auf die physischen Aspekte sind Menschen keine überlegenen Kreaturen. Denn wir sind viel schwächer und ungeschickter als viele andere Lebewesen. Darüber hinaus sind auch unsere Sinne im Vergleich zu anderen Spezies stumpf und langsam. Dem Menschen gelang es nur dank der Kraft seines Gehirns, in einer derart feindlichen Umwelt zu überleben. Und unser Gehirn konnte sich wiederum aufgrund unserer sozialen Natur so weit entwickeln, wie es das getan hat.

Was für die primitiven Menschen galt, gilt für uns heute noch genauso. Obwohl unser heutiger individualistischer und utilitaristischer Lebensstil das nicht widerspiegeln mag. Das tägliche Leben und auch die menschliche Geschichte beweisen immer wieder, dass Kooperation der beste Weg ist, um Probleme zu überwinden und sich als Spezies zu entwickeln. Die Natur, in Form des sozialen Gehirns, ermutigt uns, genau das zu tun.



  • Valdizán, J. R. (2008). Funciones cognitivas y redes neuronales del cerebro social. Revista de neurología, 46(Supl 1), 64-68.