Das ruhige und gehorsame Kind ist nicht immer ein glückliches Kind

· 1. September 2018

Das ruhige Kind, das aus einer Ecke auf die Welt schaut und auf Anhieb gehorcht, ist nicht immer ein glückliches Kind, so „bequem“ es für die Menschen um es herum auch sein mag. Oft, wenn wir Angst, Verzweiflung oder Scham empfinden, neigen wir dazu, uns in einer entfernten Ecke vor uns selbst zu verstecken. Deshalb ist es besser, Respekt zu lehren, und zwar nicht durch blinden Gehorsam, der von derselben Qual ausgeht, die Identitäten raubt.

Wir liegen nicht falsch, wenn wir sagen, dass die Frage des Gehorsams von vielen Familien überbewertet und sogar missverstanden wird. Außerdem sagen viele Eltern allzu oft, dass „die Garantie des Glücks im Gehorsam liegt“.  Und es gibt keinen Mangel an Eltern, die stolz auf sich selbst sind, wenn sie sehen, wie ihre Kinder auf Anhieb Befehle befolgen.

Blinder Gehorsam ist nicht dasselbe wie intelligenter Gehorsam. Vor allem nicht, wenn er aus Angst erfolgt. Nicht, wenn man dem Kind schon früh beibringt, dass es das Wichtigste wäre, anderen zu gefallen und dabei seine eigenen Bedürfnisse, Kriterien und Wünsche beiseite zu lassen.

Früher oder später wird der Tag kommen, an dem dieses kleine Kind sich nicht mehr als wertvoll ansehen wird. Es ist möglich, dass es schließlich auch aufhören wird, sich zu verteidigen, und anderen erlaubt, mit ihm umzugehen, wie es ihnen gefällt.

„Der Zweck der Erziehung ist es, dem jungen Menschen zu zeigen, wie er lernen kann. Ein anderes Konzept der Erziehung ist die Indoktrination.“

Noam Chomsky

Trauriges Kind stützt sich auf seinen Ellbogen ab

Das ruhige Kind und die Wirkung autoritärer Erziehung

Es gibt Entdeckerkinder. Die Art Kind, die alles berührt, alles anschaut und Fragen stellt. Farbenfrohe Kinder, die mit unersättlicher Neugierde Räume besetzen. Sie sind glückliche Kinder. Auf der anderen Seite gibt es auch ruhige, etwas zurückhaltendere Kinder, die aber keine Schwierigkeiten haben, sich zu binden. Sie müssen nur ein Thema finden, das sie interessiert, das ihre Augen zum Leuchten bringt und den sensationellen Reichtum demonstriert, den sie in sich tragen. Sie sind introvertierte und glückliche Kinder.

Aber wir können oft auch solche Kinder treffen, die unseren Blick meiden. Sie scheinen nach der nächsten Ecke, um sich klein zu machen, um so zu tun, als wären sie nicht da. Um sich vor einer Welt sicher zu fühlen, die sie nicht verstehen, der sie aber buchstabengetreu folgen. Es sind jene Kinder, die nicht protestieren und in deren Vokabular es kein „Warum“ gibt, keine Fragen, die sie erforschen, keine Augen, die Tatsachen infrage stellen.

Es ist klar, dass unsere Kinder Grenzen und stabile Regeln brauchen. Doch das ruhige Kind, das immer ohne Widerrede gehorcht, ist sehr oft das Produkt einer autoritären Erziehung. Einer Erziehung, in der Regeln durch Bedrohung und nicht mit Intelligenz festgelegt werden.

Die Intelligenz ist denjenigen zu eigen, der sich nicht der Angst bedienen, sondern der Empathie. Denen, die es vorziehen, ihren Kindern das Gefühl von Respekt und die Möglichkeit zu vermitteln, zu verstehen, warum bestimmte Regeln und Vorschriften eingehalten werden müssen.

In diesem Zusammenhang dürfen wir eine wesentliche Tatsache nicht ignorieren: Kinder müssen die Grundlage für alles, was von ihnen verlangt wird, begreifen. Wenn wir uns darauf beschränken, unbestreitbaren Gehorsam zu erzwingen, werden wir unreifen Menschen ein Profil geben, die immer jemanden brauchen, der ihnen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben.

Im Leben eines Menschen kommt eine Zeit, in der er seine eigenen Kriterien anwenden muss. Die gelegentliche Rebellion oder Infragestellung der uns von unseren Eltern auferlegten Regeln gibt diesen frühen Versuchen, unsere eigene Identität zu definieren, Gestalt. Das ist etwas, das Eltern verstehen müssen.

Mädchen berührt sein Haar

Lasst uns glückliche Kinder aufziehen, nicht Kinder, die von blindem Gehorsam gefesselt sind

Als Eltern oder Erzieher wissen wir, einem Kind mit erhobener Stimme zu sagen, „Tu das, jetzt sofort, weil ich es dir sage!“,  ist ein zeitsparendes Mittel. Wir wenden aus Dringlichkeit an und es bringt uns gute Ergebnisse. Doch welchen Preis zahlen wir dafür und welche Folgen hat es, wenn wir sofortigen Gehorsam einfordern, indem wir uns an Schreien bedienen?

Die Auswirkungen sind immens. Wir werden ein Kind mit ruhigen oder trotzigen Verhaltensweisen formen. Mit einer solchen autoritären Dynamik verlieren wir das Wesentliche, was wir mit unseren Kindern aufbauen können: Vertrauen.

Nun, da stellt sich doch die Frage, wie bekomme ich mein Kind dann dazu, mir zu gehorchen? Es ist klar, dass das nicht einfach ist, wenn wir es bisher nur durch Drohung und Bestrafung erreicht haben. Aber manchmal ist die Antwort viel einfacher, als sie scheint: Wenn wir wollen, dass unser Kind uns vertraut, wenn wir es bitten, etwas zu tun oder zu befolgen, lernen wir auch, ihm zu vertrauen, lernen wir, sie zu respektieren.

Mutter spricht zu ihrem Sohn, ohne blinden Gehorsam zu verlangen

Respekt zeigt sich durch Zuhören. Fragen beantworten, argumentieren, Gegenseitigkeit fördern. Respekt wird verdient, indem man Bedürfnisse, Vorlieben, Eigenheiten berücksichtigt. Es ist daher notwendig, einer Art von intelligentem Gehorsam Platz zu machen, wo das Kind den Grund für alles versteht, wo es die Regeln verinnerlicht und ihren Nutzen kennt, bevor es sie befolgen muss.

Wir wollen Kinder, die glücklich sind, empfänglich für ihre Umgebung, lernwillig. Nicht Kinder, die durch den Schatten von Angst und Autoritarismus zum Schweigen gebracht wurden.