Das interessante Gefühlsleben zwischen Mann und Frau

28. November 2016 en Emotionen 573 Geteilt

Das Miteinander von Mann und Frau ist ein komplexer Austausch, der stark von den Bedürfnissen sowie den emotionalen Gewohnheiten der Partner beeinflusst wird. Diese Gewohnheiten wiederum hängen von der gesellschaftlichen und biologischen Prägung ab, die der Mensch erfahren hat, und machen jeden von uns einzigartig in.

Die häufigste Beschwerde der Männer über Frauen ist, dass sie zu emotional sind, während Frauen üblicherweise die Männer beschuldigen, zu wenig emotional zu sein. Mit diesen Vorwürfen versuchen wir, die andere Person zu verändern, um unseren Bedürfnissen gerecht zu werden, weil wir davon ausgehen, dass sie anders können, wenn sie es nur wirklich wollten.

Nun, wir müssen verstehen, dass die Gehirne von Mannes und Frau völlig verschieden sind.

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Zwei emotionale Systeme

Daniela durchlebt eine höchst stressvolle Phase in ihrer Arbeit. Wenn sie nach Hause kommt, ist das Einzige, was sie sich wünscht, dass Jörg ihr zuhört und sie in den Arm nimmt. Sobald Daniela jedoch ihrem Partner von ihren Schwierigkeiten erzählt, analysiert dieser, wo ihre Probleme liegen, und beginnt, Daniela zu erklären, was sie tun kann.

Das ist verstörend für Daniela, denn sie glaubt, dass Jörg die Situation nicht versteht und es ihn nicht kümmert, was mit ihr geschieht. Unterdessen quält es Jörg, Daniela so leiden zu sehen. Er kann nicht den passenden Weg finden, sie zu unterstützen. Auch wenn er Daniela mehrere Lösungen anbietet, kann er sie nicht dazu bringen, seinen Vorschlägen Beachtung zu schenken, geschweige denn zu versuchen, sie umzusetzen.

Bis vor Kurzem ist man davon ausgegangen, dass die Unterschiede – wie Männer und Frauen fühlen und Emotionen ausdrücken – ausschließlich auf die Art ihrer Erziehung zurückzuführen sind.  Wie wir bereits erläutert haben, wissen wir heute, dass die emotionale Verarbeitung im männlichen Gehirn anders vonstatten geht wie im weiblichen Gehirn.

Dieser Unterschied liegt der Verwendung von zwei verschiedenen „Betriebssystemen“ zugrunde, die simultan ausgeführt werden. Schauen wir uns das an unserem Beispiel an.

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Wenn Frauen weinen, kann Schmerz im männlichen Gehirn entstehen

Könnten wir das Gehirn von Jörg durchleuchten, während er Daniela über ihre Probleme klagen hört und sie anfängt zu weinen, sähen wir, dass zwei emotionale Systeme in seinem Gehirn aktiviert werden: Zuerst wird das Spiegelneuronensystem aktiviert, das ihm für den Moment erlaubt, den emotionalen Schmerz zu fühlen, welcher in Daniela ins Gesicht geschrieben steht. An dieser Stelle kann Jörg sich emotional auf seinen Partner einlassen. Im Anschluss kommt es zur Aktivierung des temporo-parietalen Übergangs. Jetzt kann er die Situation analysieren und nach Lösungen suchen. Das nennt man kognitive Empathie.

Das männliche Gehirn ist bereits frühzeitig in der Lage, den temporo-parietalen Übergang intensiv zu nutzen. Männliche Hormone können eine Präferenz gegenüber dem Spiegelneuronensystem erzeugen, wobei das jedoch von Mann zu Mann stark variieren kann.

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Der temporo-parietale Übergang führt uns dahin, klare Grenzen zwischen unseren eigenen Emotionen und denen anderer Menschen zu ziehen. Das wiederum verstärkt die Fähigkeit, nach kognitiven und analytischen Lösungen zu suchen, was durchaus praktisch ist.

Deshalb fragt Jörg Daniela Dinge wie: „Wie viel Zeit und wie viele Leute brauchst du, um die Aufgabe zu erledigen?“ Das wird, wie viele der Leser verstehen werden, Daniela irritieren. Dann wird sie antworten „Warum, was macht es für einen Unterschied? Ich muss es in der Zeit und mit dem Team schaffen, das ich habe.“

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Allerdings wird Jörgs Gehirn nicht den emotionalen Ton von Danielas letztem Kommentar aufgreifen, weil sein männliches Gehirn den Bereich der emotionalen Empathie deaktiviert hat; indes versucht er, eine Lösung zu finden und kognitive Empathie anzuwenden.

Folglich wird Jörg Daniela eine wunderbare Lösung anbieten: „Stell Aushilfskräfte ein.“  Automatisch leuchten die Gehirnbereiche des Wohlbefindens aufgrund seiner genialen Idee auf. Jedoch die Freude hält genau so lange an, wie es Zeit braucht, bis sich Danielas Ausdruck wandelt, in eine Gefühlslage, in der sie nur noch weinen kann und sich schlecht fühlt, weil ihr Partner ihre Gefühle nicht verstehen kann und ihnen nicht die Bedeutung einräumt, die sie tatsächlich verdienen.

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Zwei verschiedene Realitäten des Gehirns

Jörg versucht mit allen Mitteln, Daniela auf praktische Art und Weise zu helfen, da seine Logik ihm sagt, dass es das Beste sei, was er tun kann. Daniela sieht dies jedoch aus einem völlig anderen Blickwinkel und als Frau sucht sie mehr nach emotionaler Empathie als nach kognitiver. Sie kümmert sich weniger um die Lösungen als um das Gefühl, emotionale Zustimmung bei ihrem Partner zu finden, wenn sie Kummer hat. Somit interpretiert Daniela, dass es Jörg nicht kümmert, worüber sie spricht, während Jörg wahrlich versucht, das Leid seines Gegenübers zu mildern.

So gesehen müssen wir zu dem Schluss kommen, dass der emotionale Hintergrund eines Mannes nicht weniger reichhaltig und weniger Wert hat als der der Frau. Wir funktionieren lediglich auf unterschiedliche Weise. Wir können das als ein Hindernis sehen, das uns daran hindert, den Partner zu verstehen. Oder als eine Möglichkeit, sich perfekt zu ergänzen. Da wir nun diese Information aufgenommen haben, ist es vielleicht an der Zeit, diese zu berücksichtigen und zu beginnen, das emotionale Leben zwischen Mann und Frau zu bereichern.

Quellen:

Brizendine, Louann: Das männliche Gehirn: Warum Männer anders sind als Frauen. 2010.

Carlson, Neil R.: Physiology of the Behaviour. 2014.

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