Das empathische Gehirn: Die Power des Einfühlungsvermögens

23. Juli 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Das empathische Gehirn - eine Skulptur, die zwei Menschen zeigt, die sich ansehen.

Das empathische Gehirn versetzt uns in die Lage, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen bewusster wahrzunehmen. Dies ist das evolutionäre Ergebnis unserer Sozialisation. Empathie ist ein Bindeglied, das uns mit unseren Mitmenschen verbindet, um harmonisch miteinander leben zu können. Dieses Bewusstsein ermöglicht es uns, Konflikte zu lösen und sichert so unser Überleben. Einfühlungsvermögen ist die Fähigkeit, die unser Wohlergehen garantiert. So sollte es zumindest sein.

Wir sagen „sollte es sein“ aus einem ganz bestimmten Grund. Die meisten von uns wissen, dass Empathie kein Garant für humanitäres Handeln ist. Menschen können die Emotionen anderer Menschen intuitiv wahrnehmen und lesen und das ist wirklich wunderbar, zweifellos. Wir können sehen, wer leidet, wir bemerken die Ängste unserer Mitmenschen und wir können diese auch in ihren Gesichtern sehen. Wenn wir uns jedoch in die Situation eines anderen hineinversetzen, führt dies nicht zwangsläufig zum nächsten Schritt: Wir versuchen nicht immer, zu helfen.

„Wenn du keine Empathie und effektiven Beziehungen hast, dann wirst du, egal wie schlau du bist, nicht sehr weit kommen.“

Daniel Goleman

Spiegelneuronen und das empathische Gehirn

Wie zum Beispiel der bekannte Neurologe Christian Keysers, der am Institut für Neurowissenschaften in Amsterdam (Niederlande) tätig ist, erklärt, wissen wir immer noch nicht viel über das, was wir das empathische Gehirn nennen. Giacomo Rizzolattis Entdeckung der Spiegelneuronen in den späten 90ern ließ uns für einen Moment glauben, dass wir, der Mensch, in einem anderen Stadium der Evolution angekommen seien. So mancher wollte uns nun als Homo empathicus bezeichnen.

Dennoch ist unser Verhalten weiterhin sehr individuell geprägt. Wenn wir empathisch sind, können wir uns mit anderen verbinden und ihre Gefühle wie unsere eigenen fühlen. Empathie gibt uns eine außerordentliche Kraft und das wissen wir. Trotzdem nutzen wir diese nicht immer voll aus. Einige Wissenschaftler weisen sogar darauf hin, dass es uns nach wie vor an Empathie fehle. Es sei nicht genug, empathisch zu sein, wenn wir diese Fähigkeit nicht nutzen.

Sehen wir uns diese Idee doch genauer an.

Eine Zeichnung eines Gesichts aus Blumen, das mit Schmetterlingen bedeckt ist.

Das empathische Gehirn und sein Zweck

José Ortega y Gasset hat die Bedeutung von Empathie auf den Punkt gebracht. Ohne andere Menschen, ohne „den anderen“, könnten sich Menschen nicht verstehen. Sie würden auch das Konzept von Gesellschaft nicht begreifen. Der Mensch, so sagte der spanische Philosoph, trete in Geselligkeit als der Andere auf, ändere aber seinen Standpunkt immer wieder in einem Prozess des wechselseitigen Verstehens. Diese Idee entspricht einer Realität, die über das bloße Philosophieren hinausgeht. Sie spiegelt ein Konzept wider, das auch Psychologie und Neurologie erreicht hat.

Spiegelneuronen, laut Dr. Keysers, haben unsere Vorstellung von Zivilisation geprägt. Diese Neuronen helfen uns nämlich, uns unserer Mitmenschen bewusst zu werden. Diese andere Person, die wir oft beobachten und dann nachahmen. Beziehungsweise die Person, in der wir eine Reflexion von uns selbst erkennen. Das empathische Gehirn erlaubt uns nicht nur den Standpunkt der Person vor uns zu verstehen. Es hilft uns auch, ihre Absichten oder Bedürfnisse vorauszusehen. Das liegt daran, dass wir uns in anderen reflektiert sehen. Für unsere Gehirne sind „andere“ auch Erweiterungen unserer selbst.

Wozu überhaupt Empathie?

Wir fragen uns jetzt vielleicht, was der wahre Zweck von Empathie sei? Leider gibt es keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Wir wissen, dass Empathie die Fähigkeit ist, die es uns ermöglicht, mit anderen Menschen in bedeutsame Verbindungen zu treten. Doch bekannte Verhaltensneurologen wie Vilayunur Ramachandran weisen darauf hin, dass manche Menschen Empathie eben nicht zu einem guten Zweck nutzen. Sie versuchen nicht immer, zu verstehen, um zu helfen. Empathie ist eben kein Synonym für Sympathie. Wie in vielen sozialen Situationen verfolgen wir oft andere Interessen als unser Gegenüber.

Hände, die in die Luft gestreckt werden. Es sieht so aus, als ob sie die Sonne halten würden.

Dinge aus der Perspektive anderer betrachten zu können, ist sehr nützlich. Die Welt durch die Augen anderer Menschen sehen zu können, ist daher auch eine wirksame Waffe. Das bedeutet, dass manche Menschen sehr genaue „mentale Karten“ erstellen können, die ihnen beispielsweise verraten, welche Absichten ihr Gegenüber hat. Sie mögen ihr Einfühlungsvermögen nutzen, um die Schwächen ihrer Mitmenschen zu identifizieren und auszunutzen, um sie zu manipulieren. Tatsächlich hat der Mensch die Fähigkeit, mit den Emotionen seiner Mitmenschen zu seinem eigenen Vorteil zu spielen.

Empathie fördern, um als Spezies voranzukommen

Ramachandran erinnert uns daran, dass Spiegelneuronen der Grund sind, warum unsere Spezies einen unglaublichen evolutionären Sprung machte. Es stimmt, dass andere Tiere auch empathische Fähigkeiten haben. Beim Menschen bedeutet das Vorhandensein diese spezialisierten Neuronen jedoch einen unglaublichen Fortschritt in dieser Hinsicht, denn sie begünstigten die Entstehung von Kultur, Gesellschaft und Zivilisation.

Dank der Spiegelneuronen wuchs unser Bewusstsein, unsere Gedanken wurden abstrakter und die Art und Weise, wie wir uns aufeinander bezogen, wurde raffinierter. Manchmal auch grausam und gewalttätig, ja, aber eben auch menschlicher. Spiegelneuronen förderten Wohlbefinden, Ordnung und Ausgeglichenheit. Das empathische Gehirn ist die Essenz unserer sozialen Beziehungen und unseres Lernens. Es erlaubt uns, Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Eine Statue, die zwei Menschen zeigt, die sich an den Händen berühren.

Wie wir oben angedeutet haben, bedeutet Empathie nicht immer Handeln. Spiegelneuronen funktionieren nicht bei allen Menschen gleich und jeder Mensch zeigt Empathie auf unterschiedliche Weise. In jedem Fall aber beeinflusst unser Einfühlungsvermögen unsere sozialen Interaktionen und unsere Fähigkeit, Probleme zu lösen. Es bestimmt auch, wie gut wir mit anderen auskommen. Tatsächlich weisen einige Wissenschaftler darauf hin, dass unsere Spiegelneuronen sich weiterentwickeln und ihre Bedeutung mit jeder Generation größer werde.

Wer weiß, vielleicht werden diese Neuronen uns eines Tages helfen, dauerhaften Frieden zu erreichen. Vielleicht helfen sie uns, eine harmonische, ausgeglichene und respektvolle Gesellschaft zu erschaffen.

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