Das Easterlin-Paradox: Das Glück liegt nicht im Geld

· 18. November 2018

Das Easterlin-Paradox ist eines jener Konzepte, das an der Schnittstelle zwischen der Psychologie und der Ökonomie definiert wurde. Es erscheint seltsam, dass diese beiden Wissenschaften immer gemeinsame Territorien betreten, aber wenn wir einen Moment darüber nachdenken, liegt die Idee doch nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen Geld, Konsumkapazität und Glück gebe.

Niemand kann die Bedeutung des Geldes leugnen. Trotzdem hört man regelmäßig, dass Geld nicht notwendigerweise Glück bedeute. Und regelmäßig fühlen wir uns frustriert, weil wir nicht genug haben, um das zu kaufen, was wir gern hätten: ein Haus, eine Reise, bessere medizinische Leistungen. Unser Einkommenslevel ist aber nur einer vieler Aspekte, die in Bezug auf unser Wohlbefinden relevant sind. 

„Es ist notwendig, den Appetit eines Armen zu haben, um das Glück des Reichen genießen zu können.“

Antoine de Rivarol

Das Easterlin-Paradox besteht gerade darin, die Idee zu bekräftigen, dass Geld zu haben und glücklich zu sein eben nicht zwei Realitäten seien, die einander unbedingt implizieren. In diesem Artikel wollen wir diese interessante Hypothese im Detail betrachten.

Das Easterlin-Paradox

Das Easterlin-Paradox wurde vom Ökonom Richard Easterlin definiert. Die erste Reflexion, die er diesbezüglich anstellte, war globaler Natur. Er hat eine Realität beschrieben, die vielen von uns bereits bekannt ist: Die Einwohner der Länder, die tendenziell ein höheres Einkommen haben, sind nicht die glücklichsten. Und die Bürger von Ländern mit niedrigeren Einkommen sind nicht die unglücklichsten.

Sparschwein in Form eines Hauses, in das Scheine geschoben werden

Diese These, die durch Beweise gestützt wurde, widersprach jedoch der weitverbreiten Vorstellung, dass, je größer das Einkommen sei, umso größer auch das Glück sein müsse. Die erste Frage, die sich hierbei stellt, ist daher, ob sich der Mensch nach dem Erreichen eines bestimmten Einkommensniveaus in seiner Fähigkeit beschränken lässt, glücklich zu sein?

Ein weiterer Aspekt des Easterlin-Paradoxes ist die Tatsache, dass ganz andere Ergebnisse erzielt werden, wenn die Einkommensunterschiede innerhalb desselben Landes verglichen werden: In ein und demselben Gebiet sind die Menschen mit geringerem Einkommen weniger glücklich und umgekehrt. Wie kann man das erklären?

Die Relativität des Einkommens

Um all diese Beobachtungen erklären zu können, griff Easterlin eine Metapher auf, die von niemand geringerem als Karl Marx stammt. Letzterer sagte einmal, dass sich eine Person, die ein Haus habe, welches ihren Bedürfnissen entspreche, zufrieden fühlen könnte. Doch wenn irgendjemand neben diesem Haus einen Palast errichte, würde sie Person beginnen, ihr eigenes Haus so wahrzunehmen, als ob es nur eine Hütte wäre. 

Auf dieser Grundlage zieht Easterlin zwei Schlussfolgerungen: Die erste ist, dass jene Menschen, die ein höheres Einkommen haben, tendenziell glücklicher sind. Dabei nehmen die Menschen die Höhe ihres Einkommens abhängig davon wahr, wie viel ihre Mitmenschen verdienen. Beide Schlussfolgerungen zusammen erklären den Unterschied in der Relation von Glück und Gehalt auf nationaler und internationaler Ebene.

So besagt das Easterlin-Paradox also, dass die Wahrnehmung unseres Wohlbefindens unmittelbar auf einem Vergleich unserer Situation mit der unserer Mitmenschen beruht. Mit anderen Worten ist der Kontext entscheidend dafür, ob uns unser Einkommen glücklich macht oder nicht.

Das Einkommen oder die Gerechtigkeit?

Richard Easterlin äußerte niemals, dass höhere oder niedrigere Einkommen die Ursache für das Gefühl von Glück oder Unglück seien. Was das Easterlin-Paradox aber betont, ist, dass ein höheres Einkommen nicht unbedingt ein größeres Glücksgefühl erzeugt. Dieses hängt immer vom Kontext ab, in dem diese Situation auftritt. Daraus ergibt sich die Frage: Könnte das, was Glück oder Unglück hervorruft, eher die Gerechtigkeit sein und nicht so sehr das Einkommen? Ist es möglich, dass die großen Einkommensunterschiede in unserer Gesellschaft der Ursprung zunehmenden Unbehagens sind?

Hände über Geld, aus dem eine Pflanze wächst

Im Angesicht großer Ungleichheit könnte das Überlegenheitsgefühl der Bevorteilten zu einem Gefühl größerer Zufriedenheit mit dem eigenen Leben führen. Im Gegenteil dazu können derartige Umstände zu einem stärkeren Gefühl der Traurigkeit und Frustration bei denen führen, die sich anderen unterlegen fühlen.

Weder in dem einen noch in dem anderen Fall muss dieser Zustand direkt etwas mit der Möglichkeit zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu tun haben. Das bedeutet: Es kann sein, dass mir mein Einkommen erlaubt, ohne größere Schwierigkeiten zu leben; doch wenn ich wahrnehme, dass andere viel besser leben als ich, werde ich das Gefühl haben, dass mein Gehalt nicht ausreichend sei. 

Dies ist es, was in den reichsten Ländern der Welt geschieht. Je mehr der Großteil der Bevölkerung seine Bedürfnisse befriedigt, umso mehr wirft die Zurschaustellung dieses Reichtums einen Schatten auf das Glücksgefühl und die Zufriedenheit. Auf der anderen Seite ist es in armen Ländern, in denen die überwiegende Mehrheit ein niedriges Einkommen hat, aber Grundbedürfnisse noch befriedigt werden können, viel einfacher, glücklich und zufrieden zu leben.