Das Barkley-Modell, um ADHS zu erklären

6. Juli 2019
Was ist ADHS? Wie manifestiert sich diese Störung und warum? In diesem Artikel erklären wir es euch anhand des Barkley-Modells.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine Erkrankung, die sich im Kindesalter manifestiert. Es wurden mehrere Versuche unternommen, um Entstehung und Entwicklung von ADHS zu erklären. Eine dieser Theorien hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen: das Barkley-Modell.

ADHS ist durch ein anhaltendes Muster fehlender Aufmerksamkeit, übermäßiger Aktivität und Schwierigkeiten der Steuerung von Impulsen gekennzeichnet. Es ist eine der am häufigsten untersuchten Störungen in der Kinderpsychopathologie.

In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts war der medizinische Ansatz in der Forschung vorherrschend. Man suchte nach einer neurologischen Störung als Grundlage für ADHS. Denn Wissenschaftler gingen davon aus, dass eine Gehirnverletzung oder -veränderung diese Störung verursachte.

Diesem Ansatz folgte eine Welle von Fachartikeln, die neurokognitive, genetische und soziale Ansätze untersuchten. Dies haben neue Kenntnisse über ADHS ermöglicht.

Das Barkley-Modell hilft ADHS besser zu verstehen - auch bei Schülern.

Vom medizinischen zum verhaltensorientierten Modell

Der Mangel an Beweisen für medizinische Ursachen führte zu einer funktionalen Definition dieser Störung. Sie wurde immer mehr als Verhaltensstörung betrachtet, wobei insbesondere die Hyperaktivität als hervostechendes Merkmal betrachtet wurde.

Doch 1972 fanden Wissenschaftler heraus, dass das Grundproblem nicht die Hyperaktivität, sondern  fehlende Aufmerksamkeit und Impulsivität ist. Das heißt, dass die meisten Probleme von Kindern mit ADHS auf unzureichende Selbstkontrolle zurückzuführen sind.

Aktueller Ansatz zur Erklärung von ADHS

Die aktuelle Definition von ADHS ist in dem Leitfaden Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) zu finden. Auch das Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilt denselben Ansatz.

Demnach ist das grundlegende Merkmal von ADHS ein anhaltendes Verhaltensmuster von Unaufmerksamkeit und / oder Hyperaktivität-Impulsivität.

Die daraus resultierenden Symptome erschweren die Anpassung im Alltag und manifestieren sich in spezifischen Verhaltensmerkmalen. Außerdem wirken sie sich negativ auf die kognitive, persönliche und soziale Entwicklung aus. Weiterhin behindern sie das Lernen in der Schule und das Alltagsleben der Betroffenen.

Das Barkley-Modell

In der Vergangenheit war die Forschung über ADHS überwiegend atheoretisch und deskriptiv. Trotz der Fortschritte, die gemacht werden konnten, gibt es immer noch erhebliche Lücken im Wissensstand.

Das Barkley-Modell (Inhibitionsmodell) besagt, dass das Grundproblem hyperaktiver Kinder eine mangelnde Inhibitionsfähigkeit ist, wodurch vier neuropsychologische Funktionsbereiche beeinträchtigt werden.

Eine Lehrerin erklärt zwei Schülern den Unterrichtsstoff.

Barkley-Modell: 4 Funktionsbereiche

Die vier Funktionsbereiche dieses Erklärungsmodells sind: Arbeitsgedächtnis, Selbstregulation, Selbstregulation von Stimmung und Aktivierung und Motivation, Internalisierung von Sprache und Rekonstitution (Verhaltensanalyse und -synthese). Diese exekutiven Funktionen wiederum beeinflussen die Motorik, welche das zielgerichtete Verhalten der Betroffenen steuert.

Auch wirken sich diese Funktionen auf andere neuropsychologische Systeme aus, z. B. sensorische, perzeptive, sprachliche, mnemonische und emotionale Systeme. Generell ermöglicht uns unser Arbeitsspeicher (Operational Memory), Informationen während der Arbeit an einer Aufgabe zu speichern, selbst wenn der Stimulus verschwunden ist.

Das Selbstregulationsdefizit in Bezug auf Affekt, Motivation und Aktivierung ermöglicht Kindern mit ADHS nicht, die emotionalen Reaktionen auf ein bestimmtes Ereignis zu kontrollieren. Nach dem Barkley-Modell zeigen diese Kinder folglich ihre Emotionen in der Öffentlichkeit.

Auch die Internalisierung von Sprache weist bei betroffenen Kindern tendenziell ein Defizit auf. Das heißt, dass dieser Mangel an Sprachreife zu Schwierigkeiten bei der Annahme von Verhaltensweisen führen könnte, die von Regeln bestimmt werden. Daher könnte es zu einer Verzögerung der moralischen Entwicklung kommen.

Weniger reifes und weniger kreatives Spielverhalten

Der Mangel an Rekonstruktion, Verhaltensanalyse und Synthese hindert das hyperaktive Kind daran, Situationen und Verhaltensweisen zu analysieren. Gleichzeitig behindert dieser Mangel ihre Fähigkeit zur Problemlösung.

Aus diesem Grund ist ihr Spielverhalten weniger ausgereift, weniger symbolisch und weniger kreativ. Außerdem haben Experten festgestellt, dass verbale Sprachkenntnisse betroffener Kinder schlechter sind und dass die Antworten, die sie auf Probleme geben, weniger angemessen sind.

Dies würde sich nach dem Barkley-Modell wahrscheinlich auch in der Ausführung nonverbaler Aufgaben bemerkbar machen, die neue und komplexe motorische Abläufe erfordern. Diese vier Exekutivfunktionen würden daher auch das motorische System beeinflussen.

Auch andere Modelle haben versucht, ADHS zu erklären. Trotz der Terminologieverschiebung und der unterschiedlichen Betonung spezifischer Symptome von ADHS haben sich die Hauptsymptome, die zur Diagnostik herangezogen werden, im Laufe der Zeit kaum verändert.

  • Barkley, R. A. (1997). Behavioral inhibition, sustained attention, and executive functions: constructing a unifying theory of ADHD. Psychological Bulletin, 121(1), 65–94.
  • Gawrilow, C. (2011). Self-Regulation in Children with ADHD: How If—Then Plans Improve Executive Functions and Delay of Gratification in Children with ADHD. The ADHD Report. https://doi.org/10.1521/adhd.2011.19.6.4