Communitas: Liminalität während des Übergangs

· 27. Februar 2019

Jeder von uns, der schon einmal an einer Wallfahrt teilgenommen hat, weiß, dass das ein besonderes Erlebnis ist. Trotzdem wissen wir vielleicht nur wenig über das Konzept der Communitas bzw. der Gemeinschaftlichkeit. Wenn wir mit Fremden wandern und wir ein gemeinsames Ziel mit ihnen teilen, gehen wir besondere Bindungen ein. Ein Ziel, ein gemeinsam genutzter Pfad und eine unerwartete Affinität können fast magisch auf unsere Beziehungen wirken.

Der Anthropologe Victor Turner untersuchte dieses Phänomen. Er glaubte, dass Wallfahrten in verschiedene Phasen unterteilt werden können. Für ihn bestand eine Pilgerfahrt aus mehreren Phasen. Die erste Phase sei das Verlassen der Gesellschaft. Aber auch die Rückkehr des durch die Reise veränderten Pilgers in die Gesellschaft würde eine eigene Phase kennzeichnen. Turner glaubte, dass der wichtigste Teil einer Pilgerreise die Gemeinschaftlichkeit sei, die sie schaffe. Er nannte diese besondere Beziehung der Reisenden zueinander „Communitas“.

Passageriten

Passagenriten, zu der auch die Wahlfahrt zählt, bestehen aus drei verschiedenen Phasen, die miteinander verbunden sind. Diese Phasen sind:

  • Trennungsphase
  • Schwellenphase oder Liminalität
  • Wiedereingliederung

In der ersten Phase trennen sich die Menschen von ihrer bisherigen sozialen Gemeinschaft. Sie verlassen ihren Alltag. Dieser Akt hat vor allem eine symbolische Bedeutung und diese Phase besteht aus Packen, Verabschieden und Erkundigungen einziehen, was auf der bevorstehenden Reise zu erwarten ist.

Frau mit Koffer

Die zweite Phase, die der Liminalität, bezeichnet die eigentliche Reise, die diese Menschen unternehmen. In dieser Phase verändern sich die bislang gepflegten Vorstellungen von Raum und Zeit. Die Zeit vergeht anders und die Pilger hören damit auf, sie ständig zu überprüfen. Möglicherweise gehen sie langsamer, um die Landschaft und die Aussicht zu genießen. Der gegenwärtige Moment wird wichtiger als die Zukunft.

In dieser Phase teilen die Reisenden ein gemeinsames Ziel, sie teilen es mit allen anderen Wanderern, die dieselbe Wallfahrt unternehmen. Dieses Ziel könnte sein, ein Ziel zu erreichen oder zumindest die nächste Etappe zu bewältigen. Diese gemeinsamen Ziele führen zu einer gemeinsamen Identität.

Die letzte Phase ist die der Wiedereingliederung. Dies bedeutet, dass die Wallfahrt zu einem Ende kommt. Die Pilger kehren nach Hause, zu ihrer normalen Routine zurück. Ihre Reise ist beendet – und trotzdem ist nichts wie zuvor. Menschen, die eine Wallfahrt beenden, neigen dazu, entspannter nach Hause zurückzukehren. Sie genießen oft einen neuen sozialen Status. Sie sehen Routinearbeiten und langweilige Aktivitäten in einem neuen Licht. Die kleinen Details werden wichtiger und Beziehungen zu den Mitmenschen werden mehr geschätzt.

Was aber passiert auf einer Wallfahrt, das hierzu führt?

Communitas

Von den oben genannten Phasen ist die Phase der Liminalität die wichtigste. Sie ist die, die die Wallfahrt prägt. In dieser Phase passiert etwas, das uns und unsere Sichtweise auf die Welt verändert. Dieses Etwas ist die Erfahrung von Communitas.

In der Liminalität gibt es keine sozialen Vorbedingungen. Die täglichen Regeln und Einschränkungen, denen wir normalerweise unterliegen, sind nicht mehr relevant und wir genießen eine einzigartige Freiheit. Unser sozialer Status spielt keine Rolle, unser Job wird zur Nebensache. Was wir gelernt haben oder welchen Abschluss wir gemacht haben, ist nicht von Belang. Es ist auch nicht wichtig, ob wir religiös sind oder nicht. Alle Pilger sind gleich.

Reisepartner

Laut Turner sei die Communitas die Gemeinschaftlichkeit, das Gefühl der sozialen Gleichheit, der Solidarität und der Vereinigung. Diese Form der menschlichen Bindung beruhe auf irrational-egalitären Bindungen zu anderen Menschen. Es gebe zwar keinen Grund für die anderen Pilger, sich mit uns zu verbinden, aber genau das passiert auf der Reise. In anderen Situationen würden dieselben Menschen niemals unsere Freunde werden. Aber unter diesen Bedingungen werden Menschen mehr als nur Freunde. Es ist egal, was wir mit den anderen Pilgern im normalen Alltag gemeinsam haben und was uns voneinander trennt. Auf das Hier und Jetzt kommt es an. Es ist eine wertvolle Zeit, um Communitas zu erfahren.

Schöpfung und Zerstörung

Communitas ist eine sehr intensive Erfahrung. Sie erhöht unsere Sinne und aktiviert unsere Intuition. Wir sind sehr emotional und denken eher weniger rational und vernünftig, wenn wir sie erleben. Diese Erfahrung ist jedoch nur vorübergehend und wirkt nicht immer lange nach; es ist sinnvoll, sie wiederholt zu suchen.

Communitas kann auch die Ordnung zerstören. In diesem Zustand, in dem gewöhnliche soziale Regeln nicht gelten, können wir in chaotischen Zuständen enden, die von Zerstörung bestimmt sind. Auf der anderen Seite kann Communitas zur Schöpfung führen. Der Zustand der Liminalität kann dabei helfen, neue Regeln und Werte zu finden oder verlorene Werte wiederherzustellen.

Typen der Communitas

Turner unterschied zwischen verschiedenen Arten von Communitas: existenziell oder spontan, normativ und ideologisch.

  • Spontane Communitas entstehe während Kulturveranstaltungen, die nicht dem Mainstream entsprechen. Wenn wir an einer solchen Veranstaltung teilnehmen, deren Regeln gegen geltende kulturelle Normen verst0ßen, können wir Gemeinschaftlichkeit erleben.
  • Normative Communitas hingegen entstehe, wenn soziale Kontrolle erforderlich sei. Dieser Typ leite sich aus der spontanen Gemeinschaftlichkeit ab. In diese Kategorie gehören zum Beispiel Pilgerfahrten.
  • Schließlich finden wir in utopischen Gesellschaften ideologische Communitas. Hier teilen alle ein Ideal oder eine Utopie.
Mehrere Menschen wandern auf einem Feldweg.

Während eine spontane Communitas außerhalb sozialer Normen und sozialer Strukturen entsteht, gründen sich normative und ideologische Communitas innerhalb bewährter Strukturen. Deshalb ist spontane Gemeinschaftlichkeit freier und kann eher zu einer Veränderung führen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir uns oft freiwillig auf Pilgerfahrten begeben, auch wenn wir diese vielleicht nicht so nennen. Wir verlassen unser Zuhause, reisen in neue Länder und erleben neue Seinszustände, die uns Communitas erfahren lassen. Communitas überwindet die Spaltung zwischen Menschen und führt zu sozialer Vereinigung. Wenn wir diesen Zustand bereits erlebt haben, wissen wir, wie großartig das ist. Wenn nicht, worauf warten wir noch?