Chronische Traurigkeit und Dysthymie: Gibt es Heilung?

21. August 2018 en Emotionen 0 Geteilt
Silhouette einer fragmentierten Frau

Anhaltende depressive Störungen sprechen nicht immer auf einen medikamentösen Ansatz an. Chronische Apathie, Hoffnungslosigkeit und depressive Verstimmungen haben einen komplexeren Ursprung, als wir zuweilen annehmen. Und wenn wir die neuropsychologischen Erkenntnisse zur Dysthymie studieren, erkennen wir, dass sich dieser Zustand auf eine Reihe von Gehirnprozessen und sozialen Situationen bezieht, die wir berücksichtigen müssen.

Wenn wir die Epidemiologie der Dysthymie auf einer globalen Skala betrachten, finden wir etwas, das wir nicht ignorieren können: Entsprechende Studien zeigen, dass diese Erkrankung etwa 5 % der Bevölkerung, insbesondere Frauen, betrifft. Spezialisten wissen, dass es viele Menschen gibt, die ihr Leben in ständigem Leid leben, aber nicht den Schritt tun, um Hilfe zu bitten. Ihre Hilflosigkeit und Niedergeschlagenheit wird dann chronisch.

Andererseits wurde in der letzten Auflage des Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen  der Begriff „Dysthymie“ durch den der „anhaltenden depressiven Störung“ ersetzt und die Erforschung der Erkrankung wird von vielen Experten gefordert. Die medizinische und wissenschaftliche Gemeinschaft ist bestrebt, diesen Zustand besser definieren und verstehen zu können.

Die Dysthymie ist eine mildere Krankheit als die Depression. Angesichts der Schwierigkeiten bei der Behandlung dieser Erkrankung ist es jedoch üblich, dass viele Patienten irgendwann andere Erkrankungen und psychische Störungen entwickeln.

Die Dysthymie, in jüngerer Zeit „anhaltende depressive Störungen“ genannt, betrifft vor allem Frauen und ist durch Stimmungsschwankungen, Müdigkeit und wiederkehrende Traurigkeit gekennzeichnet. Diese Symptome können sich über Jahre hinziehen.

Depressiver Mann

Neuropsychologie der Dysthymie, der anhaltenden depressiven Störung

In den 60er Jahren definierte der Psychiater Robert Spitzer diesen klinischen Zustand. Er prägte den Terminus der Dysthymie und unterschied ihn von anderen, von denen er meinte, dass sie den Zustand nicht genau beschrieben. Bevor Spitzer diese Arbeiten durchführte, um die Klassifizierung von psychischen Erkrankungen zu verbessern, galt die Dysthymie als ein Persönlichkeitstyp, nicht als Krankheit. Die Menschen wurden als depressiv, neurotisch und schwachsinnig beschrieben, und man nahm an, dass das ihrem Naturell entspräche.

Von den 1960er Jahren bis heute präzisieren Experten ihre Erkenntnisse über anhaltende depressive Störungen, um das Problem an der Wurzel angehen zu können. Um die Diagnose Dysthymie stellen zu können, müssen heute folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Depressive Stimmung mit einer Mindestdauer von 2 Jahren

Plus mindestens zwei der folgenden Symptome:

  • Verlust oder Steigerung des Appetits
  • Schlaflosigkeit oder Hypersomnie
  • Energiemangel oder Müdigkeit
  • Konzentrationsdefizit oder Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung
  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Gefühle der Hoffnungslosigkeit
  • Not, andauerndes Leiden
  • Es gibt keine psychotischen oder manischen Vorfälle; keine anderen organischen Krankheiten und auch keinen Verdacht auf schwere Depressionen.

Darstellung eines entzündeten Gehirns

Was passiert im Gehirn, wenn eine anhaltende depressive Störung besteht?

Wenn Personen diese Diagnose erhalten, erfahren sie oft Erleichterung. Das ist überhaupt nicht überraschend. All die Jahre der Leere, die wie ein Schatten über ihrem Leben lagen. All die Jahre mit einer Traurigkeit, die ihr Wesen und alles, was sie taten, vereinnahmte.

Neuropsychologische Studien zur Dysthymie weisen darauf hin, dass Stress und erhöhte Spiegel an Katecholaminen und Hormonen wie Kortisol unsere Fähigkeit beeinflussen können, unsere Stimmung zu kontrollieren.

Die klinische Forschung und insbesondere die Weiterentwicklung von bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie haben uns die Möglichkeit gegeben, sehr aufschlussreiche Daten zu erhalten und die Dysthymie mit geringer Aktivität in den Bereichen des Gehirns, die im Zusammenhang mit Problemlösung, Schlafregulierung, Appetit und sogar Geselligkeit stehen, zu relationieren.

Die meisten dieser Prozesse konzentrieren sich in einem ganz speziellen Bereich, im vorderen cingulären Kortex (siehe Bild unten), der für die emotionale Kontrolle zuständig ist. Es gibt nur wenig Aktivität in diesem Bereich bei Patienten mit einer anhaltenden depressiven Störung.

Darstellung der linken Gehirnhälfte und des cingulären Kortex

Der cinguläre Kortex und die Von-Economo-Neuronen

Der vordere cinguläre Kortex ist Teil eines Netzwerks, das für mehrere Prozesse verantwortlich ist. Er hilft uns, Informationen zu verarbeiten, sowohl sensorisch als auch emotional. Zudem erlaubt er uns, unsere Aufmerksamkeit zu bewahren, während wir uns bewegen oder mit anderen interagieren. Schließlich ermöglicht er uns auch, das Interesse an unserer Umwelt aufrechtzuerhalten und fungiert als Brücke zwischen unseren Emotionen und unserer Aufmerksamkeit.

Auch die Von-Economo-Neuronen sind in diesem Gebiet zu finden. Viele von uns haben schon von Spiegelneuronen gehört, aber die Von-Economo-Neuronen sind aus einem anderen Grund besonders wichtig: Diese Nervenzellen verbinden sich mit anderen, um Informationen über Schmerzen und Hunger auszutauschen und zu verarbeiten. Sie stimulieren auch die Schaffung von „sozialen Emotionen“ wie Vertrauen, Liebe und Ressentiments.

Auch Affen, Delfine, Wale und Elefanten haben Von-Economo-Neuronen. Diese Tiere werden genau wie wir depressiv und zeigen Symptome des „sozialen Leidens“. Faktoren wie Einsamkeit, Ablehnung oder Verlust einer Position in ihrer Gruppe können ihnen Traurigkeit und emotionale Schmerzen bereiten.

Frau mit Dysthymie schaut aus dem Fenster

Fazit: Auf der Suche nach Antworten

Jetzt wissen wir, was die neuropsychologische Forschung zur Dysthymie sagt. Die Frage ist nun: Was lässt die mit dieser Erkrankung verbundenen Bereiche nicht mehr so funktionieren, wie sie sollten? Und, was noch wichtiger ist, wie können wir sie besser regulieren? Diesbezüglich müssen Experten mehr Forschung in diesem Bereich betreiben, denn es gilt, noch zahlreiche Lücken zu füllen.

Man weiß aber bereits, dass es einen erblichen Aspekt gibt. Ebenso kann ein Gefühl der Isolation oder des Verlustes oder die einfache Tatsache, sich in einem bestimmten Kontext nicht nützlich zu fühlen, diese chronischen Leidenszustände hervorrufen.

Die Erfahrung zeigt, dass es vielen Patienten besser geht, wenn sie neue Projekte in Angriff nehmen. Die einfache Tatsache, dass wir Veränderungen einleiten, kann einen echten Durchbruch bringen. Wenn wir uns mit etwas beschäftigt fühlen, oder mit jemandem, dann erzeugt das Positivität und Hoffnung.

Nicht aufgeben. Wenn Experten mehr und mehr über diese Krankheiten erfahren, werden sie in der Lage sein, präzisere Antworten zu geben. In der Zwischenzeit konzentrieren wir uns auf die Tatsache, dass Dysthymie behandelbar ist. Mit einer guten Therapie unter primär psychotherapeutischem Ansatz können wir sie überwinden.

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