Wir verwechseln Lebensweisen und psychische Störungen miteinander

· 16. Juli 2018

Die Psychologie war bisher nicht in der Lage, die Bevölkerung zu erreichen, zumindest nicht auf einer zugänglichen oder verständlichen Ebene. Der Großteil der Gesellschaft verwechselt weiterhin verschiedene Lebensweisen und psychische Störungen miteinander. Wir hören immer wieder Sätze wie „Der ist doch bipolar„, „Mein Partner ist besessen von Ordnung und Sauberkeit“  oder „Ich bin deprimiert“. Zudem ist die geistige Gesundheit nach wie vor noch der am meisten vernachlässigte Bereich im Gesundheitswesen. Es ist ein großes Tabu, das angesprochen und gelöst werden muss.

Die meisten von uns manifestieren von Zeit zu Zeit Lebensweisen, die sich mit psychischen Problemen in Verbindung bringen ließen. Aber von diesen Lebensweisen aus ist es ein langer Weg, um sie tatsächlich als psychische Störungen deklarieren zu können, und dieser Weg ist nur mit einem Psychologen zu bestreiten. Wie wir mit alltäglichen psychischen Problemen umgehen, kann tatsächlich zu Störungen führen, aber erst wenn Anzeichen und Symptome dauerhaft und häufig auftreten und die Lebensqualität des Menschen mindern, sollte von einer Erkrankung gesprochen werden.

„Der Zustand deines Lebens ist nur ein Spiegelbild deines Geistes.“

Wayne Dyer

Psychische Schmerzen sind weniger dramatisch als körperliche Schmerzen, aber sie sind häufiger und auch schwerer zu ertragen

Geisteskrankheiten sind kognitive oder Verhaltensstörungen, die die Autonomie Betroffener und deren Vermögen zur Bewältigung alltäglicher Herausforderungen ernsthaft beeinträchtigen. Der Verlust der Selbstständigkeit führt zu unsichtbaren und oft unerklärlichen Schmerzen, die psychische Erkrankungen schwer erträglich machen. Eine verletzte Seele kann schneller töten als alle Bakterien.

Frau mit Depressionen

Freude und Schmerz sind nicht wie Öl und Wasser, sondern koexistieren. Wenn der Schmerz geistig ist, erleiden wir ihn meist in der Einsamkeit, in uns  eingeschlossen und ohne dass jemand in der Lage wäre, unsere Gedanken nachzuvollziehen. Der wahre Schmerz ist der, der ohne Zeugen erlitten wird.

Eine in der Zeitschrift Psychological Science  veröffentlichte Studie kam zu dem Schluss, dass psychische Schmerzen stärker als körperliche Schmerzen empfunden werden. Negative emotionale Erfahrungen können mehr Schmerzen verursachen, als wir gemeinhin annehmen. Während die Erinnerung an körperliche Schmerzen im Laufe der Zeit verblasst, können geistige Schmerzen vom Gedächtnis problemlos wiederbelebt werden.

Schmerzen ohne Tränen können die Organe zum Weinen bringen.

Das Bewusstsein für psychische Störungen muss gestärkt werden

Im Gegensatz zu dem, was generell angenommen wird, treten psychische Störungen recht häufig auf. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wird sich jeder vierte Bürger im Laufe seines Lebens mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert sehen.

Dies eröffnet eine Debatte, in der es wichtig ist, deutlich zu machen, dass wir inmitten von Menschen leben, die derartige Probleme haben. Wir akzeptieren Erkrankungen, wenn sie körperlicher Natur sind, aber stigmatisieren sie und halten sie unter Verschluss, wenn sie unsere Psyche betreffen. Psychische Störungen werden ebenso wenig bewusst herbeigeführt wie physische, auch wenn bestimmte Lebensstile zu ihnen beitragen können.

Psychische Störungen werden häufiger bei Menschen diagnostiziert, deren Verwandte ebenfalls an ihnen leiden oder litten. Bestimmte Genvarianten können also das Risiko einer psychischen Erkrankung erhöhen, sodass eine zufällig entstandene Situation das Fass nur noch zum Überlaufen bringen muss. Insbesondere die Exposition gegenüber Umweltstressoren, Toxinen, Drogen oder Alkohol kann die Entstehung psychischer Erkrankungen begünstigen, wenn eine entsprechende Disposition vorliegt.

Würdest du aufhören, die Harry-Potter-Saga zu lesen, wenn wir dir verrieten, dass die Autorin eine tiefe Depression erlebt hat, oder würdest du dein Radio abschalten, wenn Elton John gespielt wird, weil er an Bulimie gelitten hat? Ließ sich Leonardo DiCaprio in seiner Schauspielerkarriere von seiner Zwangsstörung bremsen? Lass uns lernen, zusammenzuleben und uns mit unseren Unterschieden zu bereichern.

„Aus unseren Schwächen erwachsen unsere Stärken.“

Sigmund Freud

Berühmte Personen, die psychische Störungen hatten