Drogen schaden dann am meisten, wenn du keinen Ausweg siehst

· 6. Juli 2018

Unzählige Forscher haben sich daran versucht, die Einnahme und die Abhängigkeit von bestimmten Substanzen zu erklären. Sie könnten alle ein bisschen richtig liegen. Eine ihrer Hypothesen handelt von Umwelteinflüssen als Risikofaktoren für die Abhängigkeit von einer bestimmten Droge.

Der Versuch, die süchtig machenden Komponenten einer Droge zu definieren, ohne die Umstände und Eigenschaften der Person zu berücksichtigen, die sie einnimmt, ist ein Fehler. Um das Problem zu verstehen, müssen wir über das Offensichtliche hinausblicken. Das führt zu Fragen wie: Warum gibt es Menschen, die sehr oft und in großen Mengen Alkohol trinken, aber nicht alkoholabhängig werden?

Die Ratten, die nur Drogen kannten, und die Ratten, denen ein Fluchtweg offenstand

Wir können das Phänomen der Sucht analysieren, indem wir es im Labor betrachten. In einem solchen Experiment befand sich eine Ratte in einem Käfig mit zwei Flaschen Wasser. Eine Flasche war mit reinem Wasser gefüllt, die andere mit einer Lösung aus Heroin oder Kokain.

Jedes Mal, wenn die Forscher das Experiment wiederholten, wurde die Ratte süchtig nach dem mit Drogen angereicherten Wasser und kehrte immer öfter dorthin zurück, um noch mehr davon zu trinken, bis sie schließlich starb. Dies ist wegen der Wirkung von Medikamenten auf das Gehirn grundsätzlich einleuchtend. Aber in den 70er Jahren hatte Bruce Alexander, ein Psychologieprofessor aus Vancouver, Kanada, das Experiment überarbeitet und neugestaltet.

Dieser Psychologe schuf einen Park für die Ratten, einen Käfig voller Unterhaltung, in dem die Ratten bunte Bälle, Tunnel, soziale Kontakte und jede Menge Futter hatten. Im Grunde war alles da, was eine Ratte sich wünschen könnten. Alle Ratten im „Park“ probierten das Wasser aus beiden Flaschen, weil sie ja nicht wussten, was in ihnen war.

Zeichnung einer Ratte, einer Flasche mit Wasser und einer Flasche mit Drogen im Wasser

Hier wurden die Ratten aber nicht zu Gefangenen der Droge, weil sie ein angenehmes Leben führten. Sie vermieden es, das schädliche Wasser zu trinken. Sie tranken weniger als einen Viertel der Menge, die von den isolierten Ratten konsumiert wurde. Keine von ihnen starb.

Warum wurden nur die Ratten, die allein und unglücklich waren, süchtig und starben? Das erste Experiment berücksichtigte nicht, dass die Ratte nichts anderes tat, als ihren einfachsten Bedürfnissen zu folgen. Das mit Drogen angereicherte Wasser zu trinken war für sie – in ihrer reizarmen Umgebung – immerhin eine neue Erfahrung. Das hatte nichts mit der Anziehungskraft dieses Wassers auf die Ratte zu tun, sondern mehr mit der Isolation an sich.

Das zweite Experiment bot den Ratten eine Alternative. Die Alternative war sehr attraktiv, interessant und selbstverstärkend. Die Ratten, die solche Alternativen oder andere angenehme Routinen kannten, hatten kein hingegen Bedürfnis, das Wasser zu trinken, das Vergnügen simulierte.

Noch überraschender waren die Ergebnisse, als jemand eine dritte Variante des Experiments durchführte. In diesem Fall wurden Ratten eingesetzt, die 57 Tage in Käfigen verbracht hatten, in denen sie nur Wasser mit Drogen trinken konnten. Die Forscher beobachteten, dass es den Ratten sofort besser ging und sich der Drogenentzug leichter gestaltete, als sie in eine angenehme Umgebung versetzt wurden.

Ein gutes Leben – der beste Weg, um keine schlechten Gewohnheit anzunehmen

Wenn du glücklich bist, musst du keine Leeren füllen. Und wenn du unglücklich bist, könntest du versucht sein, das Fehlende mit einer Substanz auszugleichen. Der Nucleus accumbens ist das Empfangszentrum für dopaminerge Signale. Er ist zuständig für Gefühle der Freude, die mit einem entsprechenden Verhalten verbunden werden. Dieser Teil unseres Gehirns ist wie ein König, der gegenüber seiner Umwelt und seinen Untergebenen, den Neurotransmittern und Nährstoffen, Hof hält.

Es gibt treue Untertanen, die ihm ständig Waren und Dienstleistungen bringen: Wasser, Nahrung, Stärkung der sozialen Interaktion, ein bequemes Bett zum Schlafen. Wenn diese Freuden fehlen und dann in einem begrenzten Rahmen zur Verfügung gestellt werden, bedeutet sie mehr Vergnügen und werden umso verlockender.

Tausende von Soldaten wurden während des Vietnamkrieges zu Heroinabhängigen. Erst als sie zurück zu Hause waren und ihre Entzugserscheinungen überwunden hatten, nahmen sie ihr normales Leben wieder auf.

Männer im Krieg

Drogen können eine die Kontrolle über dein Verhalten übernehmen. Das geschieht, wenn es an Zuneigung, gesunden Routinen oder einer sinnvollen Beschäftigung mangelt. Wenn sie erst einmal den Fuß in der Tür haben, könnten sie eine Sucht auslösen. Mittels Wiederholung und Gewohnheit setzen sie sich in deinem Leben fest und beginnen, dieses zu zerstören.

Diese Erklärung ergibt Sinn und macht uns Hoffnung, weil sie auf moralische oder chemisch-reduktionistische Ideen verzichtet, die Süchtige als Menschen ohne Charakter darstellen. Sie hilft uns zu sehen, dass Süchtige genau wie die Ratten im ersten Käfig sein könnten: isoliert, allein, mit nur einer Option oder einer einzigen Form der Freude – der Droge. Auf der anderen Seite könnte jemand, der Drogen nimmt, aber in ein zufriedenstellendes Umfeld zurückkehrt und einen Entzug durchmacht, den Rückfall in die Sucht vermeiden. Das liegt daran, dass ihm hier viele andere Reize zur Verfügung stehen, um das Belohnungssystem im Gehirn zu aktivieren.

Der Schlüssel liegt darin, einen „Käfig“ zu gestalten, der stimuliert. Einen „Käfig“ voller Alternativen, zwischen denen wir wählen können, um Lustgefühle zu erzeugen. Auf diese Weise entsteht keine Abhängigkeit von einer einzelnen Substanz. Natürlich sind Drogen grundsätzlich etwas Schlechtes. Aber sie wirken noch verheerender, wenn sie in einem verzweifelten Szenario eingesetzt werden, in welchem der Betroffene keine Alternative sieht. Weil wir uns alle einfach gut fühlen wollen, auch wenn es nur für ein paar Momente ist.