Der schmale Grat zwischen Gewohnheit und Alkoholismus

29. April 2017 en Psychologie 341 Geteilt

Heute bist du aus dem Büro gegangen, wie jeden Freitagnachmittag. Du hast dich mit ein paar Freunden auf einen Drink verabredet. Es ist eure Tradition und beinah die einzige Möglichkeit, euch überhaupt noch zu sehen. Dieser Nachmittag ist allerdings anders. Einer deiner Freunde hat Neuigkeiten, die euch alle überraschen: Bei ihm wurde Alkoholismus diagnostiziert. Und diese freitagnachmittäglichen Treffen sind ein Teil des Problems.

Diese Bombe schockt deine Freunde und dich. Ihr alle denkt, dass das wohl ein Witz sei. Allerdings ist es das nicht. Es handelt sich um ein wirkliches Problem und leider ein sehr verbreitetes. Noch dazu ist es sehr schwer zu verstehen. Es ist schwer zu verstehen, weil du auch trinkst. Du gehst schließlich auch zu diesen Treffen mit deinen Freunden, pflegst die Gewohnheit, bestellst dir auch ein Bier. Trotzdem leidest du nicht unter Alkoholismus. Du bist kein Alkoholiker. Oder zumindest glaubst du das…

Gewohnheit oder Alkoholismus?

In diagnostischen Leitlinien wird Alkoholabhängigkeit definiert als „eine Reihe von behavioralen und körperlichen Symptomen, unter denen auch Toleranz und intensives Verlangen, zu trinken, sowie Entzugserscheinungen sind“.

In den Leitlinien wird ein besonderer Fokus auf den wiederkehrenden, häufigen Konsum von Alkohol gelegt, der essenzieller Teil der Diagnose ist. Aber kann dieser wiederkehrende Konsum nicht einfach als Gewohnheit betrachtet werden? Lasst uns mal die Definition des Wortes „Gewohnheit“ anschauen: „eine Situation der Abhängigkeit in Bezug auf bestimmte Substanzen“.

Ist es also die Gwohnheit selbst, die zu einer Abhängigkeit führt? Die Antwort ist nein. Eine Abhängigkeit, in diesem Fall vom Alkohol, ist eine Krankheit, die sich aufgrund verschiedenster Faktoren entwickelt. Diese Faktoren schließen psychologische, soziale und biologische Aspekte mit ein. Sie beginnt mit einer einfachen Gewohnheit und wird schließlich zu einem Missbrauch. Dieser Missbrauch wiederum modifiziert Hirnstrukturen und das Verhalten der betroffenen Person.

Das heißt, es handelt sich um ein multifaktorielles Geschehen, das eine Gewohnheit zu mehr macht. Es macht das Trinken mit deinen Freunden zu einer Sucht. Und das ist der gefährlichste Teil: Es gibt einige Faktoren, die du kontrollieren kannst und andere, die sich deiner Kontrolle entziehen. Das führt dazu, dass es schwer vorherzusagen ist, wer eine Sucht entwickeln wird und wer nicht.

Warum entwickeln manche Menschen Alkoholismus und andere nicht?

Warum ist es also so, dass einer der Freunde aus der Gruppe, über die wir vorhin gesprochen haben, zum Alkoholiker wurde und die anderen nicht? Die Faktoren, die die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit beeinflussen, können wie folgt zusammengefasst werden:

Biologische Faktoren

Die biologischen Faktoren, die bei der Entwicklung von Alkoholismus eine Rolle spielen, reichen von genetischer Veranlagung bis hin zum Ungleichgewicht zwischen Neurotransmittern und der Umgestaltung von Hirnstrukturen durch die Gewohnheit, zu trinken. Bei Personen, die entsprechend prädisponiert sind, treten diese organischen Veränderungen sehr schnell ein.

Alkoholabhängigkeit tritt familiär gehäuft auf. Dieser Umstand kann zumindest teilweise durch genetische Einflüssen erklärt werden. Zum Beispiel ist das Risiko für Kinder von Alkoholikern drei bis vier Mal höher, auch vom Alkohol abhängig zu werden. Allerdings sind soziale Faktoren hier auch nicht zu vernachlässigen.

In Bezug auf Hirnfunktionen und Neurotransmitter wurde gezeigt, dass Dopamin eine Rolle bei der Entstehung einer Sucht spielt. Das liegt daran, dass Dopamin mit Genuss und dem sogenannten Belohnungssystem in Verbindung steht, das in der Area tegmentalis ventralis sitzt.

Psychologische Faktoren

Die Einstellung, die die Person zum Alkoholkonsum hat, kann sehr wichtig sein. Wenn sich diese Person innerhalb des Freundeskreises damit rühmt, diejenige zu sein, die am meisten trinken kann, dann trinkt sie vermutlich regelmäßig viel mehr getrunken als die anderen. Wahrscheinlich glaubt sie, dass würde ihr Anerkennung verschaffen. Ihr Gefühl der Kontrolle und das Bedürfnis nach sozialer Bestätigung sind diesbezüglich sehr wichtig.

Zusätzlich dazu, dass sie mit ihrer schädlichen Gewohnheit ihre eigene Gesundheit gefährdet, verliert sie aber zuweilen die Kontrolle und entwickelt eine Sucht. Ihr soziales Umfeld während der Jugend, in der solche Verhaltensweisen am häufigsten auftreten, sind für eine solche Entwicklung stark ausschlaggebend. In der Jugend neigen wir nämlich dazu, für soziale Bestätigung unsere Wertvorstellungen über Bord zu werfen.

Soziale Faktoren

Die Wahrnehmung vom Trinken und die Verfügbarkeit von Alkohol in der Gesellschaft sind weitere wichtige Faktoren. Es wurde gezeigt, dass es höhere Level von Alkoholabhängigkeit in den Gesellschaften gibt, in denen freizügiger mit Alkohol umgegangen wird.

Anhand all dieser Dinge wird deutlich, dass der Grat zwischen der Gewohnheit und Alkoholismus sehr schmal ist. Auf diesem Grat gibt es Faktoren, die du kontrollieren kannst und andere, bei denen du das nicht tun kannst. Du musst also sehr vorsichtig sein und solltest Alkohol immer nur in moderaten Mengen konsumieren. Für deine Gesundheit ist es auch keine schlechte Idee, gar keinen Alkohol zu trinken.

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