Die Krankheit, ständig beschäftigt zu sein

· 3. Januar 2017

Wir befinden uns in einer Phase der menschlichen Entwicklung, in der wir denken, dass man „um das Leben zu leben“ immer aktiv, ständig beschäftigt sein muss. Es ist zur Norm geworden, anzunehmen, dass wir mehr wert sind, wenn wir mehr tun. Diese Vorstellung hat ihren Ursprung in der materialistischen Gesellschaft, in der die Idee „je mehr du hast, desto mehr bist du“ vorherrscht.

Sehr wenige von uns sind sich ihrer selbst bewusst, des Einzigen, was uns wirklich zeigt, wer wir sind und warum wir hier sind. Stehen wir also einer sozialen Krankheit gegenüber? Die Antwort lautet ja, wie verschiedene Studien gezeigt haben.

Sammle deine Rosenblüten, solange du kannst.
Die alte Zeit fliegt noch immer davon.
Und die gleiche Blume, die heute lacht,
wird morgen sterben…

Robert Herrick

Auch Kinder leiden unter dieser Krankheit

Du fragst Menschen nach ihrem emotionalen Befinden und sie antworten dir: „Ich bin sehr müde, tue tausende von Dingen… Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken.“  Das Komplizierte ist nicht, das zu realisieren, sondern zu vermeiden, dass diese Entwicklung bereits bei unseren Kinder und Jugendlichen einsetzt. Das zerstört deren Lebensqualität und macht es ihnen manchmal schier unmöglich, Zeit in ihr persönliches Wachstum zu investieren.

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Wir leben zwischen Normen und Deadlines, die uns dazu zwingen, organisatorische und mentale Perfektion zu erreichen. Die Herausforderung, die ich euch präsentiere, basiert darauf, folgende Fragen zu stellen: Wie ist es dazu gekommen, dass wir so leben? Wann haben wir vergessen, dass wir menschliche Wesen und keine Roboter sind?

Die Krankheit, ständig beschäftigt zu sein, ist sehr zerstörerisch für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Sie schwächt unsere Fähigkeit, uns voll auf das, was wir am meisten lieben, zu konzentrieren. Sie trennt uns von der Gemeinschaft, wenngleich nicht von der Gesellschaft. In einem Zustand konstanter Aktivität zu sein hält uns davon ab, unser Potenzial voll auszuschöpfen.

Technologie als Verbündeter der ständigen Beschäftigung

Schon im letzten Jahrhundert überschwemmten derartige technische Innovationen den Markt: Produkte, die versprachen, unser tägliches Leben einfacher zu machen. Trotzdem haben wir heute nicht mehr Zeit zur Verfügung, um zu leben, als in den vergangenen Jahrzehnten. Für manche von uns verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und persönlichem Leben sogar ganz: Sie haben immer ein Smartphone oder Tablet dabei, sind niemals wirklich offline.

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Im Arabischen sagt man: „Kaifa haluka?“, um jemanden zu fragen, wie es ihm geht oder wie die Dinge laufen. Haluka ist dabei ein Wort, das nach dem spirituellen Zustand, in welchem sich jemandes Herz befindet, fragt. Übersetzt man das in unsere Sprache, wäre das in etwa: „Wie geht es deinem Herzen in diesem Moment?“  Ist diese Frage nicht dem einfachen „Wie geht es dir?“  überlegen?

Wenn wir nach dem Herzen des Gegenübers fragen, dann sind wir nicht daran interessiert, zu erfahren, wie viele Mails er noch beantworten musst oder wie lange er noch braucht, um eine bestimmte Aufgabe auf der Arbeit zu erledigen. Wir fragen ganz ernst, wie es seiner Seele geht, ob sie sich gut und gesund fühlt.

Wir laden dich dazu ein, deine Hand auf die Schulter eines Menschen, den du liebst, zu legen, ihm in die Augen zu schauen und dich für ein paar Sekunden mit ihm zu verbinden. Das ist eine kleine Medizin für die Krankheit, ständig beschäftigt zu sein. Sage ihm, wonach sich dein Herz sehnt und verbinde dich mit seinem. Irgendwann müssen wir uns alle daran erinnern, dass wir Menschen sind, die die Essenz von anderen brauchen, um sich lebendig und erfüllt zu fühlen.

Manche sind bereit, alles zu tun, außer im Hier und Jetzt zu leben.

John Lennon