Belohnungs- oder Bestrafungssensitivität: Was ist bei dir stärker ausgeprägt?

Belohnungssensibilität und Bestrafungssensibilität beeinflussen, wie wir uns fühlen, wie wir Chancen wahrnehmen und welche Entscheidungen wir treffen. Finde heraus, wie diese Prozesse dich beeinflussen!
Belohnungs- oder Bestrafungssensitivität: Was ist bei dir stärker ausgeprägt?

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 31. Juli 2022

Es gibt Menschen, die offen und risikofreudig sind, immer Chancen sehen und das Neue lieben. Aber es gibt auch vermeidende, vorsichtige Menschen, die Risiken scheuen und ihre Komfortzone lieber nicht verlassen. Diese Tendenzen prägen unseren Alltag, unsere Entscheidungen und unser gesamtes Leben. In diesem Zusammenhang betrachten wir heute die Belohnungs- und Bestrafungssensitivität, grundlegende Persönlichkeitskonstrukte, die unsere Motivation, Impulsivität oder Vorsicht und Zurückhaltung leiten.

Welche Tendenz kannst du bei dir selbst beobachten? Lies weiter, um mehr über dieses spannende Thema zu erfahren.

Frau denkt über Belohnungs- oder Bestrafungssensitivität nach
Menschen mit einer hohen Bestrafungssensitivität neigen dazu, vorsichtig und zurückhaltend zu sein.

Belohnungs- oder Bestrafungssensitivität?

Jeffrey Alan Gray fasste diese beiden Begriffe in seiner 1970 entwickelten Reinforcement Sensitivity Theorie (RST) zusammen, die eine Modifikation des Temperamentmodells des deutschstämmigen Psychologen Hans Jürgen Eysenck darstellt. Es handelt sich um ein neuropsychologisches Modell der Emotionen, der Motivation und des Lernenst.

Diese Theorie umfasst folgende drei Dimensionen:

Behavioral Approach/Activation System (BAS)

Das Behavioral Approach System (BAS) ist ein System mit positiver Rückkopplung. Es ermöglicht die Vorhersage der Belohnungssensitivität eines Menschen, der auf positive Reize, appetitanregende Reize und Gelegenheiten, die sich uns bieten, reagiert. Dieses Konstrukt führt zur Aktivierung und Belohnungsorientierung; daher steht es in Zusammenhang mit Optimismus, Impulsivität und Risikobereitschaft.

Personen mit einem hoch entwickelten Behavioral Approach System erkennen Chancen schneller und genauer. Sie erreichen deshalb ihre Ziele einfacher und erleben häufiger positive Auswirkungen wie Freude oder Hoffnung.

Fight/Flight System (FFS)

Dieses Konstrukt reagiert auf aversive (unangenehme oder potenziell negative) Reize, indem er Vermeidungs– oder Fluchtreaktionen hervorruft. Es ist mit negativen Affekten wie Schmerz, Angst und Sorge verbunden und hält macht auf mögliche Umweltrisiken aufmerksam.

Es handelt sich um einen nützlichen und notwendigen Überlebensmechanismus, der jedoch auch ein Risiko birgt: Dieses System wird manchmal aktiv, auch wenn es keine reale Gefahr gibt, und führt deshalb zu nicht angemessenen Verhaltensweisen. Außerdem kann die Angst dich davor abhalten, eine Chance zu ergreifen.

Behavioral Inhibition System (BIS)

Diese Dimension ist die Schnittstelle der beiden anderen Konstrukte: Sie vermittelt die Lösung des Konflikts zwischen der Annäherungstendenz (BAS) und der Vermeidungstendenz (FFS). Die Reaktion hängt von der Belohnungs- oder Bestrafungssensitivität ab. Bei großer Bestrafungssensitivität aktiviert sich das BIS bereits bei einem niedrigen Schwellenwert, da die Situation als bedrohlich wahrgenommen wird, auch wenn dies nicht unbedingt der Realität entspricht.

Um die Bestrafung sowie unangenehme Erfahrungen und Gefühle zu vermeiden, entscheidet sich die Person zur Flucht- oder Vermeidungshaltung. Sie versucht, in Sicherheit zu bleiben oder in den Hintergrund zu treten.

Wenn jedoch die Bestrafungssensitivität gering ist, nimmt die Person die Signale nicht als bedrohlich wahr. Es ist deshalb wahrscheinlicher, dass sie das Annäherungssystem aktiviert und Risiken eingeht.

Mann denkt beim Spazieren über Belohnungs- oder Bestrafungssensitivität nach
Menschen mit hoher Belohnungssensitivität sind sehr offen für neue Erfahrungen.

Belohnungs- oder Bestrafungssensitivität: Was ist bei dir stärker ausgeprägt?

Nach diesem kurzen Einblick in die beiden Tendenzen, interessiert es dich vielleicht, welches Persönlichkeitskonstrukt bei dir stärker ausgeprägt ist. Achte auf folgende Anzeichen, um die Antwort herauszufinden:

Anzeichen für eine hohe Belohnungssensitivität:

  • Du nimmst Chancen leichter wahr.
  • Außerdem bist du risikofreudiger.
  • Du bist offen für Begegnungen mit neuen Menschen und Orten.
  • Optimismus, Enthusiasmus und die Begeisterung für Herausforderungen zeichnen dich aus.
  • Du bist in der Regel gut gelaunt und hast wenig Sorgen.
  • Ferner stehst du gerne im Mittelpunkt, um Anerkennung und Bewunderung zu ernten.
  • Du konzentrierst dich auf das Vergnügen und denkst, dass du mit Schwierigkeiten zurechtkommst, wenn sie auftreten.

Anzeichen für eine hohe Bestrafungssensitivität:

  • Du erkennst Risiken, mögliche Rückschläge oder potenzielle Verluste schnell wahr.
  • Wenn du vor einer Herausforderung stehst, bist du weitsichtig und vorsichtig. Du gehst nur dann ein Risiko ein, wenn du weißt, dass du damit umgehen kannst.
  • Du bist oft unentschlossen und machst dir Sorgen. Wichtige Entscheidungen überdenkst du lange und gründlich, oft zweifelst du an deinen Fähigkeiten und traust dir keinen Erfolg zu.
  • Außerdem bevorzugst du Menschen, Orte und Dynamiken, die dir bereits bekannt und vertraut sind. Du hast gerne das Gefühl, die Kontrolle zu bewahren und vorauszusehen, was passieren wird.
  • Im Allgemeinen ziehst du es vor, unbemerkt zu bleiben oder dich im Hintergrund zu halten, anstatt das Urteil anderer zu riskieren.
  • Du fühlst dich oft unruhig, besorgt und ängstlich.
  • Wenn du dir nicht sicher bist, dass etwas gut ausgehen wird, entscheidest du dich, nicht zu handeln.

Die meisten Menschen befinden sich zwischen diesen beiden Extremen, trotzdem kannst du eine gewisse Tendenz feststellen. Dies hilft dir, dich besser kennenzulernen und zu verstehen, warum du auf eine bestimmte Art und Weise fühlst und handelst. Diese Erkenntnisse machen auch Veränderungen einfacher.

Das könnte dich ebenfalls interessieren...
Der Zusammenhang zwischen Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma
Gedankenwelt
Lies auch diesen Artikel bei Gedankenwelt
Der Zusammenhang zwischen Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma

Heute gehen wir der Frage nach, welchen Zusammenhang es zwischen Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma gibt.



  • Gray, J. A. (1970). The psychophysiological basis of introversion-extraversion. Behaviour research and therapy8(3), 249-266.
  • Gray, J. A. (1982). The neuropsychology of anxiety: An enquiry into the functions of the septo-hippocampal system. Behavioral and brain sciences5(3), 469-484.
  • Pascual Nicolás, D., Pascual Nicolás, T., Redondo Delgado, M., & Pérez Nieto, M. Á. (2014). Sensibilidad a la recompensa y al castigo, personalidad, impulsividad y aprendizaje: un estudio en un contexto de violencia de pareja. Clínica y Salud25(3), 167-174.