Asymmetrische Gegenseitigkeit – ein Hindernis in unseren Beziehungen

· 23. Dezember 2018

Ein stabiles Gleichgewicht ist die Grundlage der meisten unserer Beziehungen. Auf der anderen Seite wissen wir alle, dass ein vollständiges Gleichgewicht unmöglich zu erreichen ist – zu vielfältig sind die Faktoren, die auf uns wirken. Es ist daher niemals möglich, eine perfekte Balance zwischen dem, was Menschen geben und empfangen, zu erreichen. Wenn es darum geht, uns zu entscheiden, ist in der Regel die Person, die von uns am meisten erhält, diejenige, die es am meisten verdient oder braucht. Wenn es jedoch eine klare asymmetrische Gegenseitigkeit in einer Beziehung gibt, führt dies in der Regel zu einer Verschlechterung dieser Beziehung.

Wir alle kennen einen oder mehrere Menschen, die alles an andere weitergeben, die alles teilen, was sie haben. Es kann manchmal schwierig sein, diesem Geben zu entsprechen. Darüber hinaus gilt, wie wir bereits angedeutet haben, dass es nicht möglich ist, ein vollständiges Gleichgewicht zwischen dem, was jede Person in die Beziehung einbringt, herzustellen. Eine Gesamtsaldo ist nicht einmal wünschenswert. Dies würde die Beziehung mehr auf Berechnungen als auf Spontaneität basieren lassen.

Andererseits ist der Begriff „Geben“ sehr weit gefasst. Geben bedeutet, der anderen Person eine materielle oder spirituelle Sache zu geben. Dazu können gehören: Zeit, Zuneigung, ein offenes Ohr, usw. Wenn es sich um eine asymmetrische Gegenseitigkeit in einer Beziehung oder Freundschaft handelt, passiert es normalerweise, dass sich eine Partei wohl dabei fühlt, zu nehmen, und sich nicht bemüht, etwas zurückzugeben. Diese Haltung kann einer Beziehung jedoch auf Dauer schaden.

„Ungerechtigkeit zuzulassen bedeutet, den Weg für alle zu öffnen, die auf diesem Pfad folgen.“

Willy Brandt

Mit Fäden verbundene Nägel

Die Ursachen der asymmetrischen Gegenseitigkeit

Es lohnt sich, uns zu fragen, warum wir in Beziehungen manchmal eine asymmetrische Gegenseitigkeit zulassen. Die häufigste Ursache für dieses Phänomen ist die irrige Vorstellung, dass eine Person in der Beziehung eine größere Kapazität als oder eine größere Verpflichtung gegenüber der anderen Person hat als umgekehrt.

Eine solche Situation tritt ein, wenn eine Person eine besondere Stärke hat. Vielleicht hat sie eine ausgeprägtere Fähigkeit zur Problemlösung oder sie ist besser informiert als die andere Person. Oder vielleicht ist sie einfach emotional stärker als ihr Gegenüber. Das führt dann seitens des Gegenübers zum Wunsch, dass erstere Person Probleme löst oder ihm durch Krisen hilft, ohne irgendeine Kompensation für ihren Beitrag zu erhalten.

Die zweite Situation, in der eine asymmetrische Reziprozität auftritt, steht im Gegensatz zur vorherigen. Sie stellt sich ein, wenn eine der Parteien ihrer Würde beraubt wird, wenn sie der Idee unterliegt, dass sie alles, was sie hat, im Austausch für sehr wenig geben müsste, weil ihre Bedürfnisse auf die eine oder andere Weise weniger wichtig wären als die Bedürfnisse des anderen.

Das ist es, was im Laufe der Geschichte mit vielen versklavten Menschen passiert ist. Ihnen wurde lebenslang vermittelt, dass sie wegen ihrer Hautfarbe oder weil sie zu einer bestimmten Kultur gehörten, keine Rechte hätten. In diesen Fällen musste der Verfolgte alles geben, was er konnte, ohne etwas dafür erwarten zu dürfen.

Aber auch in der Gegenwart besteht das Problem fort – in vielen Beziehungen, insbesondere in familiären oder Paarbeziehungen. Da wird die Vorstellung untermauert, dass die anfälligste oder verwundbarste Partei mehr Verpflichtungen hätte als die anderen. Zum Beispiel soll die Person, die keinen Beruf erlernt hat, den Menschen dienen, die das getan haben, oder die unsicherste Person muss sich anderen unterwerfen, um ihre Zustimmung zu erhalten.

Wütende Frau im Café

Die Auswirkungen der asymmetrischen Gegenseitigkeit

Obwohl es immer eine asymmetrische Gegenseitigkeit in menschlichen Beziehungen gibt, hat ein exzessives Ungleichgewicht sehr negative Folgen für alle Beteiligten. Am Ende schafft das ungerechte und ungesunde Bedingungen. Es ist ungerecht, weil eine Person letztendlich das Instrument der anderen wird. Und es ist ungesund, denn dieser Mangel an Gegenseitigkeit ist eine Form der Gewalt, die neue Gewalt hervorbringt.

In allen Fällen wird die Person, die gezwungen ist, zu geben, ohne zu empfangen, ausgebeutet. Die Beziehung kann für einige Zeit relativ stabil sein, aber eher früher als später wird wachsende Unzufriedenheit sich ihren Weg bahnen. Dies führt oft dazu, dass das bislang prekäre Gleichgewicht vollkommen aus den Fugen gerät.

Illustration eines Kopfes und Puppenspieler

Für diejenigen, die dominieren, bringt die asymmetrische Gegenseitigkeit allerdings auch wenig Gutes. Sie haben die Macht und können sich auf den anderen Menschen verlassen, aber das beeinträchtigt auch ihre Arbeit und kann sie sich manchmal nutzlos fühlen lassen. Es versetzt sie schließlich in einen Zustand der Not. Es macht sie abhängig von der anderen Person. Was geschähe dem Herrn ohne seinen Sklaven? Was bleibt von der dominanten Partei, wenn sie ihren schwächeren Partner nicht mehr hat?