Angstzustände und die Fragen, die sie aufwerfen

1. Mai 2017 en Psychologie 190 Geteilt

Angstzustände erwachsen aus dem Glauben, dass in unserer unmittelbaren Umgebung eine Bedrohung oder Gefahr lauert. Wir glauben auch, dass wir davor weglaufen oder uns ihr stellen sollten, wenn wir mit dem Leben davonkommen möchten. Aktuell wird ein Angstzustand oft als negativer Zustand beschrieben, den wir wegen der unangenehmen physiologischen Symptome, die er verursacht, besser nicht fühlen sollten. Außerdem schränkt er wohl unsere Freiheit ein. Die Wahrheit über einen Angstzustand ist jedoch, dass er eine gesunde und adaptive Emotion ist, wenn man mit ihm umgehen kann. Ohne diese Emotion hätten wir tatsächlich nicht überlebt!

Heutzutage leiden viele Leute rund um den Erdball unter Angstzuständen. Diese zeigen sich ganz unterschiedlich, aber eine Tatsache ist doch allen gemein: Das Individuum, das den Angstzustand am eigenen Leibe erfährt, legt die Wirklichkeit so aus, als ob etwas Schreckliches, Bedrohliches, eine Katastrophe kurz bevorstehen würde. Jemand, der einen Angstzustand erlebt, glaubt ohne Zweifel, dass bald etwas sehr Schlechtes geschehen würde. Er meint, sich darauf vorbereiten zu müssen, sei es, indem er wegläuft und sich in Sicherheit bringt oder kämpft und sich verteidigt.

Normalerweise nehmen die negativen Gedanken, die von einem Angstzustand erzeugt werden, die Form von Fragen an. Diese Fragen zielen auf die Bestätigung unserer eigenen Glaubenssätze ab und auf die Befriedigung eines Bedürfnisses nach Zustimmung, Perfektion, Sicherheit, etc. Die Emotionen haben also die Funktion, uns bei der Erreichung unserer Ziele zu unterstützen. Unser jeweiliges Verhalten – im Falle der Angst wäre das Flucht oder Angriff – sollte darauf hinwirken.

Aber wenn wir ein ungesundes Maß an Angst erreicht haben, entdecken wir, dass diese Emotion nicht mehr hilfreich ist. Stattdessen behindert sie uns auf dem Weg zum Ziel und sorgt für Rückschläge. Der Schlüssel, dies zu vermeiden, liegt darin, unsere Interpretation der Realität anzupassen, während wir gleichzeitig auch unser Verhalten verändern. Um dazu in der Lage zu sein, müssen wir unsere eigenen Glaubenssätze hinterfragen. Wir müssen sie infrage stellen, erörtern und durch solche ersetzen, die eher auf der Wahrheit und Realität beruhen.

Die Fragen, die uns die Angst stellt

Wir haben oben erwähnt, dass die Angst oft mit uns kommuniziert, indem sie uns Fragen stellt. Tendenziell sind das negative Fragen, die darauf abzielen, vor die Realität einen Filter zu schieben. Damit wir ausschließlich über die geringe Wahrscheinlichkeit einer Gefahr nachdenken können, die natürlich als ein akutes Risiko wahrgenommen wird. Sie alarmieren und aktivieren uns daher auf physiologischer Ebene.

Generalisierte Angst: „Was wäre, wenn…?“

Die Angst scheint immer nach dieser geringen Wahrscheinlichkeit zu fragen. Aber im Fall der generalisierten Angst erstreckt sich die Wahrnehmung einer Gefahr auf eine Vielzahl von Alltagssituationen. Das stellt ein enormes Hindernis für die Alltagsbewältigung dar.

Die Frage „Was wäre, wenn…?“  wird allgegenwärtig – es geht um die Kinder, den Partner, das soziale Umfeld, die Arbeit… Sie zwingt zu einer übermäßig langen Phase der Wachsamkeit bei zu vielen Gelegenheiten. Und das ohne jede Erholungspause, weder in körperlicher noch in mentaler Hinsicht.

Betroffene glauben, sie müssten sich ständig Sorgen machen, dass diese möglichen – wenn auch unwahrscheinlichen – Katastrophen, die ihnen vorschweben. Und bei der Aufarbeitung der generalisierten Angst entdecken sie schließlich, dass sie sich eigentlich eher über die Sorgen Gedanken machen müssen, die sie derartig heftig überfallen.

Panikstörung: „Was ist, wenn ich einen Herzinfarkt erleide?“ – „Was geschieht, wenn ich verrückt werde?“ – „Was passiert, wenn ich mich zum Narren mache?“

Hier erleben die Betroffenen einen Angstzustand aufgrund der Symptome ihrer eigenen Angst. Wie das Kind, das sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet. Je schneller es läuft, desto schneller verfolgt es der Schatten.

Die Fragen drehen sich um die katastrophalen Folgen des klinischen Erscheinungsbildes der Angst. Das kann sogar bestimmten Krankheiten ähneln. Oder die Betroffenen können glauben, dass sie durchdrehen oder sterben werden. Es gibt jene, die Angst davor haben, ohnmächtig zu werden, sich zum Narren zu machen oder jemanden in der Öffentlichkeit „zur Rede zu stellen“. Deshalb vermeiden sie das Ausgehen immer häufiger und festigen so ihre Agoraphobie.

Hypochondrie: „Was ist, wenn bei mir eine tödliche Krankheit festgestellt wird?“

Erwartungsgemäß erschreckt uns bei Hypochondrie die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir erkranken. Als besondere Zutat kommt dann noch die Todesfolge hinzu. Um diese Angst zu beschwichtigen, lassen wir uns immer wieder untersuchen oder vermeiden es umgekehrt gänzlich, einen Arzt aufzusuchen. So werden wir auch im Falle, dass wir tatsächlich krank sind, nichts davon erfahren und uns das damit verbundene unangenehme Gefühl ersparen.

Soziale Angst: „Was ist, wenn ich mich zum Gespött der Leute mache?“ – „Was ist, wenn jemand bemerkt, dass ich schüchtern bin?“

Bei der sozialen Angst fragt uns das Teufelchen auf unserer Schulter unablässig, was denn passieren würde, wenn wir uns zum Narren machen? Wenn es uns die Sprache verschlägt und wenn wir Dinge vermasseln? Oder was die anderen von uns denken könnten?

Auf diese Bombardierung durch Fragen reagieren wir mit Angst. Wir erröten aus Scham, schwitzen, stottern und fürchten auch, dass diese Symptome für andere klar ersichtlich sind. Weil wir uns dann noch schwächer fühlen, werden die Symptome immer stärker. Zu guter Letzt laufen wir dann vor den „gefährlichen Situationen“ davon. Und bestätigen uns selbst, dass das unsere einzige Wahl sei.

Angst ist ein Teufelchen auf unserer Schulter

Wie wir gerade gelesen haben, ist Angst dieser kleine Teufel, der uns liebend gern in Dauer-Alarmbereitschaft versetzt und in Angstschweiß gebadet sieht. Er liebt es, wenn wir zittern, rot anlaufen oder hyperventilieren. Das Teufelchen genießt es richtig, uns negative Fragen zu stellen. Es sagt uns auch gern, dass alles hochgefährlich ist und dass wir besser weglaufen sollten.

Je weniger wir ihn beachten, desto mehr wird er ermüden. Nach und nach lässt er uns dann in Frieden. Der entscheidende Punkt ist, ihm direkt in die Augen zu schauen, ihn anzunehmen und ihm zu sagen, dass wir alle seine Tricks bereits kennen. Aber dass wir diesmal auf der Gewinnerseite sitzen. Wir werden uns nicht mehr so leicht von ihm ins Bockshorn jagen lassen.

Fordere diesen Teufel heraus. Nimm ihn ins Kreuzverhör und glaube ihm nicht. Denn er ist nur ein fetter Lügner. Denke immer daran: Obwohl er Schuld ist, dass du dich schlecht, unwohl oder verängstigt fühlst – er ist nur eine unwirkliche Interpretation der Realität. Erinnere dich daran, dass die Symptome das Ergebnis einer Emotion sind, die dir tief in deinem Innersten eigentlich nur helfen will.
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