Das emotionale Erbe unserer Vorfahren

25. April 2017 en Kuriositäten 1034 Geteilt

Unser emotionales Erbe ist genauso beschränkend wie kompromisslos und imposant. Manchmal begehen wir den Fehler, zu denken, dass unsere Geschichte damit anfing, dass wir zum ersten Mal geweint haben. Aber das ist falsch, denn weil wir das Produkt der Vereinigung einer Eizelle und eines Spermiums sind, sind wir auch das Produkt einer Neukombination, einer Mischung. Einer Mischung aus Sehnsüchten, Fantasien und Ängsten, einer ganzen Konstellation von Emotionen und Wahrnehmungen. Diese wurden neu kombiniert, um ein neues Leben zu schaffen.

Seit Kurzem wird vermehrt das Konzept einer „Familiengeschichte“ diskutiert. Von dem Moment an, in dem ein Mensch geboren wird, beginnt er damit, mit seinen Handlungen eine Geschichte zu schreiben. Wenn man sich die Geschichten aller Familienmitglieder ansieht, dann findet man zahlreiche Übereinstimmungen und gemeinsame Linien. Es scheint so, als wäre jedes Mitglied ein Kapitel einer größeren Geschichte, die über mehrere Generationen hinweg geschrieben wird.

Wahrheit ohne Liebe tut weh. Wahrheit mit Liebe heilt.

Anonym

Diese Situation wurde wunderschön in dem Buch Hundert Jahre Einsamkeit  von Gabriel García Márquez dargestellt. Die Protagonisten dieser Geschichte zeigten eindrucksvoll, wie die gleichen Fehler über mehrere Generationen hinweg immer wieder gemacht wurden. Das geschah so lange, bis der Fehler zu einer Wirklichkeit wurde und die Familie aufhörte, zu existieren.

Was im Besonderen von den vorherigen Generationen vererbt wird, sind Albträume, Ängste und unverarbeitete Erfahrungen.

Ein Erbe, das über Generationen reicht

Der Prozess der transgenerationalen Transmission ist uns nicht bewusst. Die Nachkommen einer Person, die ein negatives Ereignis nicht verarbeitet hat, tragen das Gewicht dieser fehlenden Resolution. Häufig kommen sie deshalb in verwirrende Situationen, die zu Scham und Angst führen. Sie spüren, dass etwas seltsam ist, dass sie eine Last tragen, die sie aber nicht genauer definieren können.

Eine sexuell missbrauchte Großmutter zum Beispiel kann die Folgen dieses Traumas weitergeben, aber nicht seine Inhalte. Vielleicht spüren sogar ihre Kinder, Enkel oder Urenkel das Echo einer gewissen Intoleranz Sexualität gegenüber. Oder ein instinktives Misstrauen gegenüber Mitgliedern des anderen Geschlechts oder ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit, das nicht wirklich Form annimmt.

Dieses emotionale Erbe kann sich auch als Krankheit zeigen. Der französische Psychoanalytiker Francoise Dolto bestätigt: „Die erste Generation zeigt keine Symptome. Die zweite zeigt sie körperlich.“

Genauso wie ein „kollektives Unbewusstes“ existiert, gibt es auch ein „Familien-Unbewusstes“. In diesem Unbewussten wohnen all die stillen Erfahrungen, die ein Tabu darstell(t)en. Das mag Selbstmorde, Abtreibungen, psychische Krankheiten, Verbrechen und Missbrauch einschließen. Das Trauma scheint dazu bestimmt, sich in der nächsten Generation zu wiederholen, solange, bis es einen Weg findet, das Bewusstsein der Betroffenen zu erreichen, damit es verarbeitet werden kann.

Körperliches und emotionales Unwohlsein, die keine Erklärung zu haben scheinen, können ein Alarmsignal in Bezug auf diese Geheimnisse oder stillen Wahrheiten sein. Und diese könnten nicht in deinem Leben, sondern in dem einer deiner Vorfahren geschehen sein.

Der Weg, dein emotionales Erbe zu verstehen

Es ist ganz natürlich, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen dazu neigen, sie zu vergessen. Vielleicht ist die Erinnerung zu schmerzhaft. Vielleicht denken sie, dass das Leid nicht ertragen könnten. Oder aber die Situation kratzt an der eigenen Würde, wie zum Beispiel im Fall von sexuellem Missbrauch. Und deshalb empfinden Betroffene Scham, auch wenn sie das Opfer eines Verbrechens geworden sind. Oder sie wollen einfach nur den Urteilen anderer aus dem Weg gehen.

Und deshalb wird das Ereignis vergraben und es wird als gute Entscheidung angesehen, es nie wieder ans Tageslicht zu holen. Diese Art von Vergessen ist künstlich. In Wirklichkeit ist nichts vergessen. Die Erinnerung wurde schlichtweg unterdrückt. Jedoch kehrt alles irgendwann zurück, auf die eine oder die andere Art und Weise.

Am wahrscheinlichsten ist es, dass es auf dem Weg der Wiederholung zurückkehrt.  Das heißt, dass eine Familie, in der ein Selbstmord geschehen ist, wahrscheinlich in einer Folgegeneration wieder einen Selbstmord erfahren wird. Man hatte sich nicht mit der Situation beschäftigt oder sie gar akzeptiert, und sie schwebt weiterhin wie ein Geist im Raum. Aber früher oder später wird fällt jemand der Last zum Opfer. Das passiert auch bei anderen Traumata.

Vom Verstehen zur Akzeptanz

Jeder von uns muss eine Menge über seine Vorfahren lernen. Das Erbe, das sie uns mit auf den Weg gegeben haben, ist weitaus größer, als wir annehmen. Manchmal schädigen uns unsere Vorfahren und wir wissen nicht einmal, warum.

Es mag klar sein, dass wir aus einer Familie stammen, die viele Schwierigkeiten durchgestanden hat. Aber wir wissen nicht, was unsere Rolle in dieser Geschichte ist, von der wir ein Kapitel schreiben. Es ist wahrscheinlich, dass uns diese Rolle zugeteilt wurde, ohne dass wir es überhaupt bemerkt haben. Wir müssen sie annehmen und erkennen auf unserer Haut nicht selten Spuren dieser Ereignisse, die zu Geheimnissen geworden sind.

All die Informationen, die wir über unsere Vorfahren sammeln können, geben uns wertvolle Hinweise zu unserem emotionalen Erbe. Zu wissen, wo wir herkommen, wer diese Menschen waren, die wir nie kennengelernt haben, die aber einen Einfluss auf unsere Entwicklung haben. Es ist eine faszinierende Reise und du kannst dich nicht verlaufen. Wenn du sie beginnst, dann tust du einen wichtigen Schritt in Richtung tiefen Verständnisses. Du wirst dann sehr viel näher daran sein, deine wahre Rolle in der Welt zu verstehen.

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