American Beauty – Der Schein kann trügen

28. August 2018 en Filme 0 Geteilt
Filmplakat von American Beauty, das einen Bauchnabel zeigt und eine Rose.

American Beauty,  1999 von Sam Mendes inszeniert, ist ein Film, der die US-amerikanische Gesellschaft der 1990er mit dem Mittel der Satire kritisiert. Und trotz aller Kritik, die der Film übte, ist er zu einem Klassiker avanciert. Wahrscheinlich auch deswegen, weil das soziale Porträt, das dieser Film entwirft, ohne Probleme auch auf die heutige westliche Gesellschaft angewendet werden kann.

Schon die Wahl des Filmtitels verrät uns einiges über seinen Inhalt. Es geht nämlich unter anderem um das nordamerikanische Ideal der Familie. American Beauty  illustriert das vermeintliche Musterbeispiel der „perfekten Familie“ bis ins kleinste Detail . Von Anfang an macht der Film deutlich, dass sich die menschliche Existenz nur um den Schein statt um das Sein dreht. Tatsächlich wird Schönheit als vergänglich und oberflächlich kritisiert. Mitunter kann sie sogar gefährliche Konsequenzen haben. Der Film zeigt uns eine groteske Gesellschaft, in der jedem Charakter eine bestimmte Rolle zugewiesen wird. Sich aus dieser Rolle zu befreien, wird dem Charakter dabei unmöglich gemacht.

Das Modell der idealen Familie

Der Film erzählt die Geschichte der Familie Burnham, deren Haus in einer ruhigen Nachbarschaft umgeben von Einfamilienhäusern steht. Die einzelnen Familienmitglieder sind:

  • Carolyn, die spießige Mutter, die größten Wert auf den äußerlichen Schein legt. Sie strebt nach beruflichem Erfolg.
  • Lester, der Vater und die Hauptfigur des Films. Er ist apathisch und hat sich für ein Leben entschieden, das er nicht mag. Seine einzigen Glücksmomente erlebt er morgens unter der Dusche, wenn er masturbiert.
  • Jane, die jugendliche Tochter. Sie hat viele Komplexe und muss sich mit ihren Teenagerproblemen auseinandersetzen, in einer Familie, die kein Mitgefühl zeigt.

Diese Charaktere finden ihre Freiheit durch Sex. Der spiegelt die natürliche Seite des Menschen wider, seine ungezähmte Seite, die die Gesellschaft versucht, zu unterdrücken.

Dann zieht plötzlich eine neue Familie in die Nachbarschaft der Burnhams. Colonel Fitts, das Oberhaupt dieser neuen Familie, ist ein Mann, der Karriere beim Militär gemacht hat. Sein Leben folgt einem strikten Ideal, das sogar zur Selbstverleugnung führt. Kein Wunder also, dass Fitts als Abwehrmechanismus vieles verleugnen muss.

Auf der anderen Seite steht Colonel Fitts Ehefrau, die völlig unterwürfig ist. Sie spricht kaum und ist besessen von Sauberkeit. Die Fitts haben einen jugendlichen Sohn, Ricky, der das genaue Gegenteil seines Vaters ist. Er schert sich nicht um die Standards der Gesellschaft und sieht Schönheit dort, wo nur wenige Menschen sie sehen können.

Filmszene aus American Beauty, in der die Familie am Dinnertisch sitzt.

Gesellschaft – ein großes Theater

American Beauty  zeigt uns die Konsequenzen einer völlig entmenschlichten und materialistischen Gesellschaft, die im Gegensatz zu unseren eigentlichen Sorgen steht. Der Film kritisiert eine Gesellschaft, in der wir Rollen spielen und ständig Masken tragen, nur um den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen.

Wie schon Eugenio Trías, ein spanischer Philosoph, schrieb, ist unsere Gesellschaft ein großer Maskenball. Denn wir besitzen nicht nur eine Identität, sondern viele. Die Masken bzw. Rollen, die wir im Laufe unseres Lebens spielen, verändern sich: vom Sohn, zum Vater, zum Großvater … Und das alles, um einem Lebensstil und einer Ästhetik zu folgen, die auf Schein basiert und deswegen künstlich ist. Diese Maskerade begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Menschen anfingen, den „American Way of Live“ zu idealisieren.

Es ist interessant, zu sehen, wie diese Masken fallen, wenn die Filmcharaktere von ihren Leidenschaften mitgerissen werden. Die sexuelle Spannung, die im Film dargestellt wird, scheint diese Linie zwischen Ideal und Begierde zu verwischen. Wenn Lester, Colonel Fitts, die Teenager Jane und Angela (Janes Freundin) ihrem Verlangen erliegen, offenbaren sie sowohl ihre wahren Wünsche als auch ihre Unsicherheiten.

„…um erfolgreich zu sein, muss man zu jeder Zeit ein Image des Erfolgs projizieren!“

Buddy Kane (American Beauty)

Rosen als Metapher in American Beauty

Schönheit ist der Schlüssel, um die Botschaft des Films zu entziffern. Und Rosen sind seit jeher eine Metapher für Schönheit. Seit der Antike sind sie ein Symbol für Perfektion. Aber die Rose steht auch für Tücke. Die Blume ist zwar zart in ihrer Erscheinung und hat zerbrechliche Blütenblätter, aber die Härte des Blumenstiels und ihre Dornen stehen im starken Kontrast dazu. Mit dem Ideal der „perfekten amerikanischen Familien“ verhält es sich ganz ähnlich.

Zu Beginn des Films sehen wir, wie Carolyn Rosen in ihrem Garten schneidet und wie die Nachbarn loben, wie schön Carolyns Rosen sind. Doch indem wir Rosen schneiden und sie dann in einer Vase zur Schau stellen, machen wir sie zu etwas Künstlichem. Der einzige Zweck der Rosen ist dann der der Dekoration, was uns vielleicht noch zum Sinnieren anregt. Recht schnell verkümmern die Rosen in der Vase; sie verlieren ihre Blütenblätter und damit ihre Schönheit. Im vielen Filmsequenzen können wir Rosen sehen. Sie symbolisieren die Unbeständigkeit des Lebens und weisen auf das hin, was im Leben der Filmcharaktere passieren wird.

„Es gibt nichts Schlimmeres als gewöhnlich zu sein …“

Angela Hayes (American Beauty)

Angela, Janes Freundin und ein weiterer zentraler Charakter im Film, kann eng mit der Rosenmetapher in Verbindung gebracht werden. Sie ist der Prototyp einer amerikanischen Schönheit: blond, dünn, die Beste in ihrer Cheerleadergruppe. Angela hat außerdem einen starken Einfluss auf Jane. Sie liebt es, wenn Männer hinter ihr her sind bzw. sie bewundern. Angela würde alles für ihren Traum tun, Model zu werden. Sie leidet jedoch an vielen Komplexen, denn ihr Leben basiert auf Schein und das Bild, das sie von sich selbst zeichnet, hat wenig Bezug zu ihrem wahren Ich.

Rosenblätter haben im Film auch sexuelle Konnotationen. Daher ist es nicht überraschend, dass sie im Zusammenhang mit Angela auftreten. Im Film fallen die Blütenblätter langsam auf eine nackte Angela.  Obwohl diese Filmszene sehr ästhetisch und schön ist, lässt sie uns auch erahnen, wie vergänglich Schönheit ist.

Filmszene aus American Beauty, auf der sich ein nacktes Mädchen auf Rosenblättern rekelt.

Der Preis der Perfektion

American Beauty  ist ein Film, der die Zuschauer zu einer Reaktion provozieren will. Der Film stellt Fragen, die unbehaglich sind, aber sicher zum Nachdenken anregen. Er möchte, dass wir, die Zuschauer, unser tägliches Leben kritisch betrachten. Er lässt uns an den Gedanken der Charaktere teilhaben, zeigt uns ihre tiefsten Wünsche und die Beziehungen, die sie zueinander haben. Das kanonische Schönheitsideal steht konträr zu Rickys eigenem Schönheitsideal, das weit von der gesellschaftlich anerkannten Definition entfernt ist.

Es ist ebenso interessant, auf die Filmmusik zu achten. Die Musik hilft uns Zuschauern, die Atmosphäre der jeweiligen Situation besser zu verstehen. Zum Beispiel können wir darauf achten, welche Musik die Charaktere situationsbedingt auswählen. Besonders in den Autoszenen. Im Auto tragen die Charakteren keine Masken, stattdessen können die Filmfiguren sie selbst sein. Die Einsamkeit befreit sie und die damit verbunden Kraft, die die Charaktere fühlen, wird von der Musik unterstrichen, die sie gewählt haben. Es ist der Moment, in dem Masken fallen.

American Beauty  zeigt uns die Folgen, die unser Leben in der heutigen Gesellschaft haben kann. Der Film zeigt, wie Angst uns dazu bringt, den Schein zu wahren und uns selbst zu verleugnen. Wir verstecken uns hinter Masken, um angepasst zu erscheinen und auf diesem vorgefertigten Lebensweg zu überleben. Ohne Frage kann dieser Schein jeden von uns trügen.

„Unterschätze niemals die Macht der Verdrängung.“

Ricky Fitts (American Beauty)

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