Die Perfektion in der Imperfektion

· 10. Juli 2017

Interessanterweise stammt eines der beeindruckendsten Zitate zum Thema Perfektion nicht von einem Philosophen oder einem bekannten Psychologen, sondern von einem italienischen Schauspieler. Vittorio Gassman sagte: „Unsere Imperfektionen verhelfen uns zu Angst. Der Versuch, sie zu lösen, verhilft uns zu Mut.“

Es macht Sinn, anzunehmen, dass jeder in seinem Leben Fehler macht.  Die Menschheit ist eben nicht perfekt. Heißt das, dass man niemals glücklich werden kann? Sollten wir uns für jeden Misserfolg schelten? Die Antwort lautet nein, denn in unseren Imperfektionen liegt die Perfektion. Es kann jeder, egal, wie unbedeutend er sich fühlt, große Dinge vollbringen. Wir können alle perfekt unperfekt sein.

„Man liebt jemanden nicht, weil er perfekt ist. Man liebt jemanden trotz dessen, was er nicht ist.“

Jodi Picoult

Die Therapie der Imperfektion

Adam Smith hat einmal gesagt: „Wenn man jede Situation so anginge, als ginge es um Leben und Tod, würde man viele Male sterben.“  Diese weise Schlussfolgerung ist die perfekte Einleitung für eine Theorie der Psychologie, auf der eine klinische Methodik aufbaut: Die Therapie der Imperfektion.

Entwickelt wurde sie von Dr. Ricardo Peter, Professor, Forscher und Psychotherapeut an der Universidad de las Américas Puebla (Mexiko), aber verteidigt wird sie auch von vielen anderen Experten. Diese Therapie ist eine effektive Behandlungsmethode für den heute weitverbreiteten Perfektionismus.

Die Therapie der Imperfektion basiert auf „Treffen“ statt auf klassischen Therapiesitzungen. Durch sogenannte „Begegnungen“ sollen der Therapeut und die Person, welche sich in Behandlung gibt, auf die gleiche Ebene gestellt werden, sodass keiner der beiden bevorzugt oder benachteiligt wird. Der Auftrag des Therapeuten liegt darin, das Selbstverständnis der Person zu erforschen.

Menschliche Imperfektion

Der Widerspruch liegt darin: Obwohl wir wissen, dass wir nicht perfekt sind, hält uns das häufig nicht davon ab, uns mit unserem Wesen zu beschäftigen. Tatsächlich ist das Unbehagen bei manchen Menschen so groß, dass sie von ihren Fehlern geradezu besessen werden. Aber bis an die Grenzen der Perfektion zu streben kann unsere Psyche nur nachteilig beeinflussen, denn wir können nicht einmal genau definieren, was Perfektion im Hiblick auf unser Handeln überhaupt bedeutet. Ein Kreis, eine Kugel, eine gelungene Arbeit..?

Momentan hält die Diskussion um den Perfektionismus an, weil es noch keine einheitliche Meinung dazu gibt, wo dieser beginnt. Trotz bestehender Unstimmigkeiten hat die Idee, dass es Perfektion überhaupt nicht gäbe, doch Bestand, aufgrund der folgenden Argumente:

  • Platon versuchte sein ganzes Leben lang, das definitive Gesetz zu erkennen, das die Welt erklärt und das nur durch Perfektion identifiziert werden kann. Glaubst du, er hat es geschafft?
  • Andere progressive Philosophen sagen, dass es nach der Perfektion nichts mehr gäbe. Da sich die Welt stetig verändert, weiterentwickelt und wir Teil dieser Welt sind, kann es Perfektion nicht geben.
  • In einer anderen Strömung heißt es zudem, dass es zwar keine Perfektion, wohl aber Perfektionismus gäbe. Der Wunsch danach, etwas immer besser zu tun, bedeute nicht, dass das eigene Handeln eines Tages perfekt sein würde, aber er ließe Raum für Verbesserung.

     

Die Perfektion der Imperfektion

Können wir diesbezüglich logisch schlussfolgern? Ganz bestimmt. Aber es gibt nicht nur eine richtige Antwort, sondern so viele Definitionen von Perfektion wie Menschen auf dieser Welt. Was dem einen perfekt erscheint, mag für den anderen völlig verkehrt sein. Perfektion scheint eine Idee, ein Bild, eine Utopie zu sein, die als Motor dienen kann, damit Menschen an sich arbeiten, kein Ozean, in dem wir langsam, aber sicher untergehen, um schließlich von unserer Sehnsucht ertränkt zu werden.

„Aber vielleicht sind viele Gärten so schön, weil sie nicht perfekt sind?“

Libba Bray

Jeder Mensch kann perfekt unperfekt sein. Wir alle haben den Wunsch, uns zu verbessern; das Bedürfnis, glücklicher zu sein; eine utopische Vorstellung von einer perfekten Welt.

Es hängt von uns allein ab, keine perfekte, sondern eine bessere Zukunft aufzubauen.

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