Alle zufriedenstellen zu wollen, kann zu unserem eigenen Scheitern führen

18. November 2016 en Psychologie 1 Geteilt

Schließe die Augen und stell dir vor, du bist im Niemandsland. Wendy heißt das Mädchen, das auf die Charaktere der Geschichte in dieser Fantasiewelt aufpasst, die das macht, was Peter Pan sich nicht zu tun traut, die Risiken und Verantwortung auf sich nimmt, die immer alle zufriedenstellen will, die aber immer im Hintergrund bleibt. Öffne erneut deine Augen: Erinnert dich das ein bisschen an die Wirklichkeit?

Es ist eine Metapher dafür, dass wir oft andere zufriedenstellen wollen, aber dabei uns selbst und das, was wir wollen, vergessen. Es scheint ganz gewöhnlich, ungewollt Ja zu Vorschlägen zu sagen, wie etwa mit jemandem einen Kaffee zu trinken, wenn wir eigentlich gar keine Lust dazu haben. Das passiert auch bei viel wichtigeren Vorschlägen, wie etwa ein bestimmtes Fach zu studieren, zu heiraten oder Kinder zu haben.

Wir wählen den Weg, der uns auf kürzere Sicht einfacher erscheint, durch den wir Konflikte vermeiden, obwohl wir dabei ignorieren, was wir wirklich wollen. Wir zahlen lieber diesen Preis, bevor wir unserem Alltag noch einen Streit oder eine Sorge hinzufügen müssen, da das Leben schon so sehr vom Stress regiert wird. Was wir jedoch wirklich machen, ist, den Preis zu unterschätzen, den wir auf lange Sicht für diese Entscheidung bezahlen müssen.

„Eine einfache Berührung hat ausgereicht, mein Weinen in einen Seufzer und meine Wut in Verlangen zu verwandeln. Wie gefällig ist die Liebe, dass sie alles verzeiht!“
Isabel Allende

Wir haben Angst, Nein zu sagen und entscheiden uns stattdessen, alle zufriedenstellen zu wollen, um uns nicht ausgeschlossen zu fühlen oder um eine andere Person nicht zu enttäuschen, aber was geschieht dann mit uns? Wer sind wir? Das Wichtige ist dabei der Ursprung dieses gefälligen Verhaltens. Wie kommt es, dass wir dieses passive Verhalten annehmen?

Ein irrationaler Glauben: Ich brauche Liebe und Bestätigung

Der Psychologe Albert Ellis, Schöpfer der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie, spricht über 11 gängige, irrationale Glaubenssätze, die einen verheerenden Einfluss auf unsere Gedanken und Emotionen haben, die den Horizont zu einem dunklen Ort werden lassen und die Tür öffnen für ein Gefühl schwerelosen Unwohlseins.

Eine dieser Glaubensvorstellungen ist die Folgende: „Ich brauche Liebe und Bestätigung seitens aller meiner Mitmenschen“,  oder „Ich muss von (beinahe) jeder Person in meiner Umgebung geliebt werden und Bestätigung bekommen.“  Diese Annahme befindet sich in unterschiedlicher Festigkeit in fast all unseren Köpfen und bringt uns dazu, es allen Personen recht machen zu wollen.

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Es handelt sich aber um eine irrationale Vorstellung, denn es ist unmöglich, von allen angenommen zu werden. Wenn wir es nötig hätten, dass man uns ständig bestätigt, dann wären wir stets darum besorgt, ob man uns akzeptiert oder nicht, und bis zu welchem Grad wir anderen gefallen.

Es ist nicht realistisch, zu denken, dass wir der ganzen Welt sympathisch erscheinen können. Auf der anderen Seite würde der Versuch, von allen Bestätigung zu bekommen, einen solchen Aufwand von uns abverlangen, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse aufgeben müssten.

„Hoffentlich können wir den Mut haben, allein zu sein, und das Risiko wagen, zusammen zu sein.“
Eduardo Galeano

Eine rationale Form, dieser Glaubensvorstellung zu begegnen, besteht darin, sich klarzumachen, dass wir das exzessive Bedürfnis nach Bestätigung und Liebe auslöschen müssen. In diesem Sinne ist es angebrachter, dass du nach einer Bestätigung deiner Handlungen und deines Verhaltens suchst, und nicht nach der Bestätigung deiner selbst.

Wie ist eine Person, die alle zufriedenstellen will?

Eine stets gefällige Person ist eine solche, die andere immer zufriedenstellen oder ihnen immer gefallen will. Das heißt, sie ist jemand, der sich mehr oder weniger regelmäßig bückt, um die Wünsche der anderen zu erfüllen, auch wenn er selbst dafür zahlen muss.

Der Ausdruck gefällig hat in der Regel eine negative Konnotation, da jemand, der immer auf die Forderungen anderer eingeht, seiner eigenen Position keinen Wert beimisst und auch nicht seine Interessen vertritt, sondern einfach nur denen der anderen folgt. Folgende Charakterzüge zeichnen gefällige Personen aus:

  • Perfektionismus. Immer alles perfekt machen zu wollen führt dazu, dass sofort Schuldgefühle auftauchen, wenn mal nicht alles so läuft, wie erwartet, insbesondere wenn es darum geht, andere zufriedenstellen zu wollen. Eine gefällige Person ist in der Regel perfektionistisch und merkt nicht, dass es dieser Perfektionismus ist, der sie sich frustriert fühlen lässt.
  • Sie fühlt sich unverzichtbar. Eine Person, die allen gefallen will, will sich unverzichtbar fühlen, will, dass die Menschen in ihrer Umgebung von ihr abhängen, weil es das ist, was in ihr das Gefühl weckt, dass sie akzeptiert, respektiert und geliebt wird.
  • Die Liebe ist ein Opfer. Sie denkt, dass zu lieben sich zu opfern bedeutet und sie gibt sich familiären und partnerschaftlichen Beziehungen hin, in denen sie sich nicht wohlfühlt, und sie akzeptiert dies als eine normale Folge einer Liebesbeziehung zu einer anderen Person.

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  • Sie vermeidet Konflikte. Stets alle zufriedenstellen zu wollen bedeutet auch, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Deshalb vermeidet eine gefällige Person jegliche Diskussion, gibt den anderen Recht und entschuldigt sich für alles Mögliche, einfach nur, um akzeptiert zu werden.
  • Sie opfert ihr Glück für das anderer Menschen. Sie kommt zu einem Punkt der Aufopferung, an dem sie bereits nicht mehr weiß, was sie selbst wirklich glücklich macht, weil sie immer nur daran denkt, wie sie andere glücklich machen kann. Sie drückt ihre Gefühle nicht aus, sie schließt sich in sich selbst ein und sie hört auf, eigene Ideen zu haben und sie auszudrücken.
„Es ist egal, wie sehr sie dich lieben, es zählt nur, wie sie es tun.“
Walter Riso
Albert Ellis und irrationale Gedanken
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