You - Du wirst mich lieben: Seinen Stalker lieben

23 Juli, 2020
"You - Du wirst mich lieben" erzählt die Geschichte einer jungen Frau und ihres Stalkers. Können die Inhalte, die wir in den sozialen Medien teilen, gegen uns verwendet werden? Was ist der schmale Grat zwischen einem neugierigen Beobachter und einem Psychopathen?

Auf Netflix ist eine Serie abrufbar, über die viel geredet wurde: You – Du wirst mich lieben. Die Serie wurde zuerst auf dem amerikanischen Kanal Lifetime ausgestrahlt. Netflix erwarb aber die internationalen Rechte für die Serie, die bis dato von mehr als 40 Millionen Zuschauern gesehen wurde. Derzeit gibt es zwei Staffeln dieser Serie.

You ist wie eines dieser Laster, die wir gerne verleugnen, aber heimlich doch genießen. Wir wissen, dass das, was wir sehen, nicht die beste Serie der Welt ist, aber trotzdem können wir damit nicht aufhören, denn sie zieht uns immer tiefer in ihre Welt hinein. Tatsächlich beschäftigt sich You mit einem ernsten Thema, das bereits umfassend erforscht wurde.

Die Protagonisten Joe und Beck aus You - Du wirst mich lieben begegnen sich in einer Buchhandlung.

You: Eine süchtig machende Online-Serie

Warum bietet You so viel Gesprächsstoff? Unbeabsichtigt ist diese Serie fast gruseliger als alle Horrorfilme oder jede andere Serie. Der Protagonist der Serie, Joe, ist ein charmanter Mann, ein Ritter in glänzender Rüstung, der seinen eigenen Buchladen hat. Aber hinter Joes Fassade liegt ein Abgrund. Daher zeigt uns diese Serie vor allem, wie leichtgläubig und manipulierbar wir wirklich sind, und welche Probleme sich aufgrund einer übermäßigen Nutzung der sozialen Medien ergeben können.

You – Du wirst mich lieben kopiert das Format einer romantischen Komödie, um im weiteren Verlauf der Serie dieses Format zu persiflieren. You beginnt mit der typischen Szene, in der ein Junge ein Mädchen an einem ungewöhnlichen Ort trifft.

Aber in You ist diese zwanglose Begegnung alles andere als harmlos. Sobald Beck, eine junge Kundin, Joes Buchladen mit einem Lächeln verlässt, beginnt der Buchhändler, online Informationen über sie zu sammeln, um besser einschätzen zu können, wie er Beck für sich gewinnen kann.

WARNUNG: Dieser Artikel enthält Spoiler.

You: Eine Liebesgeschichte

You – Du wirst mich lieben zeigt uns sehr unterschiedliche Charaktere, die auf die eine oder andere Weise nach Liebe suchen. Doch jede Figur in You hat eine andere Idee von Liebe und die Art und Weise, wie sie sich manifestieren soll. Wir sehen Charaktere, die nach einem Weg suchen, sich selbst zu lieben, sowie Figuren, die sich verlieben und ihr Leben mit einem Partner teilen möchten, und sogar einige, die ihre Homosexualität nicht akzeptieren können.

Kurz gesagt, scheint sich in der Serie alles um die Idee der Liebe zu drehen. Eine Idee, die auf jeden Fall abstrakt, komplex und sehr subjektiv ist. Zum Beispiel glaubt Joe an Liebe auf den ersten Blick und dass Liebe wie die großen Liebesgeschichten sein sollte. Er lernt Beck in seiner Buchhandlung kennen und von diesem Moment an sehen wir, wie Joe Beck ins Visier nimmt. Er beginnt sie heimlich zu beobachten, wie ein Raubtier, das seine Beute verfolgt.

Joe hat keine Social-Media-Konten, aber trotzdem kontrolliert er Becks Profile in den sozialen Medien. Der Buchhändler stellt sich als geheimnisvoller junger Mann dar, der anders und etwas einsam ist. Er erscheint Beck als jemand, der komplex und doch faszinierend ist. Joe verhält sich wie das Abziehbild eines Disneyprinzen, der versucht, seine Liebste für sich zu gewinnen.

Doch Ritter in glänzender Rüstung gibt es nur in Filmen. Denn hinter seiner Galanterie versteckt Joe, dass er ein Stalker ist. Einige Zuschauer haben vielleicht vor der Serie geglaubt, dass Joes Verhalten wahrer Liebe entspricht. Das ist jedoch ein Irrtum. Penn Badgley, der Schauspieler, der Joe porträtiert, hat diese Idee entmystifiziert, indem er uns daran erinnert, dass Joe nichts weiter als ein Stalker ist.

Joe aus der Netflix-Serie You - Du wirst mich lieben.

Mit Joe mitfühlen

Joe spioniert Beck aus und entdeckt, dass sie eine toxische Beziehung zu einem jungen Mann, Benji, pflegt, der die junge Frau zu benutzen scheint. Außerdem entdeckt Joe, dass Becks Freundeskreis auch toxisch ist und dass sich die Frau ständig darum bemüht, sich anzupassen. Joe widmet sich der Beseitigung aller Menschen, die in irgendeiner Weise Becks Leben und Joes Plänen, der Mann in ihrem Leben zu werden, im Wege stehen.

Tatsächlich sind Joes erste Opfer, Benji und Peach, ziemlich unerträglich. Becks Leben verbessert sich erheblich, als Benji nicht mehr dazugehört. Joe rechtfertigt Joe seine grausamen Liebestaten damit, nur das Beste für Beck zu tun. Er ermordet Charaktere, die moralisch fragwürdig handeln, und deshalb sagt sich Joe, dass seine Taten nicht so schlimm sind.

Irgendwie schafft es Joe, uns glauben zu lassen, dass er legitime Gründe hat, zu töten, und dass Liebe alles rechtfertigen kann. Gleichzeitig sehen wir durch seine Beziehung zu Paco auch seine menschliche Seite. Paco ist der Sohn Joes Nachbarin. Der Nachbarsohn stammt aus einer zerrütteten Familie, denn seine Mutter ist drogensüchtig und sein Stiefvater missbraucht ihn. Joe hilft Paco viel, gibt ihm Bücher und macht sein Leben ein wenig schöner.

Diese menschliche Seite Joes steht im Gegensatz zu seiner bösen Seite. Es wundert uns, wie jemand, der so nett scheint und Emotionen zeigt, in Wahrheit ein Stalker und Mörder sein kann.

Joe macht sich zu viele Sorgen um alles. Er ist so besessen von seinen Gedanken, dass er meint, es sei seine Pflicht einzugreifen und alles zu tun, um die Menschen, die ihm wichtig sind, glücklich zu machen. Dieses Glück ist jedoch auch subjektiv, da nur Joes Standpunkt zählt, was andere glücklich zu machen hat.

You – Du wirst mich lieben und die Gefahren des Informationszeitalters

You zeigt uns eine schreckliche Realität. Jeder kann Opfer von Belästigung werden und gleichzeitig kann jeder auch zum Stalker werden. In einer Welt, in der wir unser Leben in den sozialen Medien veröffentlichen, ist es nicht schwer, sich ein Bild von den Orten zu machen, an denen wir uns aufhalten, unseren Geschmack näher kennenzulernen, unsere Freunde auszuspionieren usw. Daher kann jeder ein Opfer eines Verbrechers werden.

Da Beck eine recht unsichere junge Frau ist, die die Zustimmung anderer sucht und finanzielle und familiäre Probleme hat, ist sie das perfekte Ziel.

Heutzutage besteht keine Privatsphäre mehr. Zwar stimmt, dass das von uns auf Social Media projizierte Bild von der Realität abweicht (wir werden kein Bild hochladen, auf dem wir hässlich, traurig oder gelangweilt aussehen). Aber es stimmt auch, dass wir zu viele Informationen teilen, die von anderen ausgenutzt und gegen uns verwendet werden können.

Außerdem gibt es einen sehr schmalen Grat zwischen Liebe und Obsession. Wer hat online nicht regelmäßig auf das Profil eines Schwarms geklickt, um mehr über diesen zu erfahren? Wer hat über jemanden nichts Unerwartetes online herausgefunden? Informationen sind zugänglicher als je zuvor und das ist für viele Menschen sehr verlockend.

Beck versucht auch mehr über die Vergangenheit von Joe zu erfahren, als sie anfängt, an ihm zu zweifeln. Sind Joe und Beck so unterschiedlich voneinander? Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass Joe vom bloßen Beobachter zu einem Täter wird, um sein Ziel zu erreichen. Er sammelte Informationen über Becks Geschmack und Umgebung. So inszeniert er die scheinbar zufälligen Begegnungen und beginnt, seinen Plan auszuführen.

Dank der gesammelten Informationen weiß Joe, was er zur richtigen Zeit sagen muss, damit sich Beck in ihn verliebt. Aber Joes Besessenheit ist gefährlich und so überschreitet er den schmalen Grat von Liebe zur Obsession und wird zu dem Stalker, den wir auf dem Bildschirm sehen.

You ist eine erschreckende Serie, die uns sofort dazu bringt, unser Verhalten in den sozialen Medien und die Inhalte, die wir teilen, zu überdenken. Gleichzeitig wird der romantische Idealismus hinterfragt, den wir oft als Motiv in Filmen sehen. You – Du wirst mich lieben zeigt uns, dass ein Märchenprinz unser Leben zerstören kann.

Mullen, P. E., & Pathé, M. (1994). Stalking and the Pathologies of Love. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry, 28(3), 469–477. https://doi.org/10.3109/00048679409075876