Wut und Schweigen sind keine guten Weggefährten

Wut versteckt sich oft hinter Freundlichkeit, ist jedoch sehr schädlich, wenn du nicht richtig mit ihr umgehst.
Wut und Schweigen sind keine guten Weggefährten
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 01. September 2022

Vielleicht kennst du nette, freundliche und rücksichtsvolle Menschen. Doch auch wenn es nicht so scheint, bedeutet das nicht, dass diese Leute nicht innerlich frustriert oder wütend sein können. Sehr umgängliche Personen wissen oft nicht, mit Wut richtig umzugehen. Sie verinnerlichen ihre Gefühle und ignorieren die damit verbundenen Botschaften: Anstatt ihre Wut zuzulassen und zu verarbeiten, entscheiden sich Betroffene für Selbstbeherrschung und Schweigen.

Diese psycho-emotionale Realität ist weitverbreitet. Wir sind in dieser Hinsicht das Ergebnis einer etwas verkümmerten und mangelhaften Erziehung. Es ist, als gäbe es eine unausgesprochene Vereinbarung, die uns rät, Wut zu verleugnen oder hinter Schweigen zu verstecken.

Botschaften wie “werde nicht wütend, das bringt dir nichts” bringen uns schon in der Kindheit dazu, diese Emotion nicht zuzulassen. Wir werden nicht offen wütend, sondern reagieren mit einem Rückzug, obwohl wir uns ungerecht behandelt oder beleidigt fühlen. Selbstbeherrschung und Schweigen haben jedoch langfristig ihren Preis.

Wut ist die Emotion, welche die ausgeprägteste physiologische Aktivierung hervorruft und Veränderungen in unseren Denkprozessen bewirkt. Sie zu verdrängen und so zu tun, als ob es sie nicht gäbe, hat einen hohen Preis.

Mann reagiert mit Wut und Schweigen
Indem wir den Umgang mit negativen Emotionen trainieren, können wir unsere Lebensqualität verbessern.

Wut und Schweigen, das Substrat vieler psychischer Leiden

Was tust du normalerweise, wenn du wütend wirst? Welche Strategie wendest du an, wenn jemand deine Grenzen überschreitet und dich in irgendeiner Weise verletzt oder beleidigt? Konfrontierst du die beleidigende Person? Manche Menschen tun das und wenden geeignete Bewältigungsinstrumente an – mit einem sicheren, direkten und durchsetzungsfähigen Dialog. Andere wiederum ziehen es vor, in sozialen Netzwerken Dampf abzulassen.

Das ist zwar üblich, jedoch nutzlos. Viele schreiben einfach einen Text auf ihre Facebook- und Instagram-Pinnwand, um ihre Erfahrungen zu teilen und ihrer Empörung Luft zu machen. Manche suchen die Nähe eines Freundes, Partners oder Familienmitglieds, um ihre schlechten Erfahrungen an diesen Personen auszulassen.

Ebenso werden viele Menschen, die beleidigt wurden, plötzlich zu den schweigsamsten Wesen der Welt. Sie reagieren nicht nur nicht auf die Person, die sie verletzt hat, sondern ziehen sich für ein paar Stunden oder Tage in sich selbst zurück und erinnern sich an das, was passiert ist. Sie stellen sich vor, was sie hätten sagen oder tun können, handeln in Wirklichkeit jedoch nicht.

Lange Zeit haben wir geglaubt, dass es unangemessene Emotionen gibt – wie zum Beispiel Wut.

Komplizierte Emotionen: Sind sie wirklich negativ?

Wenn wir an emotionale Zustände wie Ärger oder Wut denken, stellen wir uns sofort ein rotes Emoticon mit zusammengebissenen Zähnen und Rauch vor, der aus den Ohren kommt. Unsere Erziehung und die Kultur, die uns umgibt, impfen uns die Vorstellung ein, dass Emotionen mit negativer Wertigkeit gefährlich sind. Viele glauben, dass Gefühle nicht geäußert werden sollten und verbergen diese in der Schublade des Schweigens.

Wir verbinden Wut mit Schreien und Aggression. Sie wird auch mit gewalttätigem Verhalten in Verbindung gebracht. In Wirklichkeit spielen alle Emotionen – auch die mit negativer Valenz – eine wichtige Rolle und nur ihr Missmanagement verursacht Probleme. Eine Studie von Berkowitz und Harmon-Jones aus dem Jahr 2004 zeigt, dass Wut in der Regel mehrmals pro Woche auftritt (zumindest in leichter Form).

Welche Folgen entstehen, wenn du Ärger und Empörung ständig schluckst? Die Medizinische Universität Mazandaran hat herausgefunden, dass ein erheblicher Anteil der Patienten, die an primärem Bluthochdruck leiden, Wut kontinuierlich unterdrückt.

Bluthochdruck ist eine häufige psychosomatische Auswirkung bei Menschen, die eine schlechte Emotionsregulation aufweisen.

Wut und Schweigen bei Frauen

Frauen unterdrücken Wut besonders häufig und reagieren mit Selbstbeherrschung und Schweigen. Bei unseren Großmüttern und Müttern war dies besonders oft zu beobachten. Denn wenn eine Frau es wagte, ihre Frustration und Wut über eine Ungerechtigkeit zu zeigen, wurde sie als verrückt abgestempelt oder von der Gesellschaft abgelehnt. Also war es besser, nicht zu protestieren, nachzugeben und zu schweigen.

Die Angst vor Missbilligung, Spott und Ablehnung, wenn man Wut zum Ausdruck bringt, ist traditionell sehr verbreitet – so sehr, dass wir uns gar nicht vorstellen können, wie wütend unsere Großmütter über viele der Ungerechtigkeiten waren, die sie täglich erlebten. Während es in ihrem Inneren vor Empörung brodelte, waren die Großmütter hinter verschlossenen Türen die freundlichsten und umgänglichsten Wesen der Welt.

Wie wir uns gut vorstellen können, geht dieser Umgang mit der eigenen Wut immer auf Kosten der Gesundheit. Alles, was über Monate und Jahre hinweg zum Schweigen gebracht wird, führt letztlich zum Verlust des körperlichen und geistigen Wohlbefindens.

Wut und Schweigen in der Beziehung
Wenn du schweigst und damit schädliche oder gewalttätige Haltungen zulässt, fügst du dir selbst großes Leid zu.

Der richtige Umgang mit Wut und Schweigen

Wut zu empfinden, ist nicht der Anfang eines Feuers. Es ist der Feueralarm, das Signal, dass etwas nicht stimmt. Es kann sein, dass jemand deine Rechte oder Werte verletzt, aber Schweigen ist nicht die richtige Antwort. Doch wie kannst du mit Wut richtig umgehen?

1. Was bezweckt Wut?

Wut ist die einzige Emotion, die zum Handeln und zur Veränderung auffordert. Das erklärt die körperliche Anspannung und den großen Einfluss, den Wut auf unseren Organismus hat. Sie will, dass wir handeln und Lösungen finden. Das bedeutet nicht, dass man sich für Aggression entscheiden sollte. Gewalt in jeder Form ist das Ergebnis von Missmanagement.

Lass dir Zeit, bevor du handelst: Du kannst deine Wut schriftlich in Worte fassen, um deine Ideen zu ordnen, und einen Spaziergang machen oder Sport treiben, um Spannungen abzubauen. Das Ziel ist, nicht aus der Wut des Augenblicks heraus zu handeln, sondern aus der Ruhe der anschließenden Reflexion.

Aufgestaute Wut, mit der du nicht umgehen kannst, verändert deinen Charakter. Direkte und durchsetzungsfähige Kommunikation ist der beste Verbündete, um die jahrelang verschleppte negative Ladung abzubauen.

2. Zeige Durchsetzungsvermögen und wahre deine persönliche Sicherheit

Handeln ist notwendig, um die Würde zu wahren. Du musst Durchsetzungsstärke zeigen, Grenzen setzen und deine Argumente vorbringen. Das Gefühl der Machtlosigkeit verringert sich, wenn du entschlossen reagierst und deutlich machst, was dich verletzt hat und wo deine Grenzen sind.

Es stimmt, dass Wut ein intensives Gefühl ist, aber du kannst diese Emotion kontrollieren und richtig einsetzen. Vergiss nicht: Wut und Schweigen sind keine guten Weggefährten.

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    • Berkowitz, L., & Harmon-Jones, E. (2004). Toward an understanding of the determinants of anger. Emotion, 4(2), 107.
    • Carver, C. S., & Harmon-Jones, E. (2009). Anger is an approach-related affect: evidence and implications. Psychological bulletin, 135(2), 183.
    • ​Fives, C. J., Kong, G., Fuller, J. R., & DiGiuseppe, R. (2011). Anger, aggression, and irrational beliefs in adolescents. Cognitive therapy and research, 35(3), 199-208.
    • Thomas, S., Smucker, C., & Droppleman, P. (1998). It hurts most around the heart: A phenomenological exploration of women’s anger. Journal of Advanced Nursing, 28(2), 311-322