Worte werden nicht vom Wind weggetragen

· 7. April 2017

Es ist Fakt, dass unser Gedächtnis Fehler macht. Aber zu sagen, dass es sich sowieso nichts merken kann, ist weit hergeholt. Denn diejenigen, die das glauben, denken manchmal, dass die von ihnen gemachten Versprechen nicht eingehalten werden müssten. Wegen dieser Opportunisten entstand einmal das Sprichwort: „Worte werden nicht vom Wind weggetragen.“

Die Metapher möchte im Grunde genommen darauf aufmerksam machen, dass das, was ausgesprochen und nicht niedergeschrieben und unterschrieben wird, nicht einfach wie ein vertrocknetes, vergilbtes Blatt, das im Herbst vom Baum fällt, weggeweht wird. Im rechtlichen Bereichen mag das gesagte Wort nicht so viel wert sein, aber im persönlichen Bereich auf alle Fälle.

Wer hält, was er verspricht?

Wie eingangs erwähnt, besitzen wir ein Gedächtnis, das sich irrt, aber es ist und bleibt ein Gedächtnis. Dort werden persönliche von uns und auch von anderen gemachte Versprechen abgespeichert. Wenn uns unsere Schwester beispielsweise verspricht, die Kinder abzuholen, so unterschreibt sie kein rechtlich wirksames Dokument, um das Versprechen zu besiegeln, sie sagt einfach, dass sie es tun wird. Sie gibt uns ihr Wort und damit ist ihr Versprechen besiegelt.

Es liegt nun an ihr, ob sie ihr Wort hält. Das sollte theoretisch bei zwischenmenschlichen Beziehungen mehr wert sein als ein Gekritzel in Form einer Unterschrift. Andererseits vertrauen wir auf diese Wörter im Hinblick auf die Anzahl der eingehaltenen Versprechen in der Vergangenheit und bedenken dabei besonders die Versprechen, die für denjenigen, der uns sein Wort gegeben hat, einen ähnlichen „Einsatz“ bedeutet haben.

Das heißt, wenn wir wissen, dass unsere Schwester an diesem Nachmittag keine Pläne hatte und es unwahrscheinlich ist, dass ihr plötzlich welche einfallen, versuchen wir Situationen zu finden, in denen sie ein Versprechen gegeben hat, von dem wir auch dachten, dass ihr Einsatz nicht so hoch sei. Sobald uns solche Situationen in den Sinn kommen, benutzen wir sie, um abzuschätzen, ob sie ihr Versprechen halten wird oder nicht.

Doch wenn sie weit entfernt wohnt und wir wissen, dass sie an diesem Nachmittag etwas vorhat, das ihr Spaß macht und ihr das Abholen der Kinder ihren Zeitplan durcheinanderbringen könnte, erinnern wir uns an die Situationen, in denen sie viel geopfert hat. Auch hier verwenden wir diese, um abzuschätzen, ob sie ihr Versprechen halten wird oder nicht.

Bei dieser Einschätzung bewerten wir auch andere Faktoren, so wie mögliche Beweggründe, dieses Versprechen zu geben. Vielleicht mag sie Kinder sehr und sieht die Zeit, die sie mit ihren Nichten und Neffen verbringt, als kostbare und schöne Zeit an. Das lässt das „Opfer“, das sie bringen würde, kleiner erscheinen. Doch dieser Einsatz wird größer, wenn sie die Gesellschaft der Kinder nicht genießt und es so scheint, als wäre es eine Qual für sie.

Aber hierbei sollten wir nicht ungesagt lassen, dass der steigende Einsatz nicht zwingend die Wahrscheinlichkeit erhöhen muss, dass sich jemand nicht ans sein Versprechen hält. Es gibt bestimmte Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen, wie z.B. um vorzugeben, ein großzügiger Mensch zu sein, unter Umständen in Bezug auf Versprechen, die einen hohen Einsatz fordern, verlangen, dass man ihnen einen Gefallen tut, und die mit Versprechen mit einem geringen Einsatz recht wenig anfangen können.

Worte, die verletzen, und Worte, die Kraft geben

Es gibt eine andere Art von Worten, die der Wind nur sehr schwierig aus unserem Verstand wegträgt, und das sind verletzende Worte von Menschen, die wir schätzen. Es mag sein, dass wir verstanden haben, dass sie sie sagten, als sie frustriert waren, und wir im Nachhinein gemerkt haben, dass sie es nicht so gemeint haben, wir können sie aber dennoch nicht einfach aus unserem Gedächtnis streichen, so wie der Wind ein Blatt, das langsam von einem Baum gefallen ist, hinfort trägt.

Das Problem ist, dass uns diese Wörter im Gedächtnis bleiben und mit ihnen auch eine tiefe emotionale Spur. Und unser Gedächtnis vergisst normalerweise nichts, was tiefe Spuren hinterlassen hat. Eine Ausnahme gibt es allerdings: Das Ereignis übersteigt unsere Fähigkeit der emotionalen Assimilation und überdeckt die Erinnerung durch einen psychisch bedingten Gedächtnisverlust.

Doch selbst bei dieser Art der Amnesie kann die betroffene Person Verachtung gegenüber dem Menschen verspüren, der sie verletzt hat, auch wenn sie nicht erklären kann, wieso. Gesagte Worte sind demnach keine harmlosen Elemente der Kommunikation, die mit löschbarer Tinte in die Luft geschriebenen werden. Genau das Gegenteil ist der Fall: Sie haben einen großen Einfluss und können niemals wieder gelöscht werden.

Zum Schluss möchte ich noch etwas Wichtiges erwähnen, auch wenn wir über dieses Thema ein ganzes Buch schreiben könnten. Was uns gesagt wird, hinterlässt in uns eine Spur, aber auch mit unseren Worten nehmen wir Einfluss auf andere. So wie Worte, die an uns gerichtet sind, bei uns eine tiefe Wunde hinterlassen können, so können auch die von uns ausgesprochenen sehr starke Gefühle bei uns selbst auslösen, wie Schuldgefühle (im negativen Sinne) oder Stolz (im positiven Sinne). Worte werden also nicht einfach vom Wind weggetragen. Manche kann nicht einmal ein Hurrikan davonwehen.