Woran sich Zeugen erinnern: Die Qualität der Erinnerungen

26. Januar 2019

Deine Erinnerungen mögen trügen. Das ist nicht nur ein Spruch, denn tatsächlich sind Erinnerungen weit davon entfernt, eine getreue Nachbildung der Realität zu sein. Wenn du eine Geschichte wiederholt erzählst, erzählst du sie jedes Mal etwas anders. In der Forensik ist es sogar üblich, dass Psychologen die Zeugen bitten, niemand anderem zu erzählen, was passiert sei, um ihre Erinnerungen nicht zu kontaminieren. Es ist interessant, wie unser Verstand arbeitet, und es ist besonders interessant, wie das Gedächtnis von Zeugen funktioniert. Kann man sich vielleicht sogar an Dinge erinnern, das gar nicht passiert ist?

Die Aussagen von Augenzeugen sind Quellen und Forschungsobjekte zugleich, mit denen Experten versuchen, die Qualität von Zeugenaussagen zu beurteilen. Viele Autoren haben auf diesem Feld bereits publiziert und ihre Ergebnisse sind in der Welt der Justiz und Forensik höchst relevant.

Rekonstruktive Hypothese

Elisabeth Loftus, Mathematikerin und Psychologin, glaubt, dass Erinnerungen manipuliert werden können. Folglich sei es möglich, mit der Kraft der Suggestion falsche Erinnerungen zu kreieren. Tatsächlich glaubt sie, dass das Gedächtnis von Augenzeugen rekonstruiert werde. Was bedeutet das?

Eine Frau macht eine Aussage bei der Polizei.

Wenn jemand ein Ereignis miterlebt, speichert er zwei Arten von Informationen. Zum einen die Informationen, welche erdurch das Erleben des Ereignisses selbst sammelt. Auf der anderen Seite die Informationen, die er nach dem Erleben aufnimmt. Diese beiden Arten von Informationen werden im Phänomen der Rekonstruktion zusammengefügt, weshalb das Ergebnis niemals wahrheitsgetreu ist: Der Zeuge mag am Ende Details des Ereignisses abrufen, die er nicht wirklich gesehen hat. Das Gegenteil ist auch richtig: Er mag Dinge vergessen, die er eigentlich gesehen hat.

Warum werden Erinnerungen rekonstruiert? Weil das Gehirn das Vakuum hasst.“

Scott Fraser

Faktoren, welche die Genauigkeit von Zeugenaussagen beeinflussen

Wenn eine Person ein Verbrechen bezeugt, müssen mehrere Aspekte berücksichtigt werden. Von ihnen hängt die Genauigkeit der Erinnerung ab und damit auch die Wertigkeit des Zeugnisses.

Verdächtiges Zeugnis

Normalerweise registriert ein Mensch nur etwa 20 % von dem, was er sieht. Bei Augenzeugen von Verbrechen ist dieser Prozentsatz sogar noch niedriger. Dies liegt daran, dass er nicht mit dem Ereignis gerechnet hat und der Vorfall normalerweise sehr schnell geschieht.

Während dieser Momente wirkt zudem der Effekt der „Blindheit für Änderungen“. Der Zeuge ist nicht in der Lage, Veränderungen außerhalb seines Fokus zu erkennen. Das liegt daran, dass er sich nicht um jene Details kümmert, die in der Peripherie geschehen. Auch wenn sie relevant sein mögen, konzentriert er sich nicht auf sie. Stattdessen sieht er nur das große Bild (es war ein Raub, ein Diebstahl, er hatte eine Waffe usw.). Dabei handelt es sich um eine Fehlerquelle, die in Zeugenaussagen von entscheidender Bedeutung ist.

Vorangegangene Erwartungen

Viele Studien zeigen, dass das, woran wir uns erinnern, nicht auf das beschränkt ist, was wir wirklich gesehen haben. Unsere Erinnerung berücksichtigt auch unsere Erwartungen. Mit anderen Worten, das Wissen und der Inhalt dessen, was wir aus anderen Erfahrungen vor dem Ereignis erworben haben, spielen eine entscheidende Rolle.

Das wird mit der Theorie des rekonstruktiven Gedächtnisses erklärt. Es wurde gezeigt, dass Leser einer Geschichte, die sie anschließend weitererzählen sollten, niemals die Originalversion wiedergaben. Entsprechende Verzerrungen basierten auf einer Vereinfachung, dem Weglassen von Details und der Änderung von Umständen zu Gunsten der individuellen Wahrnehmung der Welt zurückzuführen.

Hauptfragen

Zeugen können die Art ihrer Erinnerungen an das Geschehene noch verändern, nachdem sie das Verbrechen beobachtet haben. Tatsächlich haben die Fragen, die der Augenzeuge beantworten muss, einen großen Einfluss auf das, woran er sich jetzt und später erinnern wird. Allerdings handelt es sich dabei in der Regel um kleine oder sehr kleine Details, die die Wertigkeit seines Zeugnisses nicht wesentlich beeinflussen.

Zeugenvernehmung

Individuelle Unterschiede

Bei der Analyse des Zeugengedächtnisses stellten Experten fest, dass Kinder und ältere Menschen eher dazu neigen, Erinnerungen zu verzerren. Kinder sind weniger genau. Ältere Menschen sind mehr von ihrer eigenen Wahrheit überzeugt. Mit anderen Worten, sie glauben an die Richtigkeit ihrer falschen Erinnerungen.

Das Alter des Täters mag zudem nur ungenau eingeschätzt werden, insbesondere wenn der Altersunterschied zwischen dem Zeugen und dem Verdächtigen sehr groß ist.

Überzeugung der Augenzeugen

Im Allgemeinen ist die Überzeugung und Sicherheit, welche die Augenzeugen an den Tag legen, wenn sie den Verdächtigen identifizieren, kein guter Indikator für die Richtigkeit ihrer Aussagen. Egal, an wie viele Details sie sich erinnern. Die Emotionen, die sie zeigen, und ihr Vertrauen in die eigene Aussage korrelieren nicht unbedingt mit deren Präzision.

Situative Faktoren

Im Allgemeinen ist eine durchschnittliche Aktivierung am besten, um sich etwas genau zu merken. Wenn eine Person sich leicht gestresst oder ängstlich fühlt, fällt es ihr leichter, sich an die zugehörige Gegebenheit zu erinnern. Starker Stress oder große Angst hingegen behindern die Schaffung von Erinnerungen.

Andererseits ist es so, dass gewalttätige Ereignisse eher einen Eindruck hinterlassen als gewaltlose. Die Art und Weise, wie Augenzeugen sich auf Waffen konzentrieren, ist besonders interessant. Zeugen schenken der Waffe eines Angreifers so viel Aufmerksamkeit, dass sich ihr weiteres Aufmerksamkeitsfeld reduziert. Sie sehen dann keine anderen Details mehr. Die Gewalt lässt Augenzeugen das zentrale Erlebnis – den Anblick der Waffe – besser im Gedächtnis behalten. Im Gegenzug werden Details der Umgebung kaum wahrgenommen.

Wir verlieren uns oft in einem blinden Glauben daran, dass wir alles um uns herum wahrnehmen könnten. Wir sind jedoch häufig gar nicht in der Lage, Veränderungen in unserer Umgebung zu bemerken. Daher sind unsere Erinnerungen empfindlich. Zeugenaussagen sind ein gutes Beispiel für ihre Zerbrechlichkeit.