Wir sind zu jung, um ständig traurig zu sein

6. Oktober 2016 en Kuriositäten 2 Geteilt

Der Markt sowie die negativen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen wirken sich auf die junge Generation aus und macht sie traurig. Jeder ist von breiteren, umfassenderen sozialen und wirtschaftlichen Trends betroffen, jedoch ist es schwierig, in unserem täglichen Leben zu erkennen inwiefern. Vor der wirtschaftlichen Rezession vor einigen Jahren waren wir voller Hoffnung, dass unsere Generation nicht ein Jahrzehnt lang auf Besserung warten muss. Nun können wir sehen, dass dieser Zeitrahmen zu optimistisch gedacht war, und trotzdem machen wir weiter wie bisher.

Der Titel dieses Artikels verbreitete sich viral in den sozialen Netzwerken. Er entstand aus einer Illustration von Sara Herranz. Der Autorin kam die Idee für diese Illustration, während sie den Film Beginners  sah, und sie fügte sie zu ihrem Buch Todo lo que nunca te dije lo guardo aquí  (spanischer Originaltitel, der bedeutet: Alles, was ich dir niemals gesagt habe, befindet sich in hier , nicht auf Deutsch verfügbar) hinzu.

Tausende von jungen Menschen identifizieren sich mit diesem Bild, Menschen, die keine gesundheitlichen Probleme haben und denen es nicht an grundlegenden Dingen mangelt, die allerdings erleben, dass ihre Zukunft eine 180-Grad-Wende vollzieht. Ihre akademischen und persönlichen Ansprüche haben sich gewandelt, und für viele wird es schwierig sein, jenes Ziel zu erreichen, welches als selbstverständlich galt: aus dem Elternhaus auszuziehen.

Selbst dann sind wir zu jung, um ständig traurig zu sein. Jeden Tag erleben wir allerlei Emotionen und während der Woche durchlaufen wir bedrückende sowie glückliche Zeiten. Jedoch, der gemeinsame Nenner dieser Generation ist Hoffnungslosigkeit in Bezug auf die Zukunft.

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Hoffnungslosigkeit ist einer der primären Auslöser für depressive Episoden. Diagnostizierte Fälle von Depressionen bei jungen Leuten sind verglichen zur vorigen Generation um ca. 15-20 % angestiegen.

Viele junge Menschen stellen fest, nachdem sie ihr ganzes Leben mit dem Studium verbrachten, dass sie Jobs annehmen müssen, die in keiner Relation zu ihrer eigentlichen Ausbildung stehen. Andere sehen sich damit konfrontiert auszuwandern, und wenn dieser Fall eintritt, erfahren sie, dass sie Arbeiten im Ausland annehmen müssen, welche nicht ihrer Qualifikation entsprechen. Niemand ist auf diese Situation vorbereitet. Das bedeutet, innerhalb von kürzester Zeit müssen sie anfangen, ihre eigenen Ressourcen zu verbrauchen, um die stressigen, erdrückenden Situationen zu meistern, Tag ein, Tag aus.

Somit ist es richtig aufzuhören, die junge Generation zu beschuldigen, und zu akzeptieren, dass die am besten ausgebildete Generation leistungsschwach ist. In der Realität hat sich die Situation in sehr kurzer Zeit drastisch verändert.

Wir müssen alles begreifen, was mit uns geschieht

Diese dürftige wirtschaftliche Lage wirkt sich nicht auf jene Menschen aus, die bereits einen stabilen Job und eine gewisse Erfolgsbilanz nachweisen können, sondern vor allem auf jene Menschen, die zum ersten Mal in die Welt hinausgehen und nur auf zugeschlagene Türen treffen.

Du hast dich noch nicht unter Beweis gestellt, weil sie dich nicht lassen. Du musst gegen die Strömung schwimmen, orientierungslos. Aber dank allem, was geschieht, lernst du Lektionen, die zwei oder drei Lebenszeiten wert sind.

Insofern, wenn wir uns traurig fühlen, müssen wir darüber nachdenken, was wir gewinnen und was wir verlieren. Zuallererst müssen wir begreifen, was um uns herum geschieht. Wir werden ein einzigartiges Einfühlungsvermögen und gesellschaftliches Bewusstsein entwickeln, welches uns ermöglicht, die Probleme der Welt aus vielen verschiedenen Perspektiven zu analysieren. Unsere Widerstandsfähigkeit hat sich blitzschnell entwickelt, unsere emotionale Intelligenz hat uns aus mehr Situationen herausgeholt, als alles andere, was wir in den vorigen Jahren lernten.

Wir sind viel offener, weniger naiv und weitaus unterstützender. Wir schätzen Ehrlichkeit, Simplizität und Anstand auf eine Art, wie es nur wenige Generationen vor uns taten. Wir betrachten Heuchelei als unseren Feind sowie Selbstgefälligkeit und Verschwendung.

Wir sind vorbereitet auf den Wandel, und wir werden es besser machen. Vielleicht bricht unser psychologischer Widerstand hier und da zusammen, aber wir werden wieder aufstehen. Wir sind zu jung, um so traurig zu sein, deswegen stehen wir auf und machen weiter.

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Wir sind traurig, aber wir sind nicht allein

Wenn du allein depressive und hoffnungslose Situationen durchstehen musst, fürchtest oder schämst du dich vielleicht. Aber in dieser Situation kann die Traurigkeit toleriert werden, sofern du dich als Teil eines Netzwerkes von Menschen fühlst, du genau das Gleiche durchleben wie du.

Wir können nicht entspannen, da es allgemein ein chaotischer Zustand ist, in dem wir uns befinden. Allerdings kommt dadurch auch ein psychologisches Phänomen zum Vorschein: Die Schuld wird erträglicher und schwindet immer mehr, weil wir die Situation nicht länger persönlichem Versagen oder Charaktereigenschaften zuschreiben. Vielmehr erkennen wir, dass es eine gemeinsame Verantwortung ist.

Isoliere dich nicht selbst in dieser Situation. Alles, was du damit erreichst, ist diesen Zustand auf einer passiven und schrecklichen Weise zu konfrontieren, was nichts helfen wird. Du musst von selbst aufstehen, zieh dich an und geh raus aus deinem Haus, auch wenn dir nicht danach ist. Der Wunsch, das zu tun, wird später von selbst kommen. Die Möglichkeit, die Kontrolle über dein Leben zurückzuholen, ist da draußen. So wie Jean Paul Sartre sagte: „Wir können keine Zeit verschwenden. Vielleicht gab es bessere Zeiten, aber das ist unsere.“

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