William Wilson: Eine Geschichte von E. A. Poe, die zum Nachdenken anregt

· 12. Oktober 2018

Edgar Allan Poe ist eines der renommiertesten Genies der Literaturgeschichte. Das liegt zweifellos nicht nur an seiner Arbeit, sondern auch an seinem turbulenten Leben. Da sind zum Beispiel die Umstände seines Todes und mysteriöse Besuche eines möglichen Bewunderers seines Grabes … Abgesehen davon, dass er uns solch denkwürdige Werke wie Der Rabe  hinterlassen hat, war er definitiv eine Figur des Geheimnisses. Definitiv ist er ein sehr interessanter Charakter.

Unter all seinen literarischen Werken möchten wir eine besondere Geschichte hervorheben:  William Wilson. Dies ist eine kurze Geschichte, die uns dem Verständnis des Unterbewusstseins des Autors näherbringt. Sie behandelt ein in der Literatur sehr beliebtes Thema, nämlich das des Doppelgängers.

Poe wurde 1809 in Boston, USA, geboren. Er gilt als begabter Architekt von Detektivgeschichten, als Erneuerer des gotischen Romans und zweifellos als Meister des Grauens. William Wilson  deckt alle diese Facetten ab,  ist psychologischer Horror, der den menschlichen Geist analysiert und uns beunruhigt.

Poe und der Doppelgänger

Wenn Poes Leben ruhiger verlaufen wäre, hätte er vielleicht keine Probleme mit Alkohol oder seiner Familie gehabt. Er wäre nicht nur das literarische Genie, als das wir ihn heute kennen. Poes Leben war, ohne Zweifel, quälend. Diese Angst und mentale Folter, die er durchlebte, spiegelten sich in seiner Arbeit wider.

William Wilson  ist eine der interessantesten Geschichten dieses Autors. Es ist eine Geschichte, die die Idee des Doppelgängers beinhaltet, ein Vorher und Nachher beschreibt. William Wilson  ist eine Geschichte, die in der ersten Person erzählt wird, in der der „Autor“ als William Wilson präsentiert wird. Natürlich ist das ein falscher Name.

Die Geschichte dreht sich um das Leben dieses Charakters und eines Begleiters. Sein Begleiter hat den gleichen Vor- und Nachnamen und sieht genauso aus wie er, wenngleich er ebenso wenig Eltern hat wie ersterer. Er wird dem Protagonisten lebenlang folgen. Das „Double“ soll der einzige Charakter sein, der sich dem „Original“ stellen kann, der ihn beschatten und überwinden kann.

William Wilson und sein Doppelgänger

Das Unterbewusstsein, der Doppelgänger und die Literatur

Die Psychoanalyse kann trotz allem, was sie zu sein scheint, bei der Analyse literarischer Texte sehr nützlich sein. Dies gilt insbesondere für diejenigen Werke, die eine mit Symbolen arbeiten. In Freuds Psychologie des täglichen Lebens wird die Idee thematisiert, dass Träume eine Befreiung oder ein Ausdruck von Traumata seien, die mit der Struktur der Psyche verbunden seien: unbewusst, vorbewusst und bewusst. Das Unbewusste versuche, Traumata ans Licht zu bringen. Freud interpretierte Träume als Vehikel für diese Reise zum Bewusstsein.

Literatur und Kunst werden als den Träumen ähnliche Mechanismen verstanden. Die Autoren lassen durch Metaphern und Symbole mögliche Traumata erkennen. Freud gruppierte eine Reihe von Phänomenen, die wir in der Literatur wiederfinden, wie das Aussehen eines Doppelgängers, ein zerstückelter Körper, Magie etc.

In aller Literatur finden wir eine Vielzahl von Symbolen und Metaphern, die wir durch die Psychoanalyse interpretieren können. Einer der am meisten untersuchten Fälle ist wohl die Geschichte von Ödipus, die zur Definition des Ödipuskomplex führt. In ihr finden sich zahlreiche phallische Symbole und den symbolischen Tod der Vaterfigur, der die Eliminierung des Rivalen beschreibt. Auch Saturn verschlingt seinen Sohn,  ein Gemälde Francisco de Goya wurde psychoanalytisch interpretiert. Es handelt von Kannibalismus, Melancholie, Zerstörung und sexuellen Problemen.

Saturn verschlingt seinen Sohn

Literatur und Kunst

Literatur schafft einen Weg zum Unbewussten. Das ist nichts, das erst Freud auffiel. Vielmehr war es lange zuvor schon bekannt: Aristoteles sprach derart über griechische Tragödien. Er sagte, dass dort wirklich brutale Szenen zu sehen seien, wodurch die Emotionen der Zuschauer gereinigt würden. In Literatur und Kunst können wir alle Arten von inneren Konflikten beobachten, die die Betroffenen sehr belasten. Im künstlerischen Ausdruck weichen sie jedoch einer Art Freiheit.

Das Thema des Doppelgängers ist mit dem Konzept der Seele verbunden. Das Doppelte ist eine Struktur, die sich durch Spiegel, Reflexionen usw manifestiert. Aus diesem Grund ist es interessant, bei der Analyse eines literarischen oder anderweitig künstlerischen Werkes auf entsprechende Details zu achten. Sie können uns Hinweise auf die wahre Bedeutung des Werkes geben.

Der böse Zwilling

Sprechen wir über die mythologische Figur Narziss. Er verliebte sich in sein Spiegelbild im Wasser. Seine Geschichte ist eines der frühesten Beispiele für das Thema des Doppelgängers. Man kann es auch in einigen von Plautus‘ Komödien erkennen.

Ursprünglich galt das Double als Element der Komödie, um Zwillinge miteinander verwechseln und dem falschen Zwilling etwas Geheimes erzählen oder anderen Situationen beschreiben zu können, die Lachen hervorrufen könnten. Aber mit der Ankunft der Romantik verfestigte sich die Idee des bösen Doppelgängers, des „bösen Zwillings“. So wurde das Double dramatisch dargestellt und die Komödie außen vor gelassen.

William Wilson geht einen Schritt weiter als das klassische Drama. William Wilsons Doppelgänger ist nicht der typische böse Zwilling, sondern in mancher Hinsicht ein überlegenes Wesen, eine Art Stimme des Bewusstseins. Er ist eine verbesserte Version und als solcher eine Bedrohung für den Stolz des Protagonisten.

Illustration zweier Männer, die sich gegenübersitzen

Das Thema des Doppelgängers in William Wilson

Die Ich-Erzählung und das Geburtsdatum von William Wilson (19. Januar, wie Poe selbst) deuten darauf hin, dass es sich um ein autobiografisches Werk handelt. Das überrascht wenig, wenn man an das turbulente Leben des Autors denkt. William Wilson ist eine Darstellung von Poes Bewusstsein, er gewährt einen Einblick in seinen inneren Kampf während dieser Zeit.

Die gespaltene Persönlichkeit zeigt sich von Anfang an. Das zeigt sich unter anderem am Namen, der gewählt wurde: William Wilson. Das anfängliche „W“ allein weist auf eine doppeldeutige Natur hin. Und es wird im Nachnamen wiederholt. Das ist sicher kein Zufall.

William Wilson und sein Double werden unzertrennliche Begleiter. Diese Nähe weicht bald Angriffen und Hass, weil der Doppelgänger als Bedrohung wahrgenommen wird. Aber immer noch empfindet der Protagonist eine Art Wertschätzung für sein Double, da er ihn als Spiegel seiner selbst sieht. Unterschiede und Ähnlichkeiten werden im Verlauf der Geschichte deutlicher. Der Doppelgänger kopiert des Protagonisten Art zu gehen und sich zu kleiden, aber er versucht auch, seine Pläne zu sabotieren.

Die Konfrontation

Das Thema des Doppelgängers wird in dieser Geschichte kühn und tiefgründig angegangen. Das Double wird zum wahren Albtraum für den Protagonisten. Dies ist ein klares Indiz dafür, dass es die persönlichen Konflikte des Autors repräsentiert. Die gespaltene Persönlichkeit wird zu einer belastenden Situation, die den Protagonisten sehr ängstlich macht. Sie führt uns schließlich, wie in einem Buch dieser Art zu erwarten ist, zu einer spektakulären Kette von Ereignissen.

William Wilson  ist definitiv eine Geschichte, die es wert ist, analysiert zu werden, da sie reich an Symbolik ist. Sie bringt uns einem Verständnis von Poes Problemen näher, ist eine Geschichte mit autobiografischen Elementen. Der Autor hinterfragt seinen eigenen Lebensstil und führt ein Gespräch mit seinem eigenen Bewusstsein.

„Beim Lesen wird die Seele des Lesers dem Willen des Schriftstellers unterworfen.“

Edgar Allan Poe