Dissoziative Amnesie: die durch Traumata ausgelöste Gedächtnisstörung

· 17. Juni 2017

Die dissoziative Amnesie zeichnet sich durch das Vergessen eines sehr negativ belasteten Ereignisses aus. In der Psychologie nennt man diese Gedächtnisstörung psychisch bedingte Amnesie, dissoziative Amnesie oder funktionelle Amnesie. Diese Gedächtnisstörung wird nicht durch eine identifizierbare organische Erkrankung hervorgerufen und die vergessene Information kann von allein oder mit Hilfe einer Psychotherapie wiederkommen.

Es gibt traumatische Erfahrungen, die uns unser ganzes Leben lang prägen. Sie können verschiedene Aspekte unseres Lebens und unserer Beziehungen beeinflussen. Ein sehr starkes Leid hat große Auswirkungen und unser Verstand vergisst zu unserem eigenen Schutz dieses traumatische Erlebnis oder bestimmte, damit verbundene Inhalte, damit wir uns von ihm erholen können.

Auch wenn das nicht so häufig vorkommt, gibt es dennoch bestimmte Personengruppen oder konkrete Situationen, in denen eine dissoziative Amnesie normal ist. So ist es beispielsweise bei Soldaten, die im Krieg Zeugen grauenhafter Ereignisse wurden, oder bei Menschen, die in der Kindheit sexuell missbraucht wurden, die häusliche Gewalt, Naturkatastrophen oder einen Terroranschlag erlebt haben.

Die dissoziative Flucht oder stressbedingte Identitätsstörung

Es geht hierbei nicht nur um den Gedächtnisverlust zu einem konkreten Zeitraum, auch ein Identitätsverlust kann auftreten. Wer eine Störung dieser Art erlebt hat, ist unter Umständen von zu Hause weggelaufen und hat dabei seine Familie und Stadt verlassen. Die Abwesenheit kann ein paar Stunden, aber auch Jahre andauern. Falls die dissoziative Flucht über einen längeren Zeitraum anhält, können Betroffene sogar eine neue Identität entwickeln, mit einer neuen Familie und einer neuen Arbeit.

Manchmal kann auch der insgeheime Wunsch entstehen, vor einer unschönen Situation zu fliehen. Hier geht es keinesfalls um die Vortäuschung einer Krankheit, sondern es handelt sich um den Gedächtnisverlust im Bezug auf die eigene Identität als Antwort auf eine äußerst stressige Situation. Während einer Episode der dissoziativen Flucht kann der Betroffene ganz normal erscheinen und keine auffälligen Verhaltensweisen zeigen.

Wenn die Episode zu Ende ist, befindet sich der Betroffene an einem unbekannten Ort, ohne zu wissen, wie er dort hingekommen ist. Für gewöhnlich erinnert er sich nicht an das kürzlich Geschehene, obwohl er sich an all das erinnert, was vor der Episode passiert ist. Manchmal ist die Wiederherstellung der vorherigen Identität nicht vollkommen umsetzbar und es kann durchaus Aspekte geben, die nicht wiederherzustellen sind.

Die situationsbedingte dissoziative Amnesie

Die dissoziative Amnesie beschreibt konkrete Episoden, die durch dramatische Ereignisse hervorgerufen werden und bei der die Persönlichkeit des Betroffenen durch die erlebten Ereignisse stark beeinträchtigt werden. Auch wenn sich der Betroffene nicht an die Episode erinnert, ist sie dennoch in seinem Verhalten spürbar. Eine Frau, die beispielsweise in einem Aufzug vergewaltigt wurde, erinnert sich nicht daran, aber sie vermeidet es, Aufzüge zu benutzen und nur allein die Vorstellung löst bei ihr Unbehagen aus.

Erinnerungen an das Erlebnis kommen normalerweise wieder zurück, doch es es lässt sich nicht eindeutig bestimmen, wie viel Erinnertes real oder mit falschen Informationen gemischt ist. Eine durch ein Trauma ausgelöste Amnesie kann sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar machen:

  • Lokalisierte Amnesie: Es wird ein bestimmtes Erlebnis vergessen, normalerweise das traumatische Erlebnis.
  • Kontinuierliche Amnesie: Gedächtnisverlust vom Zeitpunkt des traumatischen Erlebnisses an bis zum heutigen Tag.
  • Generalisierte Amnesie: Vollkommener Identitätsverlust. Der Betroffene kann sich nicht einmal mehr daran erinnern, wer er ist und wo er wohnt. Tritt in Extremfällen auf und ist seltener anzutreffen.
  • Selektive Amnesie: Der Betroffene erinnert sich ausschließlich an vereinzelte Aspekte des erlebten Ereignisses.
  • Systematisierte Amnesie: Gedächtnisverlust in Bezug auf eine gewisse Information. Zum Beispiel in Bezug auf die eigene Mutter.

Behandlung und Wiederherstellung der Erinnerungen

Die dissoziative Amnesie muss nicht zwingend sofort nach dem erlebten stressigen Ereignis eintreten, sie kann erst nach Stunden oder sogar Tagen aufkommen. Manchmal haben Betroffene Flashbacks des Ereignisses, wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung, aber in diesem Fall weiß der Betroffene nicht, dass diese Erinnerung real ist.

In den meisten Fällen zeigen sich Verhaltensprobleme, Erschöpfungserscheinungen, Schlafstörungen und Depressionen; auch Drogenmissbrauch kann eine Folge sein. Wenn der Gedächtnisverlust nachlässt und sich der Betroffene plötzlich wieder an das Erlebnis erinnert, steigt das Risiko eines Selbstmordversuches. In einer Therapie hilft man dem Betroffenen, die dramatische Erfahrung mit Hilfe der Unterstützung der Familie und durch die Entwicklung und Anwendung nützlicher Strategien zu verarbeiten.

Normalerweise werden klinische Hypnosetechniken angewandt. Durch Entspannungs- und Konzentrationsübungen wird versucht, den Betroffenen dahingehend zu unterstützen, sich seiner Erinnerungen bewusst zu werden, damit er seine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen erleben und verarbeiten kann, die er aus seinem Bewusstsein verbannt hat. Diese Strategien bringen allerdings auch Risiken mit sich, wie zum Beispiel die „Wiederherstellung“ falscher Erinnerungen oder die bewusste Erinnerung höchst traumatischer Ereignisse.

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