Wie wir laut dem Zen-Buddhismus einen Feind in die Knie zwingen

· 9. Dezember 2018

Die fernöstlichen Philosophien haben eine vollkommen andere Vorstellung von einem Kampf als wir, in der westlichen Welt. Für viele jener Philosophen besteht das Bezwingen eines Feindes nicht darin, ihn zu vernichten, auszulöschen oder zu zerstören. Für sie bedeutet, einen Feind in die Knie zu zwingen, zu neutralisieren, was uns schaden will. Und wenn möglich, sollten wir Freundschaft damit schließen.

Diese Sichtweise mag sich für unsere Kultur eigenartig anhören. Leider verbinden wir im Allgemeinen einen Sieg über unsere Gegner mit einem Triumph, der uns glücklich machen sollte. Das kommt daher, weil wir glauben, dass Ergebnisse wichtiger seien als Prozesse, oder dass es wichtiger sei, persönlich herauszuragen als zusammenzuwachsen.

Das Problem dabei ist, dass es normalerweise ein vorübergehender und sehr relativer Sieg ist, einen Feind in die Knie zu zwingen, indem wir ihn beseitigen oder verletzen. Im Grunde genommen nähren wir somit diesen äußeren Feind und das Negative, das in uns beiden steckt. Vielleicht verspüren wir unmittelbar ein Gefühl von Zufriedenheit oder erreichen einen besonderen Vorteil, doch gleichzeitig stärken wir auch all die zerstörerischen Gefühle in uns und in anderen.

„Wirklich gewonnen hat man erst, wenn eine Armee nicht kämpft, eine Stadt nicht belagert wird, Zerstörung nicht lange anhält und ein Feind immer durch das Anwenden einer Strategie besiegt wird.“

Sun Tzú

Besiegen wir einen äußeren oder inneren Feind?

Feinde können unserem Umfeld oder unserem Inneren entstammen. Der Zen-Buddhismus weiß, dass innere Feinde viel gefährlicher und zerstörerischer seien als äußere Feinde. Innere Feinde seien beispielsweise Wut, Hochmut und Hass. All diese starken Gefühle seien dazu in der Lage, uns die Sicht zu vernebeln und uns dazu zu bringen, Wahnsinniges zu tun. Taten zu vollbringen, die gegen uns arbeiten würden.

Äußere Feinde hingegen haben eine begrenzte Macht über uns. Es sei denn, wir gewähren ihnen eine unangemessene Präsenz in unserem Leben. Denn sie seien es, die Macht über uns gewinnen, wenn wir unsere inneren Feinde aktivieren. Wenn wir wütend seien oder jemanden hassen, verlieren wir unser wichtigstes Werkzeug: unsere Intelligenz.

Somit zeigen uns die fernöstlichen Kulturen, dass es nicht möglich ist, einen äußeren Feind zu besiegen, ohne zuerst den inneren Feind besiegt zu haben. Wenn uns das nicht gelingt, sind wir dem Einfluss und der Bestimmtheit unserer äußeren Feinde ausgesetzt. Kurz um, sie triumphieren über uns.

Buddhist schaut zum Mond

Der wahre Feind

Die Zen-Philosophie lädt uns darüber hinaus dazu ein, zu hinterfragen, wer unser wahrer Feind ist. Die Zen-Buddhisten gehen davon aus, dass unser wahrer Feind kein neidischer, egoistischer oder eigens interessierter Mensch oder eine Person sei, die uns schaden wolle. Wem wir uns im Grunde genommen stellen, sind Neid, Egoismus, Machthunger und jeglichem anderen zerstörerischen Gefühl. Und diese starken Gefühle befinden sich im Inneren dieser anderen Person, können aber auch unserer eigenen Person innewohnen.

Wenn wir also einen Feind in die Knie zwingen, besiegen wir diese Empfindungen und Grundgefühle, ganz unabhängig davon, wer sie empfindet oder worauf sie abzielen. Für die Zen-Buddhisten trage jeder von uns dazu bei, mehr Ordnung oder mehr Chaos ins Universum zu bringen. Das hänge davon ab, wie wir uns verhalten.

Mann umgeben von Vögeln

Konflikte führen zu Chaos. Und jedes Chaos beeinträchtigt auch uns, früher oder später. Jede Tat hat Konsequenzen und hasserfüllte Taten verstärken Hassgefühle nur noch mehr. Die Zen-Philosophie ruft dazu auf, unsere Feinde in die Knie zu zwingen, sie aber nicht zu besiegen. Konflikte sind immer unnötig und rauben uns Energie. Außerdem bringen sie noch mehr Unruhe in die Welt.

Einen Feind in die Knie zwingen

Laut der Zen-Philosophie sollten alle Taten, mit denen man einen Feind in die Knie zwingen wolle, darauf abzielen, ihn zu neutralisieren. Das bedeutet, seinen Handlungsspielraum blockieren. Hier ein Beispiel: Wenn uns jemand beleidigt und wir nicht zulassen, dass uns das verletzt, haben wir diesen Feind neutralisiert. Wenn man uns schaden will und wir eine Grenze ziehen, errichten wir eine Mauer, um diese Menschen abzublocken.

Das kann uns unmöglich gelingen, wenn wir zuvor nicht genügend an uns selbst gearbeitet haben. Diese Arbeit besteht darin, einen gewissen Abstand zu diesen starken und negativen Gefühlen zu nehmen. Auch müssen wir mitfühlend und dazu in der Lage sein, die Schwächen und Grenzen derjenigen zu erkennen, die durchs Leben laufen und anderen schaden wollen.

Genau wie bei den Zen-Techniken, bei den Kampfkünsten des Zen, gewinnen diejenigen, die es schaffen, den Kampf zu vermeiden. Wenn beide Seiten gestärkt aus der Konfrontation hervorgehen, dann können wir von einem Sieg sprechen. Diese Strategie basiert darauf, den Feind dazu zu bringen, zu erkennen, dass er seine Kräfte unnötig vergeudet. Dass sein Kampf sinnlos ist, weil sein Hass dem anderen letztlich nicht schadet, sondern ihn nur dazu bringt, seine Energie zu verschwenden.