Wie sollte man sich Trauernden gegenüber verhalten?

Ein Gastbeitrag von Iris Willecke. "Den meisten Trauenden fällt es schwer, sich von sich aus zu melden oder jemanden um Hilfe zu bitten."
Wie sollte man sich Trauernden gegenüber verhalten?

Geschrieben von Iris Willecke

Letzte Aktualisierung: 16. März 2022

Viele sind erst einmal verunsichert und wissen nicht, wie sie sich Trauernden gegenüber verhalten sollen. Das ist völlig normal und verständlich, denn Trauer ist ein sehr komplexer und individueller Prozess. In Krisensituationen reagieren Menschen ganz unterschiedlich, wodurch es nur wenig allgemeingültige Ratschläge geben kann.

Es gibt Menschen, die sich nach einer schweren Verlusterfahrung wie dem Tod einer geliebten Person zurückziehen und die andere um sich herum nicht gut ertragen können. Sie möchten in der Öffentlichkeit nicht auf den Todesfall angesprochen werden, da sie Angst haben, die Kontrolle zu verlieren und vielleicht in Tränen auszubrechen.

Andererseits gibt es auch sehr viele Trauernde, die das Alleinsein nicht aushalten und die sich über fehlende Anteilnahme ihres sozialen Umfelds beklagen. Sie möchten gerne über ihre Trauer sprechen, finden aber kaum jemandem, der dazu bereit ist. Manche fühlen sich regelrecht gemieden und alleingelassen. Sie vermissen echtes Interesse und würden es begrüßen, wenn mehr Leute den Kontakt zu ihnen suchen würden. Stattdessen müssen sie erleben, dass Bekannte plötzlich die Straßenseite wechseln oder sich im Supermarkt hinter Regalen verstecken, nur um nicht mit ihnen reden zu müssen. Auch wenn den Betroffenen durchaus bewusst ist, dass meist Unsicherheit dahintersteckt, verletzt ein solches Verhalten die meisten sehr.

Aber wie macht man es besser?

Wie geht man auf Trauernde zu?

Wie man sich am besten verhält, wenn man auf einen trauernden Menschen zum ersten Mal trifft, hängt stark von der Beziehung und der jeweiligen Situation ab. Wenn man sich nicht wirklich nahesteht, kann eine plötzliche Umarmung beim Einkaufen oder auf der Arbeit für Betroffene sehr unangenehm und übergriffig sein.

Aber die klassischen Beileidsbekundungen sind für viele, vor allem jüngere Trauernde, auch nicht leicht zu ertragen. Da ist so etwas wie: “Ich habe gehört … es tut mir sehr leid für dich/für Sie!“ wesentlich besser. Es ist auch immer gut, zu seiner eigenen Unsicherheit zu stehen und z.B. klar zu formulieren „ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“.

Bitte versuche niemals, den Trauernden mit gängigen Phrasen zu trösten. Es gibt in dieser Situation keine Standardsätze, die helfen! Aussagen wie „Die Zeit heilt alle Wunden“, „Es ging wenigstens schnell“ oder „Du hast ja zum Glück noch…“ können Trauernde sehr verletzen, ganz egal wie wahr oder gut gemeint sie sind.

Für Menschen, die eine geliebte Person verabschieden mussten, ist die Welt völlig aus den Fugen geraten. Der Schmerz sitzt tief und es gibt in aller Regel keine schnell dahingesagten Worte, die dem gerecht werden können. Trauernde empfinden die typischen Trauerfloskeln als plumpe, nicht helfende Vertröstungsversuche, die nur deutlich machen, dass der andere die Tragweite der Situation überhaupt nicht versteht. Wir sollten solche Sätze daher unbedingt meiden, wenn wir Trauernden emphatisch gegenübertreten möchten.

Zu meidende Aussagen 

Die folgende „Top Ten der schlimmsten Trauerfloskeln“ wurde in Abstimmung mit vielen Erwachsenen nach schweren Verlusterfahrungen erstellt. Natürlich empfindet nicht jeder alle Sätze darauf in gleichem Maße als problematisch oder verletzend, aber trotzdem gibt sie einen guten Überblick über geläufige Phrasen, die Betroffene eher nicht hören möchten.

trauernde Frau

1. “Die Zukunft wird besser”-Floskeln, z. B.: Das Leben geht weiter. Die Zeit heilt alle Wunden. Alles wird wieder gut.

2. “Du bist noch jung”-Sätze, z. B.: Du bist noch jung… / und kannst noch andere Kinder bekommen / findest einen neuen Partner…

3. “Sei nicht traurig”-Sprüche, z. B.: Er/Sie hätte nicht gewollt, dass du traurig bist. Er/Sie ist für immer in deinem Herzen. Er/Sie ist jetzt bei Gott.

4. “Du hast ja noch”-Hinweise, z. B.: Du hast ja noch… / andere Kinder / deinen Partner / deine Freunde / deinen Hund…

5. “Tu dies, mach jenes”-Ratschläge, z. B.: Schaff dir ein Haustier an! Such dir ein Ehrenamt! Geh mal zum Psychologen!

6. “Es ist besser so”-Floskeln, z. B.: Ihm/Ihr geht es jetzt besser. Das wäre kein Leben mehr gewesen. Sei froh, dass er/sie tot ist und nicht… / behindert / ein Pflegefall…

7. “Du musst oder darfst nicht”-Aufforderungen, z. B.: Du musst jetzt stark sein! Du musst nach vorne schauen! Du darfst dich jetzt nicht hängen lassen!

8. “Es war so bestimmt”-Aussagen, z. B.: Der liebe Gott wollte es so. Du wusstest ja, dass er/sie stirbt. Das Schicksal hat es so gewollt.

9. “Du bist so stark”-Äußerungen, z. B.: Ich bewundere dich für deine Stärke. Du bist stark und schaffst das. Ich würde das ja nicht überleben.

10. “Jetzt reicht’s”-Sprüche, z. B.: Trauerst du immer noch? Jetzt muss es aber auch mal gut sein. Es ist doch schon so lange her.

Selbstverständlich brauchst du dich nicht schlecht zu fühlen, falls du davon auch schon das ein oder andere zu Trauernden gesagt haben. Du wusstest es bisher nicht besser und hast es bestimmt gut gemeint. Viele Trauernde haben im Hinterkopf, dass ihnen niemand etwas böse will, auch wenn sie sich durch bestimmte Aussagen verletzt fühlen.  Außerdem kommt es auch immer stark darauf an, wer etwas in welcher Situation wie sagt. Vielleicht kam deine Äußerung beim anderen gar nicht als bloße Floskel an.

„Ich weiß genau, wie du dich fühlst“, ist übrigens auch kein guter Hinweis, denn niemand kann sich wirklich in die Gefühlslage einer anderen Person hineinversetzen, da diese von vielen individuellen Faktoren abhängig ist.

Die Frage „Wie geht´s?“ ist für Trauernde schwer zu beantworten, denn sie lässt nicht immer klar erkennen, ob der Fragesteller sie als gängige Begrüßungsfloskel nutzt, oder ob er wirkliches Interesse hat und man ihn auch mit einer ehrliche Antwort nicht überfordert. Hinzu kommt, dass Trauer nicht geradlinig verläuft und jeder Tag anders ist. Für welchen genauen Zeitraum soll man als Betroffener also antworten und wie soll es darauf überhaupt eine passende Antwort geben? Leichter macht man es Menschen, die trauern, wenn man z. B. konkreter „Wie geht es dir heute?“ fragt.

Bitte halte dich auch mit Ratschlägen zurück und zügle deine eigene Neugier! Natürlich kannst du fragen, ob der andere erzählen mag, was überhaupt passiert ist, aber du solltest niemals viele Nachfragen stellen, nur weil du etwas selber genauer wissen möchtest.

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Generell gilt für alle Gesprächen mit Trauernden, dass es besser ist, sie reden – oder auch schweigen zu lassen. Der eigene Gesprächsanteil sollte eher gering sein. Das bloße Da–Sein und Mit-Aushalten der Situation ist Trost.

Manche Trauernde machen sich Vorwürfe und geben sich Schuld. Hier ist es wichtig, Schuldvorwürfe nicht hartnäckig auszureden, da man sie damit verschlimmert und sich der Betroffene ansonsten nur völlig unverstanden fühlt und zurückziehen kann.

Du darfst sagen, dass du es anders siehst, darüber hinaus solltest du dich aber nicht aufgefordert fühlen, den anderen überzeugen zu müssen. Bei anhaltenden und stark belastenden Schuldzuweisungen ist es ratsam, sich Hilfe von Trauerbegleitern oder Therapeuten zu suchen.

Übrigens müssen Trauernde den Verstorbenen nicht „loslassen“. Diese Vorstellung von Trauerbewältigung ist längst überholt. Heute weiß man, dass Beziehungsarbeit über den Tod hinaus der richtige Weg ist.

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Konkrete Hilfe anbieten

Den meisten Trauenden fällt es schwer, sich von sich aus zu melden oder jemanden um Hilfe zu bitten. Statt zu sagen „du kannst mich jederzeit anrufen“ ist es daher in etwa folgende Formulierung besser: „Ich rufe dich am Sonntag an. Du musst nicht dran gehen, wenn du da gerade nicht sprechen magst.“ Und anstelle von „melde dich, wenn du was brauchst“, sind konkrete Hilfsangebote sinnvoller. Du kannst auch fragen „Was brauchst du im Moment am meisten?“ oder „Fällt dir etwas ein, wie ich dich unterstützen kann?“ Du solltest aber nur anbieten, was du auch wirklich leisten möchtest und kannst.

In anderen Ländern ist es üblich, dass sich Familienmitglieder, Freundeskreise und die Nachbarschaft absprechen und Alltagshilfe organisieren. Da werden z. B. Pläne gemacht, wer wann Essen vorbeibringt, Fahrdienste übernehmen kann oder sich ums Rasenmähen kümmert. Stellt man sich beispielsweise eine Familie mit mehreren Kindern vor, in der plötzlich ein Elternteil verstorben ist, kann man schnell nachvollziehen, wie hilfreich und entlastend eine derartige Unterstützung sein kann. Es wäre schön, wenn so eine Sorgekultur auch in Deutschland populärer würde.

Ein wichtiger Punkt noch zum Schluss. Trauer dauert viel länger, als allgemein angenommen. Auch Trauerzeiten von mehreren Jahren, in denen es immer wieder Phasen geben kann, in denen sich der Trauernde mit allem überfordert fühlt, sind völlig normal. Daher sollten Äußerungen, die Unverständnis über noch vorhandene Trauer ausdrücken, ebenfalls unterlassen werden und Unterstützungsangebote nicht sofort nach kurzer Zeit wieder eingestellt werden.

Tipp: Einen alle wichtigen Punkte zusammenfassenden “Spickzettel für den Umgang mit Trauernden” findet ihr hier.

Bibliografie:

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