Wie ein Trauma das Gehirn verändert

Warum werden nicht alle schmerzhaften Erfahrungen zu einem Trauma? Und vor allem: Was passiert mit unserem Gehirn bei einem traumatischen Ereignis? Erfahre mehr darüber!
Wie ein Trauma das Gehirn verändert

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 02. Juni 2022

Ein traumatisches Ereignis hat die Macht, das Leben eines Menschen komplett zu verändern. Die Auswirkungen können so tiefgreifend sein, dass sie sich auf alle Bereiche auswirken. Sie gefährden nicht nur die körperliche und emotionale Gesundheit, sondern beeinflussen auch zwischenmenschliche Beziehungen negativ. Wir konzentrieren uns heute auf die Frage, wie ein Trauma das Gehirn verändert.

Was ist ein Trauma?

Bevor wir uns die komplexen neuronalen Wege unseres Gehirns ansehen, beginnen wir mit einer kurzen Definition von Trauma. Wir können eine Vielzahl von schwierigen und schmerzhaften Erfahrungen erleben, es müssen jedoch nicht alle traumatische sein.

Ein Trauma entsteht in einer bedrohlichen Ausnahmesituation, wenn eine Person von den emotionalen und adaptiven Herausforderungen überwältigt wird und diese nicht verarbeiten kann. Der psychologische Druck ist so groß, dass er langfristige Schäden verursacht.

Wie ein Trauma das Gehirn verändert
Ein Trauma erzeugt großes emotionales Leid.

Wie ein Trauma das Gehirn verändert

Das Gehirn ist eine erstaunliche Maschine, die auf das Überleben und die Integrität unseres Organismus programmiert ist. 

Um dieses Ziel zu erreichen, aktiviert es in einer bedrohlichen Situation verschiedene Mechanismen. Der Sympathikus aktiviert diese Kampf- oder Fluchtreaktion, die unter anderem zu einer beschleunigten Herz- und Atemfrequenz, der Zunahme des Blutdrucks, der Ausschüttung von Stresshormonen und einer Pupillenerweiterung führen.

Wenn das Gehirn die Bedrohung als lebensgefährlich einstuft und die Situation über einen längeren Zeitraum vorhanden ist, kann es überfordert sein, was verschiedene negative Folgen nach sich zieht. Das Gehirn versucht, einen Ausweg zu finden, was jedoch einen großen Energieaufwand erfordert. Dadurch kommt es zu verschiedenen Veränderungen in unserem Denkorgan, die wir uns anschließend etwas genauer anschauen werden.

Amygdala: die emotionale Schaltzentrale

Die Amygdala (Mandelkern) ist ein Stammteil des Endhirns im Schläfenlappen. Sie ist Teil des limbischen Systems und für emotionale Reaktionen und die Bildung von Erinnerungen, die mit diesen im Zusammenhang stehen, verantwortlich. Diese Gehirnstruktur ermöglicht es uns unter anderem zu lernen, welche Situationen uns glücklich oder wütend machen.

Die Amygdala ist auch an der Angstverarbeitung beteiligt und spielt bei der Aktivierung der Kampf- oder Fluchtreaktion eine grundlegende Rolle. Bei traumatischen Erlebnissen reagiert diese Gehirnstruktur intensiv und lange, was die Angstreaktion verstärkt und zu einer emotionalen Überlastung führt.

Das Gehirn interpretiert die Situation als bedrohlich und reagiert intensiv. Auch wenn das traumatische Ereignis bereits vorbei ist, verhält sich die Amygdala noch so, als ob die Bedrohung weiter bestehen würde. Dies verändert die Funktionsweise des Gehirns und seine Beziehung zur Umwelt.

Der Hippocampus: die Schaltstelle zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis

Der Hippocampus ist eine Gehirnstruktur, die sich im Schläfenlappen befindet und der Form eines Seepferdchens ähnlich ist. Dieser Gehirnbereich spielt in der Bildung neuer Erinnerungen eine entscheidende Rolle. Emotionaler Stress kann das Volumen des Hippocampus allerdings reduzieren, in der Folge ist die Bildung neuer und die Aktivierung bestehender Neuronen gehemmt. Traumatischer Stress beeinträchtigt also den Hippocampus, was Lern- und Gedächtnisprozesse beeinträchtigt.

Dies hat außerdem zur Folge, dass die traumabedingten negativen Erinnerungen gefestigt und weniger neue, positive Erinnerungen gespeichert werden.

Der präfrontale Kortex: der Lotse des Schiffes

Dieser Gehirnbereich prozessiert die Exekutivfunktionen, wie Planung, Entscheidungsfindung, Anpassung an soziale Konventionen, Interpretation von Informationen, Impulskontrolle und Problemlösung. Deshalb ist der präfrontale Kortex im täglichen Leben, für Lernprozesse und für die Persönlichkeit grundlegend.

Anhaltender traumaverursachter Stress kann das Volumen des präfrontalen Kortex beeinträchtigen und die Anzahl der Verbindungen mit anderen Gehirnarealen reduzieren. Dies wiederum wirkt sich negativ auf die Problemlösungsfähigkeiten und andere Exekutivfunktionen aus, die nötig sind, um sich an die Anforderungen der Umwelt anzupassen.

Darüber hinaus erhöht eine Schädigung des präfrontalen Kortex die Anfälligkeit für andere Krankheiten wie Angststörungen, Stimmungsschwankungen und degenerative Hirnerkrankungen.

Wie ein Trauma das Gehirn verändert: ein makabrer Teufelskreis

Das hast du vielleicht schon bemerkt. Die Veränderungen in den drei beschriebenen Gehirnbereichen beeinflussen sich gegenseitig. Die verschiedenen Areale arbeiten zusammen, wenn ein Bereich geschädigt ist, wirkt sich das auch auf andere aus.

Negative Auswirkungen auf den präfrontalen Kortex beeinträchtigen das adaptive Problemlösen und das Management negativer Emotionen. Das wiederum erhöht die Intensität der Amygdala-Aktivierung und beeinträchtigt die Funktion des Hippocampus beim Speichern neuer Erinnerungen.

das Gehirn

Die Schäden, die ein traumatisches Erlebnis im Gehirn verursacht, führen in einen Teufelskreis, der die Auswirkungen zunehmend verstärkt. Traumata können deshalb ernste Symptome und Störungen zur Folge haben:

  • Schlaflosigkeit
  • Gereiztheit
  • Aufmerksamkeitsprobleme
  • Lernschwierigkeiten
  • Gedächtnisprobleme
  • Angst
  • Beziehungsprobleme
  • Das Wiedererleben der traumatischen Erfahrung

Sie können auch zur Entwicklung von Psychopathologien führen. Die offensichtlichste davon ist die posttraumatische Belastungsstörung, doch auch andere Störungen sind möglich. Die Beeinträchtigung der Gehirnstrukturen durch ein traumatisches Ereignis kann auch zu Angst- und Stimmungsstörungen führen.

Das Gehirn wird durch das Trauma verändert, wobei sich die negativen Auswirkungen zunehmend auf die neuronalen Strukturen auswirken. Der Versuch des Gehirns, sich zu schützen, schadet der betroffenen Person. Wir können daran erkennen, dass sich ein Trauma nicht von selbst heilen lässt.

Professionelle Hilfe ist grundlegend, um traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und Folgeprobleme zu verhindern. Die Plastizität des Gehirns ist erstaunlich und hoffnungsvoll, sie muss jedoch fachärztlich gefördert werden. Wie Lisa Simpson sagen würde: Wir müssen uns um unser Gehirn kümmern, denn es ist der beste Freund, den wir haben können.

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